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Exklusiv beim "Spectre"-Dreh in Marokko: Liebesszenen bei 43 Grad? Das macht nicht mal James Bond

Diese Szenen gibt es erst im Kino zu sehen. Unser Autor war exklusiv bei den Dreharbeiten zu "James Bond" in Marokko dabei: zwischen Daniel Craigs Einkäufen, Actionaufnahmen bei 43 Grad und seinen heißen Liebesszenen.

Von Siegfried Tesche, Marokko

Daniel Craig beim Dreh des neuen "James Bond"-Abenteuers "Spectre"

Daniel Craig in Aktion beim "Spectre"-Dreh: nach Italien, Österreich und Zypern auch in Marokko

Es ist heiß, es ist laut. Wüstensand wirbelt durch die Luft. Die Schaulustigen bedecken ihre Gesichter, um sich vor der Mischung aus Staub, Dreck und diesem unerträglichen Wind zu schützen. Doch sie sind ja freiwillig hier, auch wenn man sehr genau hingucken muss, um etwas zu sehen. Teile des neuen "James Bond"-Abenteuers "Spectre" werden außerhalb der kleinen Stadt Oujda im Nordosten von Marokko gedreht. Der Kamerahelikopter schwebt über dem so genannten Oriental Desert Express, einer alten rotgelb gestrichenen Eisenbahn, die sich 305 Kilometer durch die Wüste entlang der algerischen Grenze schleppt. Dies ist einer von drei Drehorten in dem Wüstenstaat, aber noch nicht der heißeste.

Langsam setzt sich die Diesellok in Bewegung. Kameramann Hoyte van Hoytema ist noch nicht zufrieden. Drei Mal muss der betagte Zug anfahren, ehe auch Regisseur Sam Mendes sein Okay gibt. Es ist sein zweiter Besuch in Oujda. Im Dezember 2014 war er schon einmal hier, um Aufnahmen mit Daniel Craig und Léa Seydoux zu drehen. Die Innenaufnahmen sind im März in den Londoner Pinewood Studios entstanden. Dort wurden ein Abteil- und ein Speisewagen des Oriental Desert Express nachgebaut. Darin entstand eine Prügelei.

James Bond entkommt von einstürzendem Haus


Der Regisseur ist Fan

Mendes ist ein Fan des Bond-Films "Leben und sterben lassen", es war der erste, den er je gesehen hat. Die Prügelszene zwischen Bond (damals Roger Moore) und dem farbigen Riesen Tee Hee mit Stahlkralle (Julius W. Harris) hat ihn schwer beeindruckt. In "Spectre" muss sich Bond mit einem ehemaligen Wrestler namens Hinx (Dave Bautista) messen. Der taucht als Kellner verkleidet im Speisewagen auf und stört das Tête-à-Tête zwischen 007 und seiner Begleitung, indem er ihnen im wahrsten Sinne des Wortes den Tisch wegreißt. Ein heißer Kampf entbrennt.

Wie angenehm, dass es in der Küsten-Metropole Tanger kühler ist. Das Motiv liegt mitten in der Kasbah der Stadt. Vor und nach dem Bond-Dreh stand "Dar Lidam" an dem Restaurant des Spaniers Rafael Franco Perez. Aus seinem frisch restaurierten Haus machte die Crew das "Hotel L'Americain" und gestaltete es so um, dass es aussieht als wäre die Zeit in den 50er Jahren stehengeblieben. Und nicht nur das. Bevor Craig und Seydoux die wenigen Stufen zum neuen "alten" Haus heruntergehen, bauen die Ausstatter noch einen kleinen Basar auf, und eine Apotheke wird - zumindest von außen - zum Café.

"Als wenn der Papst um die Ecke kommt"

Knapp zwei Wochen verbringt die Crew in der Stadt. 1500 Übernachtungen kommen zusammen. Residiert wird selbstverständlich in einem Luxushotel. Dessen Chef, der Deutsche Albrecht Jerrentrup, freute sich über die großzügige Filmcrew: "Die anderen Gäste waren erstmal ein bisschen genervt, als plötzlich 35 Techniker mit Taschen und Kisten in der Halle auftauchen. Aber wenn man ihnen sagt, dass hier 'James Bond' gedreht wird, finden die das toll. Damit kann man vieles entschuldigen. Wenn der Daniel Craig irgendwo auftaucht, dann ist das so, als wenn in Rom der Papst um die Ecke kommt."

Der "Papst" hat hier allerdings gar nicht viel zu arbeiten. In beigefarbener Hose, hellem Shirt und brauner Jacke schlendert er neben Léa Seydoux im weißen Kleid am Set entlang. Ein paar Mal gehen sie durch Gassen, dann zum "falschen" Hotel. Maximal 60 Sekunden lang wird das Ganze im Film zu sehen sein. Die heiße Liebesnacht entstand im Studio. Da wundert man sich kaum noch, wo das Budget von geschätzt 270 bis 300 Millionen Dollar bleibt.

