HOME

Athina Onassis: Geld oder Liebe?

Sie wird 21 und hat Hunderte von Millionen geerbt. Er ist elf Jahre älter und kann außer Schönsein und elegantem Reitstil nicht viel vorweisen. Am Samstag wird Athina Onassis einen brasilianischen Beau ehelichen, der sich den Vorwurf gefallen lassen muss, ein Mitgiftjäger zu sein.

Es ist noch nicht allzu lange her, da wirkte sie meist verklemmt und verschüchtert, ein hoch aufgeschossenes dunkles Mädchen mit einem Blick, so düster, dass die "Frau im Spiegel" sich fragen musste: "So reich, so schön - aber glücklich?" Doch diese Zeiten sind gottlob passé. Nicht nur entzog Athina Roussel, Erbin der Onassis-Millionen, ihrem einst allgegenwärtigen Vater die Kontrolle über ihr Vermögen, sondern sie erblondete und erschlankte auch jäh. Bald darauf rätselte die "Bunte": "Bricht wildes Hellenen-Blut bei ihr durch?" Und fand heraus, dass sich die junge Reiche in einer Discothek der "Ekstase" hingegeben hatte.

Der Grund für die Metamorphose

der Millionärin ist ein brasilianischer Beau, den sie am 3. Dezember in Sao Paulo ehelichen will, anderthalb Monate vor ihrem 21. Geburtstag. 750 Gäste sind geladen sowie, angeblich, Jennifer Lopez, die als Partyknüller eingeflogen werden soll. Während die Griechen empört darüber sind, dass auf der Einladung der Name Onassis angeblich nicht auftaucht - "Schande!", findet das Boulevardblatt "Espresso" -, müssen wir uns wichtigeren Dingen zuwenden und gemeinsam mit "Gala" bang fragen: "Hat sie aufs richtige Pferd gesetzt?"

Álvaro Affonso de Miranda Neto heißt ihr Angebeteter, manche Namen sind Programm. Hieße er etwa Waldemar Schreckele, würden wir uns weniger Sorgen machen. Zudem nennen ihn seine Freunde Doda, was einen prompt an Dodi gemahnt, den Damaligen von Diana. Von Beruf ist er Springreiter, tja. Hoch zu Ross gewann er zwar zweimal Mannschaftsbronze, bei den Olympischen Spielen von Sydney und Atlanta, doch ein Steuerberater wäre zweifelsohne passender gewesen und eine Goldmedaille prächtiger.

Sicher, die Frauenpresse wählte ihn unter die "50 schönsten Männer Brasiliens"; dafür hat er kein Abitur und ist elf Jahre älter als seine Braut. Als die Hobbyreiterin Dodas erstmals ansichtig wurde, vor drei Jahren auf dem Gestüt der Familie Pessoa in Belgien, wo sie nach Schulabbruch in der Schweiz ihre Pferdekenntnisse vervollständigen wollte, war er außerdem noch anderweitig verheiratet, mit der blonden Aktrice Sibele Dorsa, die ihm die heute fünfjährige Tochter Viviane geboren hatte.

Prompt gab die Verlassene zum Besten, Doda sehe in Athina nicht Jugend und Liebreiz. Der Verdacht liegt nahe, denn die Onassis-Erbin ist eine Art Bruttosozialprodukt von Burkina Faso auf Beinen, wird ihr Vermögen doch auf 800 Millionen bis drei Milliarden Euro geschätzt. Doda, seinerseits aus einer durchaus wohlhabenden Familie stammend, wies den Gigolo-Vorwurf souverän zurück. "Jeder Mann, der sich Athina nähert, wird verdächtigt, sich nur für ihr Geld zu interessieren, mit Ausnahme von Bill Gates", äußerte er und hätte es trefflicher nicht sagen können. Und fügte hinzu: "Ich liebe Athina wegen ihrer Einfachheit."

