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Hausmittel gegen Erdoğan: Alkohol ist in der Türkei ein politisches Statement – wie ist es da, sein eigenes Bier zu brauen?

Wer hier, in der Türkei, trinkt, der drückt seine Meinung aus. Und die geht nicht selten gegen den Präsidenten. Und für mehr Freiheit. Also ist unser JWD-Reporter nach Istanbul gereist, um mit jungen Bierbrauern anzustoßen

Von Raphael Geiger

Istanbuls Bürgermeister für 20 Tage: Ekrem Imamoğlu ist Erdoğan zu liberal (links)

Istanbuls Bürgermeister für 20 Tage: Ekrem Imamoğlu ist Erdoğan zu liberal (links)

Alles ergibt wieder Sinn an diesem Abend in Istanbul, an dem wir uns zum politischen Trinken verabredet haben. Starb nicht Mustafa Kemal Atatürk, der die Republik gegründet hat, an Leberzirrhose? So weit muss man es ja nicht kommen lassen, aber der Mann war eben Überzeugungstäter. Und Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete ihn einst als "Säufer".

Die Mädchen neben uns, jedes eine Dose Bier in der Hand, schreien das Lied mit, das aus der Kneipe kommt: "Wir sind die Soldaten von Mustafa Kemal!" Und ein Mann am Tresen ruft einen Satz,  der schon fast als Präsidentenbeleidigung gelten könnte: "Şerefe, Tayyip" – auf dein Wohl, Tayyip!

Sie lachen, tanzen, singen, trinken. Die Traurigkeit scheint verflogen, die  so lang über der Stadt hing. Und mit ihr die Verzweiflung angesichts des nicht-trinkenden, autoritären Präsidenten.

Gerade hat auf dem Gelände nebenan der neue Bürgermeister gesprochen. Er kommt von der Opposition und hat Erdoğans AKP nach einem Vierteljahrhundert die Macht in Istanbul entrissen.

Joko Winterscheidt auf dem Cover der JWD, Ausgabe 13

Joko Winterscheidt auf dem Cover der JWD, Ausgabe 13

"Wir haben so lange darauf gewartet", sagt eines der Mädchen vor der Kneipe. Hier in Maltepe, einem linken Viertel  auf der asiatischen Seite, ist erlaubt, was anderswo schon lange nicht mehr geht: auf einem öffentlichen Platz trinken zum Beispiel. Sie wissen an diesem Abend noch nicht, dass die Wahl kurz darauf annulliert wird. Und dass, mal wieder, alles auf dem Spiel steht.

Zeit für ein paar Bier mit jungen Türken, denen das Anstoßen als Akt des politischen Widerstands gerade besonders viel Spaß macht. Wie politisch ist es da erst, Bier selbst zu Hause zu brauen?

Freitag, zwei Tage zuvor

Die Reise durch das trinkende Istanbul beginnt am Gezi-Park. Wenn man heute hier steht, sechs Jahre nach den Protesten, sieht man nicht weit. Eine neue ­Moschee drängt sich in den Blick. Sie ist so groß, dass sie den ganzen Platz prägt. Und genau das soll sie.

"Wir haben dafür bezahlt", sagt Baris, 28, der nur ein paar Minuten entfernt wohnt, am Hang zum Bosporus hinunter. Erdoğan hat eine Alkoholsteuer erhoben, die bei Hochprozentigem mittlerweile das Vierfache des Kaufpreises beträgt. Der Präsident will die Türkei nicht nur regieren, er will sie "reinigen", wie er es ausdrücken würde, vom sündigen westlichen Einfluss. Er ist der oberste Baba und sagt seinen Millionen Kindern: Hört auf zu trinken, es ist schlecht für euch.

Zu trinken ist in der Türkei ein Statement geworden. Wer trinkt, zeigt, wo er steht. Aber er bezahlt dafür einen Preis. Und Erdoğan entscheidet, wofür er die Einnahmen aus der Alkoholsteuer nutzt: für die Armee vielleicht oder doch noch für ein paar weitere neue Moscheen?

