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Ehrenrettung zum 60. Geburstag: Ist Barbie oberflächlich und magersüchtig? Also, meine Barbie war Privatdetektivin

Die Barbie wird 60 und in den letzten Jahrzehnten ist jede Menge auf sie projiziert worden. stern-Redakteurin Kerstin Herrnkind findet: Die Barbie-Puppe ist weitaus besser als ihr Ruf.

Barbie mal anders, als Nachrichtenmoderatorin und Ingenieurin: Die Puppe begeistert Millionen von Mädchen

Barbie mal anders, als Nachrichtenmoderatorin und Ingenieurin: Die Puppe begeistert seit Jahrzehnten Millionen von Mädchen

Meine Freundin erwartete ihr erstes Kind. Sie wusste, es wird ein Mädchen. "Eines weiß ich jetzt schon", sagte sie. "Eine Barbiepuppe kommt mir nicht ins Haus. Dieses sexistische Spielzeug ist nichts für meine Tochter. Sie soll nicht so eine angepasste Tusse werden." Ich schwieg und beschloss, ihrer Tochter die erste Barbie zu schenken. Als Kind hatte ich großen Spaß mit meinen Barbies. Den sollte die Tochter meiner Freundin auch haben.

Leider war ich dann doch nicht schnell genug. Die erste Barbie bekam das Kind von ihrer Cousine geschenkt. Eine platinblonde Schönheit mit Wespentaille. So eine richtige "spinnenbeinige Anorektikerin" (Emma über Barbie), der meine Freundin schon vor der Geburt ihrer Tochter Hausverbot erteilt hatte. Doch beim Blick in die Augen ihres Kindes knickte sie sofort ein. Barbie durfte ins Kinderzimmer ziehen. Und mit ihr die Farbe Pink.

Barbie: Magersucht-Gefahr im Kinderzimmer?

Beging sie damals, vor fast 30 Jahren, einen schlimmen Fehler? Barbie soll gefährlich sein. Eine falsche Freundin, die das Frauenbild von Mädchen negativ beeinflusst. Verhindert, dass sich Mädchen für Mathe interessieren. Und stattdessen magersüchtig werden. 2017 gab es diese Studie aus Australien, die zu dem Ergebnis kam, dass Mädchen, die mit Barbies spielen, unbedingt dünn sein wollen.

Die Psychologie-Professorin Marika Tiggemann von der Universität Adelaide riet Eltern damals, ihren Kindern andere Puppen zu geben, wie sie der australischen Zeitung "Herald Sun" sagte. Sie hatte 160 Mädchen im Alter von fünf bis acht Jahren befragt. Auch eine Studie der Universität Sussex setzte Barbie schon 2006 auf die Anklagebank, weil die Puppe Magersucht fördere. Befragt wurden 200 Mädchen. "Der pinke Wahnsinn und seine Folgen", titelte eine Zeitung. Doch wie glaubwürdig sind solche Untersuchungen? 

Millionen von Frauen, die Barbie lieben

2015 haben 270 Forscher aus aller Welt versucht, psychologische Studien, deren Ergebnisse zuvor in renommierten Fachzeitschriften gefeiert worden waren, zu wiederholen. Das Ergebnis war peinlich. Bei den Originalstudien kam es bei 97 Prozent zu Ergebnissen, die angeblich statistisch relevant waren. Bei den Wiederholungsversuchen schrumpfte die Zahl. Auf 26 Prozent. Auch aus statistischen Gesichtspunkten können diese beiden Barbie-Studien, für die nicht mal 400 Mädchen befragt wurden, allenfalls als Stichproben durchgehen.

Nun wird die Barbie 60. Vermutlich gibt es, seitdem die Puppe 1959 auf den Markt kam, in jeder Generation Millionen Frauen, die leidenschaftlich mit Barbie gespielt haben. Und die nicht magersüchtig geworden sind. Die Karriere gemacht haben. Und die ihren Töchtern nun Barbies schenken. Und sich mitunter rechtfertigen müssen, als hätten sie ihren Kindern Kalaschnikows gekauft. Ich schenkte der Tochter meiner Freundin ihr zweites Exemplar, eine brünette Schönheit. 

Meine Barbie war Privatdetektivin

Bevor ich die Puppe zur Adoption freigab, kämmte ich ihr glänzendes, hüftlanges Haar und wurde ganz wehmütig. Keine Ahnung, wie viele Barbies ich als Kind hatte, es waren einige. Sie lebten in einem Haus, das ich aus Kartons gebaut hatte. Auch ihre Möbel bastelte ich selbst: Zwei ineinander gesteckte Kartons mit Samt beklebt, fertig war das Barbie-Sofa. Mein Barbie-Liebling war blond und stupsnasig. Ich fand sie schön, verschwendete aber nie auch nur einen Gedanken daran, dass ich so aussehen wollte wie sie. Wichtiger waren die Abenteuer, die wir zusammen erlebten.

Meine Barbie war Privatdetektivin. Zu diesem Beruf war sie gekommen, als ihre kleine Schwester Tutti entführt worden war. Die Polizei kriegte nichts auf die Reihe. Also musste Barbie ran, um ihre Schwester zu finden. Nachdem sie Tutti aus den Fängen böser Gangsterbarbies befreit hatte, konnte sie sich vor Aufträgen nicht mehr retten. Sie wurde reich und reicher. Vor ihrem Haus standen bald Swimmingpool, ein Pferd und mehrere Jeeps.

