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Die Kennedys: "Es war einmal in Amerika"

Niemand verkörperte den Traum von Freiheit und Erfolg mit so viel Charme wie die Kennedys. Erstmals ist nun die weltgrößte Privatsammlung von Fotos und persönlichen Gegenständen des Clans in Berlin zu sehen.

Die Hermès-Tasche aus schwarzem Krokoleder trug John F. Kennedy immer bei sich, auch am 22. November 1963, als er in Dallas erschossen wurde. Danach war die Tasche jahrzehntelang verschwunden und tauchte erst im März 1998 bei einer Auktion in New York wieder auf. Ihr Wert war unschätzbar, sodass im Katalog kein Preis genannt wurde. Kennedys Kinder John F. junior und Caroline schlugen Alarm; sie wollten das geschichtsträchtige Stück, an dem ihr Vater besonders hing und in dem er auch an seinem letzten Tag alle wichtigen Dokumente trug, unbedingt haben. Doch es wurde für 700.000 Dollar versteigert und hat seither versteckt in einem Tresor gelegen.

Nun ist die elegante, ein Mal reparierte Aktentasche erstmals öffentlich zu sehen - in Berlin. Kennedy hatte sie Anfang der fünfziger Jahre in England gekauft, sie ist an den Ecken leicht angestoßen, kurzum: ein Schatz. Die spektakuläre Ausstellung "The Kennedys", die ab 19. Juni in den Räumen der Fotogalerie Camerawork gezeigt wird, präsentiert neben der Tasche noch andere, nie zuvor gezeigte Objekte aus dem Besitz des Clans, dazu rund 600 ebenfalls kaum bekannte Fotos. Weshalb die Kennedy-Memorabilien zuerst in Deutschland und nicht in den USA zu sehen sind, ist eine lange Geschichte, über die der Aufsichtsratsvorsitzende der Camerawork AG, Clemens J. Vedder, gern schweigt - ganz nach Jackies Motto: "Lass die Leute rätseln, dann vergessen sie dich nie."

Kreditkarten, Koffer und Persianerkappen

Einige der Exponate gehören Camerawork, der einzigen Aktiengesellschaft der Welt, die mit Fotografien handelt. Andere sind im Besitz eines unbekannten Sammlers, der seit 30 Jahren Kennedy-Stücke kauft und sich hinter einer Liechtensteiner Vermögensgesellschaft verbirgt. Ihm gehört auch eine überaus wertvolle, gebundene Kopie der Ansprache, die Kennedy bei seinem Amtsantritt im Januar 1961 hielt: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt."

Zu sehen sind die Kreditkarte "Carte Blanche" und der mit grünem Samt ausgeschlagene Lederkoffer, mit dem Kennedy reiste, der Füller vom White-House-Schreibtisch und eine jener seidenen Bergdorf-Goodman-Krawatten, die JFK so liebte. Ein besonderes Stück ist der gefütterte Pillbox-Hut aus schwarzem, persischem Lammfell, den Jackie erstmals beim Deutschlandbesuch trug. Der Hut machte Anfang der sechziger Jahre Modegeschichte, Hunderttausende von Frauen in aller Welt liefen fortan in Persianerkappen mit einer Beule herum.

Kennedy-Kinder wollten Auktion verhindern

Die meisten Objekte der Berliner Ausstellung kamen bei der umstrittenen Versteigerung des New Yorker Auktionshauses Guernsey's im März 1998 unter den Hammer. Damals versuchten die Anwälte der Kennedy-Kinder, den Verkauf zu blockieren, weil sie unterstellten, viele der Sachen seien von Kennedys langjähriger Sekretärin Evelyn Lincoln gestohlen worden. Sie habe das "Vertrauensverhältnis gebrochen" und nicht das Recht, "diese Gegenstände zu verkaufen". Doch so war es wohl nicht. Vieles waren Geschenke an die enge Vertraute, die mehr über den Präsidenten wusste als die meisten seiner hochrangigen Mitarbeiter. Andere Objekte hatte sie nach seinem Tod gerettet, weil niemand sich dafür interessierte.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1995 hortete Evelyn Lincoln alle Andenken zu Hause, ihren Nachlass vermachte sie, zum Kummer der Kennedys, Robert L. White aus Maryland, einem besessenen Sammler von Kennedy-Memorabilien. Kurz vor der Auktion einigte sich die KennedyFamilie mit White, er gab den kleinen Mahagoni-Tisch, an dem Kennedy wichtige Dokumente zu unterzeichnen pflegte, dem Nationalarchiv. Er war wegen Kennedys Rückenschmerzen sechs Zentimeter niedriger als der wuchtige OvalOffice-Schreibtisch. Außerdem bekam der Clan diverse Dokumente zurück. Der Großteil der Sammlung aber wurde versteigert. Üblicherweise verschwinden solche Trophäen in Tresoren, bleiben unsichtbar bis zur nächsten Auktion (und Wertsteigerung). Und verschwinden danach wieder. Umso bemerkenswerter ist die Ausstellung in der Berliner Galerie, wo nun auch einige gebundene Memoranden Kennedys zu sehen sind, darunter auch jenes berühmte von JFK an den damaligen CIA-Direktor McCone, in dem er während der Kubakrise wissen will: "Gibt es irgendetwas, was wir tun könnten, um die Vergeltungsschläge von Castro einzugrenzen?"

