"Chiko" "Die Realität ist noch viel härter"


Tatort "Chiko": Die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto sowie der Produzent Fatih Akin über ihren Hamburger Gangsterfilm, türkische Klischees, amerikanische Zustände und deutsche Identitätslosigkeit.
Von Matthias Schmidt und Bernd Teichmann

Sie haben "Chiko" in Hamburger Problembezirken gedreht. Wie problematisch war das wirklich?

Denis Moschitto: Ich erinnere mich an eine Nacht, in der wir in Mümmelmannsberg gedreht haben, wo Chiko auch im Film wohnt. Das lief relativ reibungslos, aber hin und wieder kamen Leute, die wollten stören. Die Polizei musste ein paarmal anrücken. Irgendwann flogen auch mal Flaschen aus dem Fenster, weil wir bis sechs Uhr morgens gedreht haben. Aber wir hatten Schlimmeres befürchtet.
Moritz Bleibtreu: Kann dir auch im schicken Hamburg-Eppendorf passieren.

Sie sind ja alle drei in Problembezirken aufgewachsen. Hatten Sie beim Dreh das eine oder andere Déjà-vu?

Moschitto:

Ich kannte damals zwar keinen Koksdealer, aber schon solche Leute, wie wir sie im Film spielen. Daraus konnte ich auch schöpfen.

Bleibtreu:

Geht mir genauso. Der übertriebene Respektbegriff, sich über ein Viertel zu identifizieren - das kenne ich aus der Jugend. Das findest du aber überall, in allen Gegenden, wo nicht nur die Sonne scheint.

Fatih Akin:

Ich bin in einer Hochhaussiedlung mitten in Hamburg-Altona mit einer Gang groß geworden, aus der nur 2 von 14 heil rausgekommen sind. Entweder wurden die abgeschoben, sind im Knast gelandet, starben an einer Überdosis oder wurden erschossen. Nur ich und ein anderer Kollege, der ist heute Dachdecker, blieben verschont. Deswegen ist das für mich ein vertrautes Milieu. Aber heute gibt es eine Steigerung, ein Vielfaches von Gewalt

und Grenzenlosigkeit.

Bleibtreu:

Damals hat es sicher genau dieselben Probleme gegeben, genauso viel Drogen und Schlägereien. Der große Unterschied war, dass die Gangs immer eine Motivation hatten. Man hat sich entweder definiert über Klamotten oder über Musik, einen gemeinsamen Geschmack. Heute tut man sich zusammen, weil man dann mächtiger anderen gegenüber ist. Und es geht nur um eins: so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich abzuzocken. Wenn man früher jemandem die Jacke weggenommen hat, dann nicht, weil man die haben wollte, sondern sie dem anderen wegnehmen wollte.

Moschitto:

Eine Gang hatte ich nicht wirklich, aber eine Gruppe von Freunden, mit denen ich auf der Straße abgehangen habe, hauptsächlich Jungs aus Köln-Ossendorf. Da gab es Leute aller möglichen Nationalitäten: Deutsche, Italiener, Türken sowieso. Und es war völlig egal, woher man kam. Wer dort wohnte, gehörte dazu. Es gab viel Ärger, aber es war auch spannend, ein bisschen Outlaw-Leben. Man konnte Krieg führen gegen andere Stadtteile. Aber man hat immer aufgehört, wenn der andere auf dem Boden lag.

Akin:

Wenn früher mal Waffen im Spiel waren, war das immer was Besonderes, eine Seltenheit, das passierte so drei-, viermal im Jahr. Heute fast täglich.

Woher kommt das?

Akin:

Keine Ahnung. In den Achtzigern haben uns Sozialforscher immer vor amerikanischen Zuständen gewarnt. Die haben wir jetzt. Eigentlich sind uns die Amerikaner schon wieder einen Schritt voraus, denn in New York gibt's keine Gewalt mehr. Das wird das Nächste sein, was hier eintrifft. In fünf bis zehn Jahren. Dass alles teurer wird und noch teurer. Und irgendwann werden es sich ärmere Leute überhaupt nicht mehr leisten können, in der Stadt zu leben, und Hamburg und andere Großstädte werden zur gewaltfreien Zone.

