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Antisemitismus-Vorwurf: Neues Video belastet John Galliano schwer

"Ich liebe Hitler", lallt er in die Kamera: Modeschöpfer John Galliano gerät wegen antisemitischer Äußerungen zunehmend unter Druck. Ein jetzt veröffentlichtes Video soll ihn zeigen, wie er die Gäste eines Cafés mit übelsten antisemitischen Beschimpfungen bepöbelt.

Die Models stehen bereit, die Kollektionen sind fertig - doch Diors Kreativdirektor kämpft wenige Tage vor den Pariser Prêt-á-Porter-Schauen nicht mit Nadel und Faden, sondern mit Paragrafen. Der britische Modeschöpfer John Galliano gerät wegen der Vorwürfe antisemitischer Äußerungen zunehmend unter Druck. Am Montag veröffentlichte die britische Boulevardzeitung "The Sun" ein Video, das Galliano mit der Äußerung "Ich liebe Hitler" zeigen soll.

Auf dem Video ist eine Person zu sehen, die aussieht wie Galliano und in einem Café in Paris eine Kundin mit der Bemerkung anpöbelt: "Leute wie Sie sollten tot sein. Ihre Mütter, Vorfahren, sollten alle verdammt vergast sein." Laut "Sun" war die Frau mit einer Gruppe von italienischen und französischen Freunden in dem Café. Der Zeitung zufolge wurde das Video im Café "La Perle" des Pariser Szeneviertels Marais aufgenommen, wo viele Künstler und Homosexuelle verkehren. Der Zeitpunkt der Aufnahme ist allerdings unklar, ob es sich bei dem Mann mit einem modischen Schiffchen auf dem Kopf wirklich um Galliano handelte, ist ebenfalls ungeklärt.

Im gleichen Café soll der Stardesigner am vergangenen Donnerstag auch mit judenfeindlichen Pöbeleien gegenüber dem Paar aufgefallen sein, das mit seinen Vorwürfen die Affäre ins Rollen gebracht hatte. Ebenfalls im Café "La Perle" soll er bereits im Oktober die 48 Jahre alte Frau, die am Montag Anzeige erstattete, auf Englisch mit antisemitischen Äußerungen beschimpft haben. Sie habe zunächst keine Anzeige erstattet, weil sie die Äußerungen Gallianos seinem alkoholisierten Zustand zugeschrieben habe, sagte die 48-Jährige der Pariser Zeitung "Le Parisien". Nachdem sie aber von neuen antisemitischen Entgleisungen des Designers gehört habe, habe sie sich entschlossen, zur Polizei zu gehen.

Modehaus Dior reagiert mit Suspendierung

Der 50-Jährige weist die Anschuldigungen nach Angaben seines Anwalts Stéphane Zerbib als "Diffamierung" zurück. Dennoch schickte das traditionsreiche Modehaus Dior seinen Chefdesigner in Zwangsurlaub. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass er am Freitag bei der Dior-Modenschau in Paris erscheint. "Kein Kommentar", hieß es auch am Montag auf entsprechende Fragen beim Hause Dior, dem Galliano noch bis zum Jahresende vertraglich verpflichtet ist. Das renommierte Modehaus versucht einen schweren Imageschaden abzuwenden und hat seinen als narzisstisch und schwierig verschrienen Kreativdirektor bis zur Aufklärung der Vorwürfe suspendiert.

Nach Informationen der französischen Zeitung "Journal du Dimanche" wurden dem Hause verbundene Hollywood-Stars wie Sharon Stone vor der Oscar-Verleihung vorsorglich per Mail gebeten, keine öffentlichen Stellungnahmen zum Fall abzugeben. Immerhin lebt Luxusmode vom guten Ruf - vor kurzem hatte das ein Präzedenzfall der Branche deutlich vor Augen geführt. Als der Edel-Parfümier Jean-Paul Guerlain im Oktober in einem TV-Interview erklärte, er habe gerackert "wie ein Neger" - wobei er nicht wisse, ob die jemals so geschuftet hätten - hagelte es von allen Seiten Boykottaufrufe. Die Branche steht bis heute unter dem Schock der empörten Reaktionen.

Für Galliano steht nicht nur seine glänzende Karriere als Kreativdirektor im Hause Dior auf dem Spiel. Der exzentrische Modemacher mit dem unkonventionellen Auftreten ist auch über sein eigenes Label vom Wohlwollen seiner Auftraggeber abhängig. Denn die Marke John Galliano wird zu 91 Prozent von Dior kontrolliert.

Am Montagnachmittag wollte Galliano sich daher bei einer Gegenüberstellung auf einer Polizeiwache im Bezirk seines Stammlokals von allen Vorwürfen befreien. Dazu wollte er auch Zeugen antreten lassen, die seine Version bestätigen. Denn Galliano bestreitet die Vorwürfe und hat sogar Gegenklage gegen das Paar eingereicht, mit dem er am Donnerstagabend in Marais aneinandergeraten war. Aus Ermittlerkreisen wurde bekannt, dass die befragten Zeugen - zwei Wachleute, der Betreiber der Bar sowie zwei Kunden - die Aussagen des Paars nicht bestätigten.

mai/DPA/AFP / DPA