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TV-Doku und die Presse Harrys und Meghans erstaunlicher Umgang mit der Presse – und warum die Taktik große Gefahren birgt

Harry und Meghan - eine afrikanische Reise
Mit ihrer vieldiskutierten TV-Doku haben Prinz Harry und Herzogin Meghan große Wellen geschlagen. Sie ist faszinierend – und gleichzeitig könnte sie Tür und Tor für das öffnen, was die beiden eigentlich gerade verhindern wollen.

Der Schlüsselmoment der 45 Minuten langen Dokumentation "Harry und Meghan – eine afrikanische Reise" ereignet sich kurz vor Schluss. Herzogin Meghan steht in einem Garten, die Hände hat sie in den Taschen ihres Trench-Coat-Kleides. Ihre Miene ist entschlossen und gleichzeitig emotional, immer wieder bricht ihre Stimme.

Dem Journalisten Tom Bradby, der Prinz Harry seit Jahren begleitet, sagt sie, sie habe wirklich versucht, sich die "stiff upper lip" anzutrainieren. Diese unerschütterliche Einstellung der Queen, sich nie zu beschweren und nie zu erklären. Doch das ur-britische und vor allem das ur-royale – es liege ihr einfach nicht. Es ist der Moment, an dem klar wird: Von nun an wird alles anders sein. 

Doku: "Harry und Meghan – eine afrikanische Reise" polarisiert

Ihre Worte wurden in der vergangenen Woche viel zitiert. Aber dazu später mehr. Denn während sich die erbarmungslose britische Presse seit mittlerweile einem Jahr auf "die Außenseiterin" Herzogin Meghan stürzt, ist es Prinz Harry, auf dem der Fokus liegen sollte. Der Kurzfilm, in dem es eigentlich um Harrys und Meghans Arbeit in Afrika geht, ist der Höhepunkt eines mittlerweile jahrelangen Krieges des Prinzen gegen die Presse. "Ich lasse mich nicht dazu drängen, ein Spiel mitzuspielen, das meine Mutter umgebracht hat", erzählt der 35-Jährige Bradby im Gespräch. Er meint das Spiel mit den Medien, mit den Fotografen, mit der teilweise schonungslosen Berichterstattung der Yellow Press. Seit Jahren schon ist bekannt, wie die Brüder William und Harry ticken. William, der Kontrollierte, wird irgendwann König von Großbritannien sein. Er spielt das Spiel mit, das ihm in die Wiege gelegt wurde. Sein kleiner Bruder gilt hingegen als "Hitzkopf", als emotionaler Menschenfreund, der viel von seiner verstorbenen Mutter Diana in sich trägt. Sie beschreiten gerade "verschiedene Wege", sagt Harry über William und bestätigt damit, was seit vielen Monaten spekuliert wird: Die Brüder sind sich zurzeit nicht wirklich grün. 

Doch der Weg, den Harry in den vergangenen Wochen eingeschlagen hat, ist brandgefährlich. Ihm sei es wichtig, authentisch zu sein, sagt er in der Doku. Authentisch ist er, denn er trägt sein Herz auf der Zunge. Das Problem: Mit aller Macht will er die Presse von sich fern halten, ist aber gleichzeitig besessen von ihr. Gerüchten zufolge liest die Nummer sechs der britischen Thronfolge vieles von dem, was in den Zeitungen über ihn und Ehefrau Meghan geschrieben wird. Dass sie eine Diva sei und er und sein Bruder sich hinter den Kulissen streiten würden. "Du lässt die aufdringliche Kamera in dein Leben und du verlierst die Kontrolle. Egal wie viel redaktionelle Kontrolle sie über ihren Kumpel Tom Bradby hatten, hat er [Harry] Chaos verursacht", analysiert der PR-Experte Mark Borkowski im "Guardian". 

Harrys Weg ist gefährlich

Dabei ist Harrys Ablehnung keineswegs neu. Dass er die Presse und die Fotografen nicht leiden kann, ist bekannt – jagten sie doch seine Mutter buchstäblich bis in den Tod. Doch genau wie Harry jetzt, nutzte auch Prinzessin Diana die Journalisten und Reporter oft zu ihrem eigenen Vorteil.

