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Die First Lady: Besser vom Podest stürzen, als darauf erfrieren

Eine berufstätige Frau von 64 Jahren, zweifache Witwe, dreifache Großmutter, wohlhabend, zeitlos attraktiv, in fester Beziehung mit einem gleichaltrigen Gefährten von solider Erscheinung lebend, keine Skandale, keine Enthüllungen.

Es war gerade ruhiger geworden um Jacqueline Kennedy Onassis, da kam die Nachricht von ihrer Krebserkrankung. Und wieder fühlte sich die Welt wie persönlich betroffen. Jackie in der Klinik. Jackie im Garten der Klinik. Jackie nach Chemotherapie mit Kopftuch im Park. Jackie heiratet heimlich Lebensgefährten Maurice Tempelsman. Jackie mit Magengeschwür im Krankenhaus. Wo immer Schönheit, Ruhm und Reichtum sich vereinen, ist die öffentliche Anteilnahme groß. Aber sie bleibt flüchtig.

Erst die Beimischung von Tragik macht uns ein Leben zum Schicksal und verleiht unserer Anteilnahme jene sentimentale Tiefe, die über Jahrzehnte trägt. Unvergessen das 31 Jahre alte Bild der amerikanischen First Lady im pinkfarbenen Chanel-Kostüm, fleckig und verkrustet von getrocknetem Blut und Hirnmasse ihres erschossenen Mannes. Unvergessen die aufrechte Haltung, in der sie, beide Kinder an der Hand, John F.Kennedy zu Grabe trug. So wurde Jackie zur Gralshüterin der Träume von einem neuen, noblen Amerika, für die der Name Kennedy gestanden hatte. Daß die trauernde eine betrogene Ehefrau gewesen war, erhöhte den Klatschwert des allgemeinen Mitleids und festigte noch ihren Status als Witwe der Nation.

Eine Rolle mit absehbarem Verfallsdatum für eine attraktive Frau Mitte 30.Und doch war die Öffentlichkeit schockiert, als Jacqueline Kennedy fünf Jahre nach dem Trauermarsch von Arlington nicht etwa einen politischen Hoffnungsträger oder wenigstens irgendeinen ansehnlichen Aristokraten heiratete, sondern ausgerechnet Aristoteles Onassis, diesen kurzbeinigen Tanker-Tycoon, der für nichts stand außer Geld und derbe Worte. "Amerika hat eine Heilige verloren", titelte damals "Bild", und ein US-Kommentator klagte, dies sei "die schwerste Beleidigung der amerikanischen Männer seit Pearl Harbor". Die Braut selbst soll auf die Warnung einer Freundin - "Du wirst von deinem Podest fallen" lakonisch geantwortet haben: "Immer noch besser, als darauf zu erfrieren." Wenn es denn die Brüche im Leben von Jackie Kennedy Onassis waren, die ihrer Person das verliehen, was John F.Kennedy einmal "feenhaft" nannte und ihre bislang 28 Biographen und Biographinnen als rätselhaft, anrührend und unnahbar beschreiben, so reichen die weit in ihre Kindheit zurück.

Eine Kindheit in weißen Söckchen und Strohhut, mit eigenem Pony, Personal, Privatschulen und einer gewissen Verlorenheit. Jackie war zehn, als ihre Eltern, Mitglieder der feinen Ostküsten-Gesellschaft, sich scheiden ließen. Ihr charmanter Vater, der Börsenmakler John Vernou Bouvier III, hatte ihre disziplinierte Mutter Janet allzu oft und offensichtlich betrogen. Die Töchter Jackie und Lee (später Prinzessin Radziwill) liebten diesen leichtfüßigen Gesellen, der an Besuchstagen den strikten Erziehungsstil der Mutter untergrub. Die hatte inzwischen den ebenso wohlhabenden wie distinguierten Hugh D.Auchincloss Jr. geheiratet und war damit in der US-Aristokratie weiter aufgestiegen. Als Jacqueline Lee Bouvier 1953 den jungen Senator von Massachusetts, John Fitzgerald Kennedy, heiratete, hatten die Medien ihr neues Idealpaar gefunden, schön, jung, erfolgreich, die Personifikation des amerikanischen Traums. Er war ein begehrter Junggeselle von 36 mit reichlich amouröser Vergangenheit und politischer Zukunft. Sie war 24, hatte an der Pariser Sorbonne studiert, eine flüchtige Verlobung hinter sich, einen flüchtigen Job als Fotoreporterin und viele Fuchsjagden, war politisch desinteressiert und ihrem Bräutigam vom gesellschaftlichen Status her überlegen. Der Kennedy-Clan war reich und einflussreich, sportlich und ehrgeizig. Fein war er nicht. Wenn die irischstämmige Meute in ihrem Sommersitz Hyannis Port zusammentraf, litten nicht nur Jackies Knöchel unter den obligatorischen Footballspielen. Es gab auch Verletzungen der subtileren Sorte. Ihrer Schwägerin Ethel erzählte Jackie einmal, daß sie gern Ballerina geworden wäre, worauf diese in wieherndes Gelächter ausbrach: "Du? Mit deinen Quadratlatschen? !"Stutenbissigkeit allenthalben. Während die Kennedy-Schwestern der neuen Schwägerin ihrer kindlich-leisen Stimme wegen den Spitznamen "Die Debütantin" verpassten, machte die sich über deren Bolzplatz-Manieren lustig und beschrieb Bobbys Ehefrau Ethel als eine, die "eine Schondecke über ein Louis-Quinze-Sofa stülpt und es Lü Kans ausspricht". Was klingt wie der Auszug aus dem Skript für eine High-Society-Komödie, bekam zunehmend tragische Akzente. Ein notorisch abwesender Ehemann, eine Fehlgeburt (da war Kennedy gerade auf Wahlkampfreise), eine Totgeburt (da machte er gerade mit ein paar Kumpels Urlaub im Mittelmeer), dazu reichlich Hinweise darauf, daß JFK in puncto eheliche Treue Ähnlichkeiten mit ihrem Vater aufwies.