Unleserliche Klaue von JFK

Neben solch hochpolitischen Notizen sind auch allzu menschliche zu sehen, etwa jene seiner Frau Jackie an die Sekretärin, in der sie darum bat, die beigefügten Rechnungen nicht ihrem Mann zu zeigen. Oder vier Zettel, auf denen der damalige Senator Kennedy seine Unterschrift für die Weihnachtsbriefe von 1959 übte: "Freundliche Grüße, Jack." Er hatte eine berüchtigt unleserliche Klaue und schrieb seinen Namen selten zweimal gleich.

Die Camerawork AG, die in ihren klimatisierten, unterirdischen Archiven mehr als 1,2 Millionen Negative, 25 000 Vintage-Fotos (Erstabzüge) und 150.000 Originalfotos lagert (geschätzter Wert: 170 Millionen Euro), besitzt auch die größte private Kennedy-Fotosammlung.

Kaum zu glauben, dass es 40 Jahre nach JFKs Tod noch Kennedy-Bilder gibt, die die Welt nicht schon x-mal gesehen hat - aber in der Berliner Ausstellung hängen sie gleich zu Hunderten. Kennedys millionenschwerer Vater, der seinen Sohn früh und zielstrebig für das höchste Staatsamt vorbereitete, hatte der Familie schon zu JFKs Senatorenzeit die besten Fotografen zur Seite gestellt. In der Ausstellung sind Bilder von rund 90 weltweit renommierten Fotografen zu sehen. Die unbemerkt über die Jahre zusammengekaufte Kollektion, darunter zahlreiche Vintage-Fotos, ist noch nie gezeigt worden.

Edward im Stützkorsett

Vieles davon wurde auf Flohmärkten entdeckt, oft bei Verkäufern, die nicht ahnten, was für Schätze sie besaßen. So auch jene Privatbilder, aufgenommen im August 1959, auf denen John F. und seine Frau Jackie zu sehen sind, wie sie mit der kleinen Caroline am Strand von Hyannisport herumtoben. Oder der Zigarren rauchende JFK und sein skandalträchtiger Bruder Edward in einem Stützkorsett - auch er hatte Rückenprobleme, die er in der Öffentlichkeit immer kaschierte.

In einer Garage in Palm Beach fand sich die schräge Weihnachtskarte, die Robert Kennedy an seine Freunde verschickte: Frau Ethel, die sieben Kinder und die beiden Hunde sitzen auf einem rasenden Oldtimer. Auf den ebenfalls ausgestellten Kontaktbögen ist zu sehen, wie die Montage entstand. Ethel, die ins Krankenhaus musste, wurde von der Haushälterin gedoubelt und erst am Ende hineinmontiert.

Faszination Kennedy

Warum faszinieren die Manschettenknöpfe eines Präsidenten, der nur gut tausend Tage regierte, die Menschen noch heute? Warum bringt ein Gürtel von Jackie, auf 400 Dollar geschätzt, mehr als 7000 Dollar bei einer Auktion? Warum erzielen selbst Telefonkritzeleien Kennedys, von der Sekretärin aus dem Papierkorb gefischt, vierstellige Beträge?

Die Kennedys sind das heimliche Königshaus der zutiefst unaristokratischen Amerikaner, ihre Tragödien bewegen die Welt bis heute. "Wenn unser Land einen Shakespeare hätte", kommentierte einst die "Washington Post", "würde er die Geschichte der Kennedys schreiben." Ihr Name steht bis heute für die Hoffnung, die "moralische Führung des Planeten" (Robert Kennedy) könne von der amerikanischen Politik ausgehen. Vielleicht wird ihr Name noch immer so verklärt, weil das Ansehen des derzeitigen Präsidenten in der Welt so niedrig ist wie nie. Vom Charisma Kennedys und dessen Vision einer gerechteren Welt ist Bush jr. meilenweit entfernt. Wie viel Hoffnung die Welt einmal in einen amerikanischen Präsidenten gesetzt hat - in Berlin ist es demnächst in einer großartigen Schau zu sehen.

Claus Lutterbeck / print