Hm. Kann jemand einfach sein, dessen Familiengeschichte seit Jahrzehnten alle Armen dieser Welt tröstet, weil sie die Platitüde beweist, dass Geld allein nicht glücklich macht? Und dessen Mama sich die damals nicht in Europa erhältliche Diät-Cola aus Amerika per Learjet einfliegen ließ, für 300 Dollar die Dose? Geboren wird Athina in Gaga-Land, dort, wo der Wahnsinn längst keine Methode mehr hat. Als sie gerade mal ein Jahr alt ist, wird sie mit einem winzigen Ferrari Testarossa für 10 000 Dollar bedacht, mit dem sie im Wohnzimmer spazieren fährt. Nachdem sie häufiger "Bäh, bäh" gesagt hat, bekommt sie eine Schafherde geschenkt, komplett mit einem jodelnden Schweizer Schäfer. Sie trägt Dior, ihre Puppen ebenfalls. Zu ihrem dritten Geburtstag hat der Berg von Geschenken alpine Ausmaße; dazu gibt es eine gigantische Designer-Torte in der Form von Sankt Moritz, wo eines ihrer vielen Domizile liegt.

Zehn Monate später

scheidet ihre Mutter Christina Onassis 37-jährig aus einem Leben, hektisch und dabei leer wie ein nordkoreanischer Parkplatz. Sie stirbt in Argentinien an Herzversagen, vermutlich verursacht durch jahrelangen Konsum von Pillen aller Art. Zurück bleibt ihre "Koukla", ihr Püppchen, ein kleines, verwöhntes und vernachlässigtes Mädchen, das zwar nicht richtig laufen kann - auf Anweisung ihrer Mutter wurde es von Domestiken stets herumgetragen, auf dass es keinen blauen Fleck bekomme -, dafür aber Alleinerbin ist: eines gigantischen Vermögens sowie der weltweit am längsten laufenden griechischen Tragödie.

Athina ist die einzige Enkelin des legendären anatolischen Griechen Aristoteles Sokrates Onassis, geboren 1906 in Smyrna, heute Izmir, vertrieben aus seiner Heimat, auferstanden aus der Armut in Buenos Aires, erst Tabakhändler, dann Tankerkönig und Tycoon, gestorben 1975 in Paris als gebrochener Greis. Märchenhaft war das Vermögen, dunkel waren die Brillen, dick die Zigarren, sagenhaft die angeblichen und tatsächlichen Mätressen, von Evita Perón bis zu Maria Callas, disparat die Gattinnen, erst die 17-jährige Tina Livanos, dann die amerikanische Präsidenten-Witwe Jacqueline Kennedy. Und zahlreich die Todesfälle im Kreise derer, die ihm nahe standen: 1973 erlag der Sohn Alexander seinen Verletzungen nach einem nie ganz aufgeklärten Flugzeugabsturz, im Jahr darauf verschied die Erstgattin Tina an Tablettenmissbrauch, 1977 starb Maria Callas an Herzversagen wie später auch Christina.

Die Halbwaise Athina landet bei ihrem Vater Thierry Roussel, wohlgenährt der Körper, bierblond das Haar und nicht wirklich ein Gentleman. Der Deszendent der Gründer des französischen Pharmakonzerns Roussel-Uclaf hat zwar einiges Geld geerbt, doch es längst in Geschäften von Algerien bis Äquatorial-Guinea versenkt, als er 1984 Christina Onassis und ihre viele Millionen heiratet. Es ist ihre vierte Ehe.

Roussel hindert

seine Vermählung nicht daran, weiterhin eine Liaison mit der schönen Schwedin Gaby Landhage zu pflegen, deren Sohn Eric nur sechs Monate nach Athina zur Welt kommt. Als 1987 die Liaison auch noch die Tochter Sandrine hervorbringt, reicht Christina die Scheidung ein.