Bei Jackie Kennedy führte das zu Versagensängsten, die sie - Nähkästchenpsychologie ihrer Biographen - mit Kauforgien und dem emsigen Einrichten verschiedener Kennedy-Quartiere zu kompensieren suchte. Immerhin, sie tat beides mit Stil und Talent. Ende 1960, Tochter Caroline war gerade drei, Sohn John Fitzgerald soeben geboren, wurde Jackie Kennedy zur "Bestgekleideten Frau der Welt" gewählt und Jack Kennedy zum 35.Präsidenten der USA. In den rund 150 Räumen des neuen Heims waren Jakkies Nestbautrieb fortan keine Grenzen gesetzt. "Alle Leute, die das Weiße Haus besuchen", versprach sie, "sollen darin ein Gefühl für Geschichte bekommen." So stieg die First Lady persönlich in den Keller und brachte verstaubte Schätze aus Amerikas Vergangenheit zutage, etwa Abraham Lincolns Tafelgeschirr oder sein überdimensionales Doppelbett aus Walnuß. Sie scheute sich nicht zu feilschen, wie das Zitat eines Washingtoner Antiquitätenhändlers belegt: "Wenn es für sie selbst ist, fragt sie nie, was es kostet. Aber wenn es fürs Weiße Haus ist, kommt sie mit dieser traurigen kleinen Stimme: Es ist doch nicht zu teuer, oder? Wir haben nicht viel Geld." Auch scheute sie sich nicht, für ihren Traum einer historischen Ästhetik ordentlich zu antichambrieren. Ein New Yorker Sammler, den sie mehrere Stunden durch die teils noch öden Räume geführt hatte, erzählte damals: "Sie hat mich nie um irgend etwas gebeten. Aber als ich ging, versprach ich ihr auf einmal einen Spiegel, für den ich zuvor ein 20000-Dollar-Angebot ausgeschlagen hatte. Ich fuhr nach Hause und sagte zu meiner Frau, daß ich ihr womöglich auch noch George Washingtons Feldbett überlassen würde."

In den folgenden 46 Monaten galt das Weiße Haus nicht nur als politisches, sondern auch als kulturelles Zentrum, wo bei Festen nicht mehr, wie etwa bei Dwight und Mamie Eisenhower, zu Klängen der Ziehharmonika gespeist wurde. Jetzt spielte hier ein Pablo Casals, und die First Lady wusste mit Staatsbesuchern über Kunst und Literatur zu plaudern. Der Name Kennedy wurde zum Symbol eines neuen Nationalstolzes auf die junge, geistig anspruchsvolle politische Elite des Landes. Daß auch die Durchschnittsfrau die höhere Tochter Jackie liebte, verehrte und imitierte (sieben Prozent bekannten sich damals dazu, ihr Haar dem Jackie-Look angeglichen zu haben), verdankte sie neben ihrer Schönheit einer Reihe von artigen Sätzen, wie viele sie heute bei Hillary Clinton vermissen: "Das Wichtigste für eine erfolgreiche Ehe ist, daß der Ehemann tun kann, was er am liebsten und am besten tut. Seine Frau wird dann ganz von alleine glücklich."