Mit Meghan an Harrys Seite kommt ein neuer Faktor in der PR-Strategie der Sussexes dazu: Hollywood. So legendär wie die latent verklemmte Höflichkeit der Briten ist die offene, teilweise überschwängliche Art der Amerikaner, die ihnen teilweise als Oberflächlichkeit ausgelegt wird. Und so wirkt die Dokumentation der beiden Royals, die unterschiedlicher nicht hätten aufwachsen können, stellenweise wie eine strategisch geplante Hollywood-Produktion. 

Die ehemalige "Suits"-Schauspielerin Meghan ist keine normale Bürgerliche, die von den aufdringlichen Kameras der Paparazzi überrascht wurde. Und genau das ist eines der Probleme an der Dokumentation: Sie ist zu Teilen schlicht nicht glaubwürdig. Dass Meghan zum Beispiel nicht gewusst habe, was mit ihrer Heirat in die Royal Family einhergehen würde. Die Amerikanerin ist in Hollywood großgeworden. Ihr Vater arbeitete in der Branche und schon früh wagte Meghan ihre ersten Schritte im Schauspielbusiness. Wenn also jemand mit lauernden Fotografen umgehen kann, dann ist es die Herzogin. 

Meghan zieht den Schlussstrich, den Harry längst ziehen wollte

So unglaubwürdig die Aussage, sie habe nicht gewusst, was passieren würde, so aufrichtig ist Meghans Eingeständnis, dass sie unter der Berichterstattung leidet. Denn ja, beides geht. Sie kann sich im Klaren darüber gewesen sein, wie es ist, von der Presse seziert zu werden. Und gleichzeitig kann ihr das Vergrößerungsglas, das auf sie gerichtet ist, zu schaffen machen.

Niemand außer denen, die es selbst erlebt haben, können nachvollziehen, wie es ist, ein Royal zu sein. Die Mitglieder der britischen Königsfamilie sind privilegiert, keine Frage. Und doch haben sie zu funktionieren. William und Kate funktionieren, sie haben verstanden, dass sie keine andere Wahl haben. Doch der "Hitzkopf" Harry wehrt sich nicht erst seit der Hochzeit mit Meghan gegen das System. Was allerdings seit der Eheschließung anders ist: Es scheint, als habe Meghan nun letztendlich genau den Schlussstrich gezogen, den ihr Ehemann längst ziehen wollte: Schluss mit der "stiff upper lip", Schluss mit der Taktik, alles zu tolerieren und hinzunehmen. Genau das will sie unterstreichen, dort in dem Garten, mit den Händen in der Tasche. Es ist nicht einzig und allein so, dass Harry seine Ehefrau schützt, die unter den schlimmen Schlagzeilen leidet. Sie schützt ihn genauso: indem sie offen sagt, was ihm als Prinz jahrelang verwehrt wurde. 

Es gäbe eine Lösung

Alles hinzunehmen und die Presse in ihr Leben lassen: All das müssten die beiden nicht mehr, würden sie ihre Titel abgeben und sich zurückziehen. Doch – und das hat die Dokumentation ebenfalls gezeigt – es ist nicht der Weg, den Harry einschlagen will. Zu wichtig ist ihm der Einfluss, den er als Herzog hat. Seine Arbeit in Afrika besteht nicht nur aus Händeschütteln und freundlich für die Fotografen lächeln. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, die Arbeit seiner Mutter fortzuführen. Und so stecken die beiden in einer Zwickmühle, die sie selbst noch angetrieben haben. Denn das öffentliche Beschweren – und die Tatsache, dass sie dafür ausgerechnet ihren größten Feind, die Presse, genutzt haben – wird die ohnehin angesäuerten Medienvertreter der "Daily Mail", "Sun" und Co. nur weiter antreiben. Auch in Zukunft werden Reporter die beiden verfolgen, werden zynische Journalisten weiter Unwahrheiten verbreiten.

Es sind die Geister, die Harry und Meghan gerufen haben. Ob sie das bedacht haben? Vermutlich nicht.

Quellen: "Harry und Meghan - eine afrikanische Reise" (ARD) / "Guardian"


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