Bleibtreu:

Der Wohlstandsbegriff ist heute ein ganz anderer. Reichtum war früher noch greifbar: ein schönes Auto und ein schönes Haus. Heute hat jemand ein Einfamilienhaus um den Hals hängen, und es ist normal. Es ist auf einmal auch unheimlich cool, zu protzen und diamantenbesetzte Felgen auf seinem Bentley zu haben. Die Ziele, die sich Menschen setzen, sind inzwischen so weit weg, so unrealistisch, dass das Streben danach eine ganz andere Art von Gewalt und Durchsetzungsvermögen von dir erwartet.

Akin:

Das macht "Chiko" auch so aktuell. Was wir in dem Film erzählen, ist keine Übertreibung. Die Realität sieht noch viel härter aus.

Realität hin oder her: Die Türken sind hier mal wieder Kleinkriminelle und Drogendealer. Wie groß ist die Gefahr, immer die gleichen Klischees zu verfilmen?

Akin: Wenn ich eine Figur beschreibe, bin ich fast nicht mehr in der Lage, zu erkennen, wo die Realität endet und wo das Klischee beginnt. Ich muss mich als Filmemacher auf eine gewisse Intuition verlassen. Fange ich an, auf Teufel komm raus ein Klischee vermeiden zu wollen, bekomme ich unglaubwürdige Kunstfiguren.
Bleibtreu: Es gibt diesen Spruch: Ein Klischee ist scheiße, tausend Klischees sind gut. Wenn du anfängst, Klischees zu erzählen, dann richtig.
Moschitto: Wenn man das Klischee vermeidet, ganz bewusst, dann ist das ja einfach nur das Gegenteil.
Akin: Genau, der Gangster muss jetzt Architektur studieren ...

Aber warum haben die Figuren einen Migrationshintergrund?

Moschitto: Das ist eine deutsche Realität. Es leben halt sehr viele Türken in diesen Vororten. Und weil Özgür Yildirim, der Regisseur, selber Türke ist.
Akin: Die Meister sagen ja immer, du musst das erzählen, was du am besten kennst. Es wird viele türkische Gruppen geben, die sich gegen "Chiko" wehren werden. Schon wieder so 'n Film, warum zeigt ihr uns so? Wir haben die Nase voll, wir sind keine Kriminellen! Ich glaube, die Deutsch-Türken wären austauschbar. Das hätten auch Araber sein können.
Bleibtreu: Nigerianer.
Moschitto: Holländer!

Aber der türkisch geprägte kulturelle und religiöse Hintergrund spielt doch eine entscheidende Rolle für die Figuren.

Bleibtreu:

Sicher, die heißen nun mal nicht Müller und haben Schlachter gelernt bei ihrem Papa mit 15, sondern sie kommen aus einem anderen Land. Dass Kriminalität auch immer was mit den Umständen zu tun hat, ist eh klar. Aber natürlich definieren sich Türken auf eine spezielle Art und Weise. Ich glaube nicht, dass das direkt verbunden ist mit einer kriminellen Energie, aber das sind schon spezielle Vögel, die Türken in Deutschland.

"Chiko" kommt genau zu einer Zeit ins Kino, in der der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, die Islamkonferenz und die Debatte über gescheiterte Integration ständig neuen Diskussionsstoff liefern.

Akin:

Der Film bekommt dadurch auf jeden Fall eine Relevanz. Kino ist Reflexion der Gesellschaft. Und die Gesellschaft zerbricht sich jetzt gerade den Kopf über die Fragen: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Und woher kommen wir? Wenn dann ein Film kommt, der ein Echo dieser Fragen ist, fühle ich mich als Produzent bestätigt.