Tausend Gerüchte und Indizien weisen darauf hin, daß Jackie Kennedy nicht "ganz von alleine glücklich" wurde. Schon deshalb, weil es eben nicht nur Politik war, was ihr Mann "am liebsten" und so weiter tat. Womöglich waren es nicht Heerscharen von Schauspielerinnen, Models und Sekretärinnen, denen er seine Gunst erwies, aber er wird sich auch kaum auf Marilyn Monroe beschränkt haben. Scheidungsgerüchte kursierten und die Andeutung, Jacks Vater, der alte Joe Kennedy, habe die Ehe mit einem Millionenscheck an die Schwiegertochter "stabilisiert". Vorbei und vergessen.

Nach den Schüssen von Dallas brauchten selbst hartgesottene Klatschreporter Jahre, ehe sie es wagten, auf die Risse in der Kennedy-Ikone zu deuten. Im Juni 1963 hatte Kennedy in Berlin den berühmten Satz gesprochen: "Ich bin ein Berliner." Jakkie, hochschwanger mit dem dritten Kind, war zu Hause geblieben. Am 7.August kam, fünf Wochen zu früh, ihr Sohn Patrick zur Welt. Sein Vater war bei ihm, als er am Morgen seines dritten Lebenstages starb. Er legte eine Christophorus-Medaille in den kleinen Sarg, die Jackie ihm zur Hochzeit geschenkt hatte. Am 12.September feierten die Kennedys im Familienkreis ihren zehnten Hochzeitstag nach. Er schenkte ihr den Katalog eines Antiquitätenhändlers mit dem Hinweis auf freie Objektwahl. Sie schenkte ihm eine neue Christophorus-Medaille und ein selbstgestaltetes Buch mit Fotos des von ihr neu angelegten Rosengartens im Weißen Haus.

Im Oktober folgte Jackie der Einladung von Aristoteles Onassis zu einer Kreuzfahrt auf dessen Yacht "Christina" - sehr zum Verdruß von JFK. Wobei der weniger einen Flirt seiner Frau fürchtete als vielmehr einen Schaden am eigenen Image. Dubioser Geschäfte wegen genoss der "Goldene Grieche" in den USA einen miserablen Ruf. Um die Presse von den Schwestern Jackie und Lee Radziwill abzulenken, schickte Kennedy noch den Präsidentensohn Franklin D.Roosevelt Jr. und dessen Frau quasi als Anstandswauwaus mit auf die Lustreise. Zum Abschied schenkte "Amigo" Onassis der First Lady eine Halskette aus Diamanten und Rubinen, damaliger Wert gut und gern 50 000 Dollar. Will man ihr übel nehmen, daß sie die Pretiose genommen hat? Sicher hätte sich jemand gefunden, ihr Vorwürfe zu machen.

Doch dann kam der 22.November 1963. Das bejubelte Präsidentenpaar in einem offenen Lincoln auf dem Weg durch Dallas. Die Schüsse. Ein tödlich getroffener Kennedy. Eine erstarrte Jackie Kennedy, die schließlich panisch versucht, über das Heck dem Todeswagen zu entfliehen und von einem Sicherheitsbeamten zurückgestoßen wird. Die auf dem Weg ins Krankenhaus den Kopf ihres sterbenden Mannes hält und nicht von seiner Seite will. Das blutgetränkte Kostüm, die verweinten Augen, die gerade Haltung. Von einem besonders anrührenden Detail der Tragödie berichtet der Jackie-Biograph C.David Heymann. Der Sarg mit dem toten JFK wurde im Weißen Haus aufgebahrt und von einer Ehrengarde bewacht, die starr geradeaus blickte. Jackie bat den Verantwortlichen, die Soldaten anzuweisen, auf den Sarg zu blicken. Geht nicht, sagte der, die schauen immer gerade aus. "Das ist mir egal", sagte Jackie, "wenn die den Sarg bewachen, sollen sie ihn anschauen. Sie sehen absurd aus, wie sie da in die Luft gucken. Befehlen Sie der nächsten Schicht, auf den Präsidenten zu blicken."

So viel Sensibilität wird sie zwölf Jahre später, beim Tod ihres zweiten Ehemannes, nicht zeigen. Während Onassis in Paris im Krankenhaus liegt, ist sie in New Hampshire zum Skilaufen, als er stirbt, ist seine Tochter Christina bei ihm und seine Frau in New York. Ihre erste Sorge, nachdem sie schließlich in Paris eintrifft: Was trage ich zur Beerdigung? Sie ordert ein kleines Schwarzes, bei Valentino. Das Holz, aus dem Jackie Kennedy Onassis geschnitzt war, ist immer ein wenig porös gewesen, eine Mischung aus Unsicherheit und Anspruch, aus Debütantinnen-Charme und Grande-Dame-Attitüde, aus kindlicher Begeisterungsfähigkeit und kaltem Snobismus. In der Ehe mit Onassis scheint das Allüren-Potential obsiegt zu haben. Wie ein verzogenes kleines Mädchen durchs Schlaraffenland zog sie durch Antiquitätengeschäfte und Haute-Couture-Läden mit dem Satz "Mr.Onassis zahlt das".