Baris wehrt sich dagegen in seiner Küche. Er hat sich im Internet eine Ausrüstung zum Bierbrauen bestellt, das Einsteigerset. Die Fertigmischung kommt in einen Eimer mit 30 Litern Wasser und ein bisschen Zucker, dann gärt das Bier zwei Wochen lang. Nebenan im Schlafzimmer stehen schon zwei Kästen mit abgefüllten Flaschen, ein paar Tage noch, dann kann er es probieren. Sein eigenes Ale, alkoholsteuerfrei.

Dass Erdoğan langsam die Kontrolle übers Land entgleitet, zeigt sich am Glas: Er bewirkt das Gegenteil. Auf Instagram und Facebook posten die jungen türkischen Privatbrauer ihre Produkte, tauschen Tipps aus. Alles ein bisschen nerdig. Aber dabei hochpolitisch. Jede selbst gebraute Flasche eine kleine Demo: Ich trinke und lasse es mir nicht verbieten.

Baris erzählt, dass die Kioske nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen. Viele tun es trotzdem. Heimlich. Als er neulich nach zehn in einem Kiosk nach Bier fragte, bat ihn der Verkäufer in die Ecke und reichte ihm unter der Theke eine Flasche hindurch. "Als hätte ich Heroin verlangt", sagt Baris.

Baris macht sich lustig über die ­verhüllten arabischen Touristinnen, von denen immer mehr in die Stadt kommen. Wie sie beim Essen das schwarze Tuch über den Mund heben müssen: "Was für eine Komödie", sagt Baris. Er hat den Zeichentrickfilm "Persepolis" gesehen, der von der islamischen Revolution im Iran handelt. Er lacht. "Falls es hier auch mal so weit kommt, muss ich vorher noch genug Bier brauen."

Wir verlassen Baris’ Wohnung und laufen durch die Straßen. Von einer islamischen Revolution ist aber nichts zu spüren. Überall Bars. Junge, sich besaufende, knutschende Menschen. Die Nacht ist laut und lang. Vielleicht sogar lauter und länger als früher. Ist ja die einzige Art des Protests, die Baba Erdoğan noch erlaubt, weil er das Geld braucht für seine Alkoholsteuer-Moscheen.

Samstag

Am Morgen steigen wir leicht verkatert auf eine Bosporus-Fähre und fahren nach Asien ins Viertel Kadıköy, das vielleicht liberalste der ganzen Stadt. Hier lebt Avni, ein Bierbrauprofi. Als wir ankommen, hat er schon seine ganze Küche mit Brauutensilien vollgestellt.

"Es ist eine Kunst", sagt Avni, zwischen Eimern, Töpfen und Schläuchen balancierend, die Küche ist gleichzeitig sein Ess- und Wohnzimmer, und an Tagen wie diesen sein Brauzimmer.

Auch Avni macht Ale. Davon gibt es wenig in Istanbul, und es ist am einfachsten, selbst zu brauen. Avni spielt mit Geschmacksrichtungen, heute probiert er Hopfen mit Zitrus- und Passionsfruchtaromen. Die Zutaten hat er auf Butikbira.com bestellt. Während er anfängt, das Malz zu schroten, rechnet er vor: 30 Liter Bier kann er auf einmal produzieren, bisher hat er 20-mal gebraut. Das ergibt 600 Liter oder 1200 Flaschen. Jede Flasche Bier kostet ihn ungefähr vier Lira. In der Bar sind es mindestens 15.

Brauen ist für ihn ein Hobby. "Ich  bin 30 geworden und in eine Krise gerutscht", sagt er. Die Quarterlife Crisis. Der Geburtstag fiel ins Frühjahr 2016, es war das Jahr des Putschversuchs. Und von Erdoğans Gegenschlag. Sechs Terroranschläge allein in Istanbul kamen auch dazu. Ein gutes Jahr, um zu Hause zu bleiben und sich zu betrinken.

