Christoph Schlingensief "Ich habe weniger Angst vor dem Sterben"


Er hat sich vom Underground-Berserker zu einem der geachtetsten Regisseure des Landes entwickelt. Dann traf ihn die Diagnose Krebs. Christoph Schlingensief sprach mit dem stern über den Kampf gegen die Krankheit und über die Kraft, die ihm die Kunst gibt.

Es ist der Morgen nach der Premiere seines neuen Stücks "Mea culpa" am Burgtheater in Wien. Er werde gegen Mittag im Café Landtmann sein, hatte Christoph Schlingensief am Telefon gesagt, und dort die Eltern seiner Verlobten Aino Laberenz treffen. Danach habe er Zeit. Er ist schmaler geworden, ernster. Das Haar steht weiter wild um seinen Kopf herum, nur spröder und grauer ist es geworden. Schlingensief bestellt Tafelspitz. Aber er isst kaum davon. Er redet unaufhörlich. Über das Glück des vergangenen Abends. Über Nike Wagner, die ihm Geschmacklosigkeit vorwerfe, weil er Isoldes Liebestod von einer 82-jährigen, längst pensionierten Wiener Opernsängerin singen lässt (einer der schönsten Momente von "Mea culpa"). Solche Kritik regt ihn auf: "Es geht doch um Menschen! Und Menschen singen das auch noch mit 82." Dann kommen wir zu dem, was das Leben des Künstlers und Regisseurs Christoph Schlingensief seit 15 Monaten von Grund auf verändert hat.

Herr Schlingensief, im vergangenen Jahr gab es Schreckensnachrichten von Ihnen: Sie erkrankten an Krebs, ein Lungenflügel wurde entfernt, Chemotherapie, Bestrahlung, im Dezember bekamen Sie neue Metastasen. Wie geht es Ihnen heute?

Die Metastasen sind weg. Ich nehme eine Tablette, die das Zellenwachstum hindert und manchmal, wie bei mir, die Metastasen sogar zum Verschwinden bringt. Dafür richtet sie Schäden an den Haaren an, die Fußnägel entzünden sich. Man kriegt Pickel im Gesicht, Borken. Das kann man aber verkraften. Es gibt Patienten, denen es tausendmal schlechter geht als mir.

Sie essen fast gar nichts. Mögen Sie den Tafelspitz nicht?

Ich habe leider keinen richtigen Appetit. Die Tablette mag keinen Tafelspitz. Die mag so gut wie gar nichts. Alles schmeckt nach Pappe. Ich bin sehr oft depressiv und melancholisch.

Das hängt mit dem Medikament zusammen?

Es ist schon besser geworden, aber jede Woche gibt es einen Zusammenbruch. Da kommen alle Ängste wieder hoch. Als wäre man gefangen. Kein Ausgang, kein Funken Zuversicht. Und diese wahnsinnige Traurigkeit, warum das passieren musste. Dann ist alles hoffnungslos, der Bauch dreht durch, das Heulen geht wieder los. Haben Sie auf der Bühne die kleine Leinwand gesehen? Das bin ich. Ich habe einen Freund gebeten, mich beim Heulen zu filmen. Ich wollte wissen, wie es aussieht. Das hilft mir, fast wie eine Therapie. Es sieht komisch aus. Und klingt wie Wale, die quietschen.

Sie sprechen von Ihrem neuesten Stück "Mea Culpa - eine Readymade-Oper", dasgerade unter großem Jubel am Wiener Burgtheater Premiere hatte.

Es ist toll, nur in glückliche Gesichter zu gucken! Das gibt Kraft. Als ich Ende Februar nach Wien kam, ging es mir gar nicht gut. Aber durch die vielen Freunde und die tolle Zusammenarbeit mit den Künstlern und Technikern wurde es jeden Tag besser. Man braucht das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden. Dass man rauskommt aus dieser Einsamkeit.

Nach "Eine Kirche der Angst" bei der Ruhrtriennale und "Der Zwischenstand der Dinge" in Berlin thematisieren Sie Ihre Krebserkrankung in "Mea culpa" bereits zum dritten Mal. Es soll Leute geben, die den öffentlichen Umgang mit Ihrer Krankheit eine Zumutung finden.

Wenn man sieht, wie die Leute dem Burgtheater die Tür einrennen, merkt man, dass es eine ziemliche Nachfrage nach solchen Zumutungen gibt. Ich zeige etwas, was viele Menschen auf der ganzen Welt durchleben, bloß die meisten schweigen. Die Zumutung wird verdrängt. Ich schweige nicht. Ich halte es mit Joseph Beuys, der sagt: "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt."

Anfangs sollte über Ihre Erkrankung gar nicht berichtet werden, Sie haben sogar mit Unterlassungsklagen gedroht.