Bleibtreu:

Das Problem ist, dass von zugereisten Leuten verlangt wird, eine Kultur anzunehmen, die es eigentlich nicht gibt. Wenn es ein identitätsloses Land auf dieser Welt gibt, ist das Deutschland. Es hat seine kulturelle Identität im Krieg verloren.

Moschitto:

Und die werden wir nicht an irgendeiner Straßenecke wiederfinden. Da muss jetzt was Neues folgen. Die Deutschen müssen erkennen, dass jetzt auch die Menschen mit Migrationshintergrund Kultur schaffen.

Bleibtreu:

Das ist in vollem Gange, wenn du dir anguckst, dass man inzwischen in jeder Talkshow bei RTL "isch" und "disch" sagt und kein ch mehr sprechen kann.

Akin:

Das ist Leitkultur!

Bleibtreu:

Wenn in einem Land, wo man als Emigrant lebt, solche Worte existieren wie Leitkultur, muss man sich nicht wundern, wenn das ein Feindbild sein kann für die Leute, die gezwungen werden, diese sogenannte Leitkultur nachzuahmen.

Akin:

Hätte die Globalisierung nicht stattgefunden, wären die Ausländer wohl schon besser integriert. Aber so wird in jedem Haushalt, in dem Türken leben, türkisches Fernsehen geguckt, werden türkische Zeitungen gelesen. Erdogan kommt und sagt: Ihr seid meine Leute! Und alle sagen: "Yo, unser Mann!" Sie sagen nicht Angela Merkel, sondern Erdogan. Dann sagt Merkel, ich will Bundeskanzlerin von allen sein.

Immerhin.

Akin: Ja, aber es kommt nach Herrn Erdogan, da war er schneller. Und wenn Deutschland und Frau Merkel sagen: Pass mal auf, in der EU habt ihr Türken nichts verloren, fühlen sich zwei Millionen Türken, die hier leben, automatisch gedisst. Integration oder Assimilation wird nur dann stattfinden, wenn die Türken in Deutschland sich von ihrem Mutterland lösen. Und das ist immer schwieriger in den Zeiten der Globalisierung.
Bleibtreu: Globalisierung überfordert viele Menschen auch. Die ganze Welt soll mein Zuhause sein? Das ist mir viel zu groß! Ich will doch nur einen Ort, wo ich weiß, da komme ich her. Da ist man schnell wieder bei der Leitkultur-Diskussion. Ich denke, solange Leute sich cool verhalten, niemanden verletzen und ein normales, geregeltes Leben führen, muss ich von denen nicht erwarten, dass sie Dativ und Genitiv unterscheiden können.
Akin: Das kann ich bis heute nicht.
Bleibtreu: Viele meiner Freunde auch nicht. Das werden die nie lernen.
Moschitto: In der Grundschule waren meine Noten durchschnittlich, meine Eltern wollten trotzdem, dass ich aufs Gymnasium gehe. Aber meine Grundschullehrerin hat nur eine Empfehlung für die Hauptschule geschrieben. Da ist meine Mutter in die Schule gegangen und hat in ihrem gebrochenen Deutsch die Frau zur Sau gemacht. Dann bin ich aufs Gymnasium gekommen.
Akin: Deswegen sitzt du heute hier und redest mit dem stern. Bedank dich bei deiner Mutter.
Bleibtreu: Keinen geraden Satz hättest du sonst rausbekommen.
Moschitto: Ich bedanke mich sehr bei meiner Mutter, dass sie so einen Terz gemacht hat damals. Ich weiß ja, wie das funktioniert. Da ist eine Grundschullehrerin, die hat so einen Kanakenjungen vor sich. Und denkt sich, bevor ich den aufs Gymnasium schicke ... Nachher bleibt das alles an mir hängen.
Bleibtreu: Womit wir wieder bei den Klischees sind. Wenn damals Türken in der Schule irgendjemandem auf die Fresse gehauen haben und dann gefragt wurden: "Was war denn los?", hat der Türke gesagt: "Der hat Kanake zu mir gesagt." Dann war alles wieder gut!

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