In einem Kocher erhitzt Avni Wasser auf knapp unter 70 Grad und mischt das Malz bei. In der Maische, wie man die Suppe nennt, entsteht jetzt Zucker, und das Eiweiß flockt aus, sodass Schaum entsteht. Währenddessen bereitet Avni auf dem Esstisch die Hefelösung vor. Die Hefe verwandelt später, laienhaft gesagt, den Zucker in Alkohol. Daneben füllt er ein kleines Glas mit Hopfen. Erst läutert er das Gebräu, das heißt, er filtert das Malz aus der Flüssigkeit heraus. Dann bringt er es zum Kochen und gibt den Hopfen dazu. Am Ende taucht er eine Wasserspindel hinein und drückt die Temperatur auf 20 Grad, er schüttet die Hefe dazu und füllt das Ergebnis in einen geschlossenen Eimer.

Avni braut mittlerweile fast genug für ein autonomes Trinkerleben. Bevor wir gehen, reicht er uns noch eine Flasche vom letzten Mal. Ein intensives IPA, leckerer als gedacht. Wir stoßen an, dann müssen wir los, wir haben es eilig.

Ein Taxi bringt uns über die Bosporus-Brücke zurück nach Europa,

wo wir beim türkischen Biersammlerklub er­wartet werden. Ein Tasting steht an. Versteckt, ganz hinten in einem Gewerbezentrum hat sich der Klub eingerichtet, die Wände bis oben voll mit Bierflaschen und -krügen aus aller Welt. Der Abend steht im Zeichen der Bierkultur. Um den Tisch herum versammeln sich junge Freundinnen, einige männliche Bier­-Nerds und daneben ein paar Pärchen. Sie werden fünf verschiedene türkische Biere probieren und dabei dem Mann zuhören, der sich gerade vor ihnen aufbaut.

Murat Meriç, Kulturjournalist, erzählt, welche Rolle Bier in der türkischen Musik gespielt hat. Eine Zeitreise in die alte Türkei, zu der Bier und Raki genauso gehörten wie Tee und Ayran. Er spielt Songs vor, in denen es ums Trinken geht. Einer heißt "Bira ve Kahve", der Refrain geht etwa so: "Meine Freunde der Nacht sind noch ein Bier und ein Kaffee." Ein anderer Song ist ähnlich direkt: "Haydi Gel Içelim", los komm, lass uns trinken.

Murat Meriç verspürt einen Auftrag: die Frommen nicht gewinnen lassen. Er erzählt, dass der staatliche Fernsehsender TRT alte Silvestersendungen aus dem Archiv genommen habe, "weil die Moderatoren zu Mitternacht angestoßen ­haben". Erdoğan tut, was er kann, um das Trinken zu verbannen. Auf Inlandsflügen von Turkish Airlines wird kein Bier und Wein mehr ausgeschenkt, Werbung für alkoholische Getränke ist verboten. Das ist seine "neue Türkei".

Bis in die 80er Jahre, sagt Murat, habe man in der Türkei selbst in der Teestube trinken dürfen. "Gläubige haben im Ramadan tagsüber gefastet und abends zum Fastenbrechen mit Raki angestoßen." Erst unter Erdoğan sei ums Glas ein Kampf ausgebrochen. Trinker oder Nicht-Trinker, Freund oder Fremder.

Sonntag

Liegt der Tiefpunkt hinter der Türkei? Der neue Bürgermeister, Ekrem Imamoğlu, tritt vor Hunderttausenden auf, die Menschen jubeln ihm zu. Er spricht von Einigkeit und Versöhnung. Später, vor der Kneipe, sagt eines der Mädchen: "Einen besseren Tag hättest du dir  nicht aussuchen können, um hier zu sein." Und eine Frau im Atatürk-T-Shirt ruft: "Wir feiern, weil jetzt die Gefühle rauskommen, die wir so lange unterdrücken mussten."

Sie tanzen noch lange an diesem Abend, lachen, singen, vergessen sich selbst. Und dann nehmen sie noch einen Schluck.