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Clueso: "Erfurt ist ein kleiner Anker für mich"

Clueso meldet sich mit einem ganz besonderen Album zurück: "Handgepäck I" entstand über einige Jahre hinweg auf zahlreichen Reisen.

Reist möglichst nur mit Handgepäck: Clueso

Reist möglichst nur mit Handgepäck: Clueso

"Handgepäck I" ist keine normales Album von Clueso (38). Die darauf enthaltenen 18 Songs entstanden über Jahre hinweg, wie der Titel sagt, auf Reisen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht der 38-Jährige über die Liebe zu seiner Heimatstadt Erfurt, seine Reisen und warum er es nicht eilig hat, eine Familie zu gründen.

Über welchen Zeitraum sind die Songs auf "Handgepäck I" entstanden?

Clueso: Es ist schwer, das festzumachen. Ich glaube, das hat insgesamt vier Jahre gedauert. Vor allem hat es eine Weile gebraucht, bis ich kapiert habe, dass ich daraus ein Album machen kann. Denn ich mache immer und überall Musik. Aber es muss nicht immer ein Song dabei entstehen - es ist mir einfach ein Bedürfnis. Dabei nehme ich die Dinge zur Hilfe, die eben da sind, weil ich sehr gerne reise. Da wird dann zum Beispiel aus dem Salzstreuer ein Shaker. Die meisten Songs, die so entstanden sind, habe ich dann einfach so gelassen. Es gab aber dann auch Produzenten, die einen Song größer instrumentieren wollten und auf ein anderes Album von mir packen. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass das Ganze ein eigenes Album ist. Ich habe dann die Songs in einen Ordner auf meinem Rechner namens "Handgepäck" gesammelt und den hatte ich immer dabei.

Erstaunlich, denn das Album klingt trotzdem sehr homogen.

Clueso: Das finde ich auch, was mich einerseits überrascht hat, andererseits nicht. Weil ich wahrscheinlich in Deutschland andere Musik machen würde, als wenn ich auf Reisen bin. Da kommen dann wolkige Melodien durch, Dur-Akkorde. Die Gitarrenmusik, die dabei entstanden ist, hat mich sehr an meine großen Helden Neil Young oder Bob Dylan erinnert, die wenige aktuelle Sounds nutzen, sondern versuchen alles entweder auf der Gitarre oder mit Vintage-Sounds zu realisieren. Dadurch klingt das Album einfach ähnlich. Auch das improvisieren und die Gegebenheiten haben einen Stil vorgegeben.

Eine Zeile in der Single "Du und Ich" heißt: "Ich kam nicht gerne heim." Warum war das damals so?

Clueso: Ohne Zuviel zu verraten: Die Wende war eine schwierige Zeit für viele Menschen und viele Familien. Dann kam dazu, dass man es mit 15 oder 16 Jahren daheim auf dem Dorf nicht mehr so geil findet. Da bin ich dann lieber weggeblieben oder habe versucht, Grenzen auszutesten. Das war wie ein kleiner Abnabelungsprozess. Inzwischen komme ich sehr gerne nach Hause und es tut mir sehr gut, die Stimmen meiner Eltern zu hören, um mich daran zu erinnern, wer ich eigentlich wirklich bin.

Sie leben immer noch in ihrer Heimatstadt Erfurt. Warum? Gerade Berlin übt schon länger eine große Anziehungskraft auf junge Musiker aus.

Clueso: Diese Entscheidung hat sich jedes halbe Jahr aufs Neue so ergeben. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich weggehe oder wo anders leben will, aber dann bin ich geblieben und habe mir beispielsweise das Studio aufgebaut. Außerdem ist das Ankommen in Erfurt immer ein schönes Erlebnis. Die Altstadt, die Ruhe, die Leute. Ich bin superschnell connected, obwohl ich die Connection nicht halten kann. Und auch soziale Kontakte nicht so halten kann wie andere. Trotzdem bin ich immer ein wenig sozialisiert, weil ich eben doch immer da bin. Die kleine Stadt ist ein kleiner Anker für mich. Egal wie uferlos ich durch meine Art bin, ist Erfurt einfach immer mein Zuhause. Mein Bruder wohnt direkt gegenüber von mir.

Ist diese uferlose Art auch der Grund, warum Sie keine Lust auf die klassischen Stationen Freundin, Hochzeit, Kind haben, wie Sie auch in anderen Interviews schon gesagt haben?

Clueso: Ich habe gesagt, dass ich keine Lust auf die klassische Reihenhaus-Situation habe, das ist richtig. Für mich müsste etwas kommen, das anders aussieht, auch wenn ich noch nicht weiß wie. Auf diese "Truman-Show" habe ich nicht so Lust. Das ist für mich nicht das größte Ziel und die Erfüllung. Ich habe es nicht ganz so eilig wie andere. Außerdem hat sich das eben noch nicht ergeben, was natürlich auch mit meinem Beruf zu tun hat. Es ist also nicht ausschließlich die große Rebellion. Ich verstehe auch, dass das viele interessiert. Aber ich versuche, solche Themen immer zu umschiffen. Weil ich auch das schützen will, was da ist.

Was haben Sie von all Ihren Reisen mitgenommen?

Clueso: Dass wir alle nur ein Furz im All sind und dass wir uns manchmal viel zu wichtig nehmen. Auch ist unsere westliche Logik nicht übertragbar auf andere Länder. Beim Reisen hängt man manchmal auch irgendwie in anderen Zeiten und dabei merkt man das sehr stark. Die Welt ist viel komplexer und größer und wir denken, wir sind viel größer, als wir eigentlich sind.

Was ist Ihr Urlaubstipp 2019?

Clueso: Ich unterscheide zwischen Reisen und Urlaub. Auf Reisen kann man schon mal auf einer Pritsche schlafen, es kann chaotisch laufen, ungeplant, es kann anstrengend werden und man kann auch mal krank werden. Reisen kann auch mal zum Urlaub führen. Mein Urlaubstipp wären Ziele, die nicht sehr touristisch sind und wo nicht so viel los ist. Schottland im Sommer zum Beispiel. Aber auch das Meer muss man einmal im Jahr gesehen haben. Ich kann nur nicht so lange am Strand rumhängen und nichts tun, weil mir dann irgendwann langweilig wird.

SpotOnNews