Davon wusste ich doch gar nichts. Ich war gerade operiert worden und stand unter Morphium. Meine Freundin Aino kam damals aus der Intensivstation, draußen liefen Fotografen rum, und ein großes kluges Wochenmagazin rief bereits 30 Minuten nach der Operation beim Chefarzt an. Da wusste Aino sich nicht anders zu helfen. Ich fand das im Nachhinein gut, weil ich über die Informationen immer noch selber bestimmen möchte.

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Diagnose Lungenkrebs erhielten?

Als der Arzt in Oberhausen es mir gesagt hat, war mir heiß, ich habe gekocht regelrecht. Später habe ich geschrien und gewütet. Ich bin zum Grab meines Vaters gerannt und habe gebrüllt, warum er nichts tut, warum er das mit mir passieren lässt.

Ihr Vater starb vor eineinhalb Jahren.

Ja. Er war vollkommen blind zuletzt. Und sehr depressiv. Kurz nach seinem Tod kriegte meine Mutter einen Schlaganfall, sie konnte sich nicht mehr artikulieren. Dann kam meine Diagnose. Ich dachte, mein Vater zieht an mir, er hat mir mit seiner Depression diesen Schleim auf die Lunge gelegt. Er will, dass wir nachkommen. Ich hab ihm lange sehr viel übel genommen. Das erleben auch andere, man sucht nach einem Schuldigen.

Sie sind der einzige Sohn. Ihre Eltern haben Sie vermutlich geliebt.

Ja, sehr. Aber sie haben nie verstanden, was ich mache. Sie haben es versucht, aber es ging nicht. Und die Verwandten und die Freunde aus der Nachbarschaft, die machten sowieso böse Kommentare und fanden es furchtbar. Mein Vater hat all meine Filme auf die Landschaftsaufnahmen reduziert. Sodass meine Mutter irgendwann dachte, ich sei Dokumentarfilmer, Landschaftsfilmer. Von "Egomania" sah sie nur Eisberge und irgendwelche Hügel. Ich wollte, dass es meinen Eltern gut geht, dass sie wieder am Leben Gefallen finden. Das hat mich viel Kraft gekostet.

Sie haben auch schon mal Bayreuth die Schuld an Ihrer Erkrankung gegeben. Sie haben dort 2004 "Parsifal" inszeniert. Damals trafen wir uns in Ihrem Wohnwagen. Sie sahen blass aus, hatten schwarze Ringe unter den Augen und stark abgenommen.

Natürlich ist Bayreuth nicht schuld an meinem Krebs gewesen. Aber in der Zeit, als er anfing zu wachsen, war mein Immunsystem bestimmt nicht mehr das Allerbeste. Ich hatte mich damals sehr auf diese Arbeit gefreut, aber dann musste ich feststellen, dass Heiner Müller in seinen Berichten über Bayreuth nicht gelogen hatte. Bayreuth war kein Ort der Liebe, sondern des Größenwahns und des Hasses. Diese unglaublichen Schikanen von Gudrun Wagner, der menschenverachtende Ton, die Anhäufung von Gemeinheit - das hat mich sehr stark angegriffen.

Warum heißt Ihr neues Stück "Mea culpa"? Suchen Sie jetzt auch bei sich die Schuld?

Das Schuldgefühl kommt automatisch, wenn man so krank ist. Am Anfang konnte ich kaum rausgehen, ich habe mir eine Mütze tief ins Gesicht gezogen, weil ich mich so geschämt habe. Allen anderen scheint es glänzend zu gehen, nur man selber gehört plötzlich nicht mehr dazu.

Haben die Erfahrungen des vergangenen Jahres Sie verändert?

Auf jeden Fall. Ich komme mir fremder vor. Haben die Deutschen keine Probleme außer der Pendlerpauschale? Jetzt gibt es Gott sei Dank die Finanzkrise. Da fällt vielen die Fratze aus dem Gesicht. Diese zum Erfolg verfluchte Gesellschaft, wo keiner mehr weiß, wer er in Wirklichkeit ist oder wer er mal sein wollte. Vielleicht ist die Krise eine Chance. Aber wir werden sie sehr wahrscheinlich wieder nicht wahrnehmen. Wir brauchen ja gleich wieder den Papa Steinbrück und die Mama Merkel, die sagt: "Notfalls springe ich mit meiner Handtasche ein." Keiner redet mal Tacheles, und jetzt ist auch noch Wahlkampf. Es ist alles so durchschaubar. Dafür ist mir die Zeit zu schade. Was reden die Leute da?, denke ich oft, das kann man doch in drei Sätzen sagen. Wenn mich jemand nervt oder zuquatscht, kann es sein, dass ich einfach gehe. Mir fehlt auch oft die Kraft. Früher bin ich gerne mit dem Team noch essen gegangen. Jetzt gehe ich nach der Probe nach Hause und lege mich ins Bett.