"Die spielen so schön damit"

Barbie war eine Siegertype, hatte vor nichts und niemandem Angst. Sie war keine Tusse, sondern eine toughe Frau. Meine Freundin kriegte noch drei Mädchen. Mit den Kindern marschierte eine ganze Barbie-Armee in ihr Haus ein. Doch sie hatte sich längst mit dieser Puppe versöhnt. "Die spielen so schön damit, denken sich Geschichten aus“, sagte sie nun milde. 

Mir fielen die Geschwister Brontë ein. Charlotte, Emily, Anne und Branwell Brontë spielten ihre Geschichten mit Zinnsoldaten durch, bevor sie die Szenen zu Papier brachten. Ihre Geschichten gehören heute zur Weltliteratur. Vielleicht liegt hier das Geheimnis von Barbies Erfolg. Kinder wollen sich Geschichten ausdenken und sie mit Puppen nachspielen. Schon im 13. Jahrhundert soll es in Frankreich Modepuppen gegeben haben. Auch dass Mädchen zur Magersucht neigen, konnte ich bei der Feldforschung im Hause meiner Freundin nicht beobachten.

Hauptsache, man kann mit ihr Pferde stehlen

Einmal saßen die Mädchen am Tisch. Die Zweitälteste vertilgte ein Stück Torte. "Ich kann nicht verstehen, warum Mädchen magersüchtig werden", sagte sie. "Essen ist einfach zu lecker." Auch sie spielte gern mit "spinnenbeinigen Anorektikerinnen". Klar gibt es Frauen, die aussehen wollen wie Barbie, sich sogar operieren lassen, um ihrem Ideal nahe zu kommen, wie das deutsche Fotomodell Angela Vollrath oder die Ukrainerin Valeria Luyanova. Aber das sind Ausnahmen, und zwar traurige.

Deshalb ist es gut, dass Barbie in den letzten Jahren zugenommen hat. Man sollte ihr auch den Mund verbieten, wenn sie Sätze sagt wie: "Mathe ist anstrengend, lass uns lieber shoppen gehen." So ein Modell hätte meine Freundin wohl auch nie gekauft. Und es gibt ja inzwischen auch die Anti-Barbie mit Pickeln und Cellulite. Auch gut. Hauptsache, man kann mit ihr Pferde stehlen.

Auch Lesen galt mal als gefährlich

Es lohnt sich übrigens mal nachzulesen, was unter pädagogischen Gesichtspunkten alles schon auf der Shit-List stand. Das Lesen galt im 18. Jahrhundert als gefährlich. Lesende Kinder, so warnten Priester und Pädagogen, würden nicht mehr auswendig lernen, könnten deshalb keine Gebete mehr aufsagen und würden "vom rechten Glauben abfallen". Lesende Frauen waren gefährlich, weil ihr neu erworbenes Wissen "zur Last für die Gesellschaft" werden könnte. Leihbüchereien waren als gefährliche Orte verschrien, an denen man sich mit "Lesesucht" infizieren konnte.

Heutzutage warnt Susan Quilliam, eine britische Paartherapeutin und Autorin, Frauen vor der Lektüre von Liebesromanen. Frauen würden Geschichten aus der rosaroten Welt glauben und dann von der Wirklichkeit bitter enttäuscht. Außerdem kämen in Liebesromanen so gut wie nie Kondome zum Einsatz. Quilliam beleidigt die Intelligenz von Frauen. Spricht ihnen die Fähigkeit ab, zwischen Realität und Fiktion zu entscheiden. Und glaubt offenbar, dass sie nicht verhüten, nur weil bei Shakespeare nichts davon stand, dass Romeo ein Gummi aus der Tasche zog, bevor er mit Julia ... Aber 1562 gab es halt noch keinen Kunststoff.

Barbie ist besser als ihr Ruf

Dank Barbie ist auch ihre Lieblingsfarbe Pink zum Synonym für Oberflächlichkeit, Naivität und Dummheit geworden. Wehe, eine Frau trägt Pink. "Die dunklen Haare sind dem Wasserstoff zum Opfer gefallen, die neue Lieblingsfarbe ist offensichtlich Pink", schrieb eine Zeitung über Katy Perry und fragte die weltberühmte Sängerin, ob sie keine Angst habe, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. In den USA wird Pink gerade zum Wahrzeichen gegen die sexistischen Äußerungen von Präsidenten Trump.

Pink wird rehabilitiert. Nun ist Barbie dran. Sie ist ein Spielzeug. Nur weil Mädchen sich mit ihr die Zeit vertreiben, wachsen sie nicht automatisch zu oberflächlichen Tussen heran. Oder werden magersüchtig. Genauso wenig wie ein Mensch, der Ballerspiele liebt, automatisch Amok läuft. Dass er leicht an Waffen kommt und auch sonst ein frustrierendes Leben führt, spielt womöglich die viel größere Rolle. Der Mensch ist kein schlicht gestricktes Wesen. Und Barbie ist besser als ihr Ruf.

Das glaube ich nicht nur, weil ich sie geliebt habe, sondern auch, wenn ich mir ansehe, was aus der Tochter meiner Freundin geworden ist: Ihr Abitur bestand sie mit einer Eins vor dem Komma. Ihr Lieblingsfach: Mathematik. Sie hatte überlegt, Mathelehrerin zu werden. Doch dann entschied sie sich für Jura. Mittlerweile ist sie Anwältin.

Fanatische Sammlerin: Diese Frau hat ihr Leben in eine Barbiewelt verwandelt