Der inzwischen gestorbene Schriftsteller Truman Capote begleitete sie einmal auf einer ihrer "shop-till-you-drop"-Touren: "Sie ging in einen Laden, orderte zwei Dutzend Seidenblusen in verschiedenen Farben, nannte eine Adresse und ging wieder. Sie schien wie in Trance, wie hypnotisiert. "Sieben Jahre dauerte diese Ehe, in deren Verlauf die ehemalige First Lady zur Jet-set-Tante "Jackie 0." mutierte und der dynamische, stets spendable Ari zum kleinkrämerischen Nörgler. Jackie gebe zuviel Geld aus, klagte er. Ari habe schlechte Tischmanieren, klagte sie. Noch vor der geplanten Scheidung und ehe er sie rechtswirksam enterbt hatte, starb Onassis. 26 Millionen Dollar soll die Witwe bekommen haben.

Womit sie, die immer wohlhabend gewesen war, aber eben immer aus zweiter Hand, zum ersten Mal in ihrem Leben über eigenes Vermögen verfügte. Ein Umstand, der ihr Bedürfnis nach Sicherheit soweit zu befriedigen schien, daß sie begann, es zusammen zu halten. Was hätte sie auch noch kaufen sollen? Eine 15-Zimmer-Wohnung mit Blick auf den New Yorker Central Park hatte sie bereits, ein komfortables Landhaus auf der Insel Martha's Vineyard ebenso. Ihre Kleiderschränke waren gut bestückt, die heranwachsenden Kinder wohlgeraten, intelligent und über einen Kennedy-Fonds abgesichert. Jacqueline Kennedy Onassis, über deren Ikonen-Status die amerikanische Feministin Gloria Steinem einmal sagte : "Sie steht für eine Ära. Ihr Gesicht ist die beständige Erinnerung an eine Zeit der Hoffnung".

Sie emanzipierte sich. Sie suchte sich einen Job, wurde Lektorin beim Verlag Viking Press und kündigte, nachdem dieser einen Schlüsselroman über ihren Schwager Edward Kennedy veröffentlicht hatte. Indiskretionen sind ihr immer ein Greuel gewesen. 16 Jahre lang war sie beim angesehenen Verlag Doubleday zuständig für Bücher aus dem Bereich der schönen Künste. In ihrer Funktion als Lektorin gab sie sogar das einzige Interview in drei Jahrzehnten, mit dem Satz: "Ein wunderbares Buch ist für mich eines, das mich auf eine Reise mitnimmt in einen Bereich, den ich vorher nicht kannte." Sie mochte ihren Job, sagte sie, und ihre Kollegen mochten sie, sagten ihre Kollegen. An drei Tagen in der Woche saß sie, wenn ihr Gesundheitszustand es erlaubte, an ihrem Schreibtisch in ihrem Büro, das mit 16 Quadratmetern nicht größer war als die der anderen Mitarbeiter. Manchmal ging sie mit Autoren zum Essen, manchmal aß sie ein Yoghurt am Schreibtisch. Keiner ihrer engeren Freunde hatte ihr Blumen geschickt, seit bekannt geworden war, daß sie am Non-Hodgkin-Lymphom leidet, einem Lymphdrüsenkrebs. "Undenkbar, ihr Blumen zu schicken", sagte eine Freundin. "Das wäre nicht ihr Stil."

Seit 17 Jahren lebte sie, gelassen und eher zurückgezogen, in einer Ehe ohne Trauschein mit Maurice Tempelsman, einem 64jährigen Diamantenhändler, dessen Frau die Scheidung verweigert hat. Jackie soll ihn, der nicht so attraktiv ist wie ihr erster und nicht so reich wie ihr zweiter Mann, dafür liebenswert und fürsorglich, kürzlich in einer privaten Zeremonie geheiratet haben. Ansonsten spielte sie viel mit ihren drei Enkeln, den Kindern der Tochter Caroline. In Grabreden heißt es oft, jemand starb, wie er gelebt hat. Jacqueline Kennedy Onassis starb so, wie sie vermutlich immer leben wollte: in ihrem Zuhause, im Kreis ihrer Familie und Freunde. Die Öffentlichkeit blieb bis zuletzt, was sie für die ehemalige First Lady immer gewesen war: ein lästiger Zaungast.