Bei Christinas Beerdigung auf der Onassis-Insel Skorpios, wo sie neben Vater und Bruder zu Grabe getragen wird, küsst Roussel melodramatisch und gramgebeugt ihren Sarg. Dann bemächtigt er sich seiner Tochter Athina. Nur aus altruistischer Vaterliebe? Jedenfalls ist sie sein einziger Zugang zum Onassis-Vermögen. Das hatte der Tycoon zur Hälfte einer Stiftung im Namen seines Sohnes vermacht, die Stipendien vergibt und karitative Einrichtungen finanziert. Der andere Teil war an Christina gegangen. Roussel beginnt einen jahrelangen Rechtsstreit gegen vier Griechen, die allesamt im Vorstand der Alexander-Onassis-Stiftung sitzen und zugleich gemeinsam mit ihm das Erbe seiner Tochter verwalten. Mehr als 60 Prozesse später ist er seinem Ziel, alleiniger Herr über Athinas Geld zu werden, nicht näher gekommen.

Inmitten der Flut von Klagen und Gegenklagen wächst das dunkle Kind mit dem inzwischen verheirateten Paar Roussel-Landhage und seinen blonden Ikea-Halbgeschwistern am Genfer See heran zu einem schüchternen Teenager, der seine gesamte Stieffamilie unterhält. Sie spricht zwar Französisch, Schwedisch und Englisch, aber kaum Griechisch. Einmal im Jahr führt ihr Vater sie der Presse vor und betont stets, Athina sei "völlig normal". Tatsächlich besucht sie die örtliche Dorfschule, sagt nett "guten Tag" und "auf Wiedersehen" und bekommt kein Kinderschokoladenei mehr als ihre Geschwister. Doch wirkt sie stets so, als fühle sie sich unwohl in ihrer Haut. Kaum wird sie 18, erteilt die brave Tochter ihrem Vater die Vollmacht über ihr Vermögen.

Da hat sie, die Überbehütete

und Isolierte, schon die Schule geschmissen und ist nach Brüssel gezogen. Später, da lebt sie bereits mit Doda in Sao Paulo, beichtet sie einer Freundin, sie habe in ständiger Furcht vor den Wutausbrüchen ihres Vaters gelebt. An der Seite des Springreiters wagt sie schließlich voriges Jahr den Befreiungsschlag: Sie entzieht ihrem Vater die Kontrolle über ihr Geld, was der sich honorieren lässt, angeblich mit 100 Millionen Dollar. Mit seinem künftigen Schwiegersohn versteht sich Roussel, wen wundert's, seither nicht mehr besonders gut. Er unterstellt ihm Gier, nicht Liebe; er weiß wohl, wovon er spricht.

Inzwischen kämpft Athina längst an einer anderen Front: Am 29. Januar wird sie 21, und dann will sie Präsidentin der Onassis-Stiftung werden, wie ihre Mutter vor ihr. Doch deren Mitglieder unken, sie sei nicht qualifiziert für den Job, weil sie nie eine Universität von innen gesehen oder einen einzigen Tag ihres Lebens gearbeitet habe. Abgesehen davon, dass all dies auch auf ihre Mutter Christina zutraf, muss sich die Stiftung den Vorwurf des Nepotismus gefallen lassen. So räumte der langjährige und inzwischen verstorbene Präsident Stelio Papadimitriou im Sommer seinen hochdotierten Posten und erkor seinen Sohn Anthony zum Nachfolger. Zwei weitere Ratsmitglieder setzten ebenfalls Sprösslinge auf ihre Stühle, was denn doch mehr wie Familienbegünstigung als wie Hingabe an die edlen Ziele der Institution wirkt.

Athina lernt unterdes Griechisch und hat die Stiftung verklagt. Doda hin, Doda her - vielleicht sind es auch die Gene des Aristoteles, die ihre Metamorphose bewirkt haben. Schließlich teilt sie mit ihm auch das Interesse an Rindviechern: Onassis hielt sich auf Skorpios Kühe, denen er klassische Musik vorspielte, um die Qualität ihrer Milch zu verbessern - seine Enkelin schenkte ihrem Doda zur Verlobung keine Yacht und keinen Rennwagen, sondern die 320 000 Dollar teure, preisgekrönte Zuchtkuh Esperança.

Stefanie Rosenkranz / print