"Alles aus England mitgebracht"

Selbst Hamid Ben Amar, der seit mehr als 25 Jahren im Auftrag eines Reiseveranstalters Besucher durch die Stadt führt und Filmcrews betreut, war überrascht. Er hat schon mit Penélope Cruz, Matt Damon und Timothy Dalton gearbeitet. Gerade dreht Heiner Lauterbach ein paar Straßen weiter einen Krimi. Vom "Bond"-Aufwand ist er überrascht: "Im Januar wurde uns gesagt, dass der 'Spectre' hier gedreht werden soll. Dann hieß es, dass ein Teil in der Kasbah Schauplatz wird. Wir erfuhren, dass viel Geld involviert ist. Wir haben hier marokkanische Techniker und Maler, aber sie haben alles aus England mitgebracht."


Und sie sperren alles ab. Ausnahmezustand in der Kasbah. Security überall. Wer keinen Ausweis hat, kommt nicht mehr weiter. Arib und Hayed, zwei Jugendliche, die nur ein paar Straßen weiter wohnen, haben vergeblich versucht, ein Selfie mit Daniel Craig zu bekommen. Selbst das wurde nicht erlaubt. Stattdessen liegt überall Equipment herum, das die englische Crew in den schmalen Gassen zwischenlagert.

Auch das Hotel ist abgeschirmt. Im November 1986 war es das Hauptquartier für den Dreh von "Der Hauch des Todes" mit Timothy Dalton als 007. In der Lobby hängt ein Bild des Produzenten Albert R. Broccoli – auch wenn James Broccoli darunter steht. Jetzt ist dessen Tochter Barbara Broccoli hier und sorgt für ein volles Haus, obwohl die Dreharbeiten nur zwei Tage dauern.

Daniel Craig war hier

Dafür ist der dritte Drehort mit sehr viel Aufwand verbunden. Fast 750 Kilometer von Tanger entfernt, nahe der algerischen Grenze, liegt das Städtchen Erfoud. Dort leben nur rund 27.000 Einwohner. Bekannt ist es für Fossilien-Funde. Alle paar Meter findet man ein Geschäft, in dem Versteinerungen angeboten werden. Geschickte Schleifer machen daraus Tische, Brunnen und Waschbecken. "Daniel Craig hat auch hier eingekauft", sagt Jumah, einer der Verkäufer, der seine Waren anpreist, "aber die meiste Zeit war er im teuren Hotel". Das ist jedoch nicht der Drehort, sondern ein einsames Wüstenareal, das von riesigen Felsen umgeben ist.

Von Erfoud aus sind es noch mal rund 30 Minuten mit dem Jeep, bis nach Merzouga. Von hier aus starten die bei den Touristen so beliebten Kameltouren in die Sahara. Unterwegs dorthin befinden sich ein paar spektakuläre Felsformationen, die schon für Filme wie "Marschier oder stirb", "Die Mumie" und "Sahara" genutzt wurden.

Kulisse für "Spectre" ist ein weitläufiger Krater. Dorthinein hat man ein Stückchen Straße, eine Tankstelle und ein paar Häuserwände mit bodentiefen Glasscheiben gebaut. Es sind Teile des Hauptquartiers von Franz Oberhauser. An der Seite eines der Felsen befindet sich ein extra gebautes Gerüst für die Kameras. 

Bei Christoph Waltz daheim

Christoph Waltz spielt den Bösewicht mit Familienanschluss. Denn seine Eltern waren es, die den Waisenjungen Bond nach dem Tod von dessen Familie aufgenommen haben. Sie wuchsen auf wie Brüder, jetzt sind sie Gegner - und sie schwitzen. Über 40 Grad sind in dieser Gegend keine Seltenheit, und gerade zeigt das Thermometer 43 Grad. Es ist 10.30 Uhr.

Ein schwarzer Rolls Royce rumpelt auf einer provisorischen Straße durch die Wüste. Craig und Seydoux sitzen drin, Waltz empfängt sie in seinem Hauptquartier. Von diesem entlegenen Ort aus, steuert er seine terroristischen Aktivitäten, platziert Bomben in Kapstadt und Hamburg. Dann grillt er Bond auch noch mit Sonnenkollektoren, wie Zeugen berichten. Doch Bond wäre nicht der beste Mann des britischen Geheimdienstes, wenn er nicht einen Fluchtweg finden würde. "Wir haben hier einen der größten Knaller der ganzen Serie gedreht", verrät Special-Effects-Mann Chris Corbould. "Es hat hier mehrfach kräftig gekracht", sagt einer der Wächter der Kulissen, der seinen Namen lieber nicht verraten will. Top Secret.

Ein Besuch des Kraters verrät den Aufwand: Verbrannte Erde überall, zersplitterte Kulissen, und verbogene Rohre beweisen die gewaltigen Explosionen. Eine extra angefertigte Straße ist aufgerissen. Mit anderen Worten: Oberhausers Domizil fliegt in die Luft. Doch das ist nicht etwa das Ende des Films. Das Finale spielt am MI 6 Gebäude in London, am Vauxhall Cross und der Westminster Bridge. Dort ist es definitiv angenehm kühl.

"Spectre" feiert am 26. Oktober in London Weltpremiere und zwei Tage später in Berlin in Anwesenheit von Daniel Craig, Christoph Waltz, Naomie Harris und Barbara Broccoli seine Deutschlandpremiere. Kinostart ist der 5. November.