Was hat Ihnen während Ihrer Krise am meisten geholfen?

Arbeit und Kreativität sind wichtig, um sich der Krankheit zu verweigern. Aber neben einigen sehr nahen Freunden war es vor allem Aino! Sie ist 20 Jahre jünger als ich, und ich habe ihr am Anfang gesagt: "So, jetzt ist Schluss, ich ziehe das alleine durch, das ist meine Sache, und du störst da nur." Aber sie sagte bloß: "Nein, warum? Ich bleibe hier." Und dann hat sie alles mitgemacht, manchmal hat sie mir auch unglaublich den Kopf gewaschen.

Sie kommen aus einem katholischen Elternhaus, waren früher Messdiener und ein glühender Katholik. Wie gläubig sind Sie noch?

Ich glaube, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, und ich hoffe, dass dieses Größere es gut mit uns meint. Dem Christentum würde ich nicht Ade sagen. Aber ich bin kurz davor, aus der katholischen Kirche auszutreten, wegen dieses Papstes. Wenn der weg ist, würde ich wieder eintreten. Diese Arroganz! Ohne jedes Gefühl für die Realität und für die Menschen. Das kommt, wenn alte Männer sich in Katakomben aufhalten und ihr Zölibat feiern. Nun redet der Papst in Afrika davon, dass Kondome nicht mit der christlichen Moral zu vereinbaren seien. Dafür müsste man in Den Haag anrufen und fragen, ob das nicht ein Aufruf zum Massenmord ist.

Sie haben nie geraucht und Lungenkrebs gekriegt. Helmut Schmidt hat sein Leben lang geraucht und ist gerade 90 geworden.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Schmidt! Aber vielleicht hätte ein großes Vorbild wie er ja im Fernsehen dann doch mal die Zigarette ausmachen können. Denn natürlich entsteht Krebs sehr oft durch Organschädigung. Aber mein Krebs hat für mich etwas sehr Persönliches. Er ist auch Ausdruck von mangelnder Selbstliebe, von innerer Unsicherheit, Angst, dass man sich selber verliert. Es gibt Leute, die sammeln alles in sich an, die können sich nicht genügen. Die brauchen immer andere, die sagen: Ich finde dich prima.

Daran herrscht ja bei Ihnen kein Mangel. Um nur dieses Jahr zu nehmen: Sie wurden in die Jury der Berlinale eingeladen, Sie brachten an der Wiener Burg gerade das Theaterereignis der Saison auf die Bühne, in Kürze erscheint von Ihnen ein Buch. Im Mai eröffnen Sie das Berliner Theatertreffen. Und Sie wollen in Afrika ein Festspielhaus gründen, der Bundespräsident, der Außenminister, der Präsident des Goethe-Instituts und der Schriftsteller Henning Mankell haben Ihnen bereits Unterstützung zugesagt.

Das Festspielhaus wird in manchem so ähnlich wie das in Bayreuth aussehen, aber es wird kein deutscher Kulturtempel! Sondern eine Austauschstation: eine Probebühne mit Pension, Restaurant, kleinem Krankenhaus, Kirche, Schule - gebaut aus dortigen Materialien. Da sollen junge Leute aus verschiedenen Kontinenten leben und von Afrika lernen. In Afrika ist so viel Kultur, so viel Reichtum! Wenn man dort eine Weile ist, kriegt man einen ganz anderen Blick auf die Dinge.

In Afrika seien Sie in Ihren unglücklichsten Momenten glücklicher gewesen als in Deutschland in Ihren glücklichsten, haben Sie gesagt.

Als ich im Krankenhaus lag, war der Gedanke an Afrika mein Lebenselixier.

Wo sehen Sie sich zurzeit zwischen Himmel, Erde und Hölle?

Manchmal denke ich, vielleicht habe ich jetzt sogar weniger Angst vor dem Sterben. Bei allen Schilderungen, die ich gelesen habe, habe ich schon ein paarmal gedacht: Vielleicht ist das ja sogar ganz interessant. Ich würde zum Beispiel den Buñuel gerne mal treffen. Oder dem Alexander von Humboldt über die Schulter schauen. Da oben sind ja zumindest Millionen von Menschen (lacht). Dann lerne ich die auch mal kennen.

Ist das Ihre Vorstellung vom Jenseits?

Eigentlich habe ich im Augenblick gar keine Vorstellung, und ich will auch keine haben. Ich glaube auch nicht, dass das für mich als Person irgendeine Bedeutung hat. Sondern es wird irgendwann einmal einfach ein Auflösen in Energie sein, und dann wird die Energie schon irgendwo bleiben. Es geht nichts verloren. Davon gehe ich aus.

Interview: Christine Claussen print

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