HOME

Heidi Klums Neuer: Wer ist eigentlich dieser Vito Schnabel?

Der Neue von Heidi Klum hat offenbar alles, wovon Männer träumen: Mädels und Millionen. Doch der Galerist und Sohn des berühmten Malers Julian Schnabel ist längst eine Größe im Kunstmarkt.

Von M. Knobbe, A. Kraft und A. Spinrath, New York

Bemalte Fernsehschirme, auf denen Schneewittchen einem der sieben Zwerge einen runterholt, ach, so was kann in New York nicht mehr schockieren. Entsprechend gelassen bleibt die anwesende Schar der Kunstfreunde. Hey, du hast ein neues Tattoo, großartig, wie heißt der Künstler noch mal? Ein paar Hunde rennen umher, draußen riecht es nach Kiffen, an der Mauer neben der Tür lehnen Skateboards. Die Galerie von Vito Schnabel, 27, ist angenehm unprätentiös: 40 Quadratmeter im West Village, weit entfernt von den Edelgalerien in Chelsea. Hier kratzt es niemanden, dass er jüngst mit Topmodel-Macherin Heidi Klum, 40, gesichtet wurde. Eher, dass er der älteste Sohn der Künstlerlegende Julian Schnabel ist, mit dem er nun gemeinsam auftaucht und endlich Bewegung in die Menge bringt.

Vito Schnabel hat etwas von einem Straßenkämpfer, das Gesicht im Ansatz bullig, kompakt die Statur. Wäre er größer, könnte er den Türsteher geben im "Wall", dem Edelclub im "W"-Hotel zu Miami Beach, wo er jedes Jahr zur Kunstmesse Art Basel Miami die beste Party schmeißt.

Alles schart sich jetzt um den Gastgeber: ein schwerreicher Sammler aus Dubai, die Skaterfreunde des ausstellenden Künstlers und Agnes Gund, die große alte Dame der New Yorker Kunstszene, einst Präsidentin des MoMA, des Museum of Modern Art. Julian Schnabel, Vitos Vater, ist diesmal nicht, wie üblich, im Pyjama erschienen, sondern im farbbeklecksten Overall. Schnabel junior ist dezenter gekleidet: Schwarz in Schwarz, dazu Lederslipper von Bottega Veneta, 400 Dollar, die Haare pomadisiert, die Stimme leise, die Worte gewählt. Das Happening mit den Schnabels dauert eine knappe Stunde. Kurz darauf verreist Vito Schnabel mit seinem Vater nach London. Das versprochene Interview bleibt aus, too busy, tut uns leid.

Welt der berühmten Nachnamen

Was Zusagen und Frauen angeht, scheint Vito Schnabel ähnlich sprunghaft wie sein Vater zu sein. Heute Heidi, gestern Liliana Nova, die Exfrau von Lothar Matthäus, davor Demi, Liv und Elle und wie sie alle heißen. Doch betrachtet man den jungen Mann genauer, stellt man fest: Seine Freundinnen sind tatsächlich das Uninteressanteste an ihm.

Was die Kunst angeht, ist er zum Beispiel weit radikaler als sein Vater Julian. Bis vor Kurzem hatte er noch nicht mal eine eigene Galerie, agierte lieber aus dem Untergrund. "Es ist wie ein Guerillakrieg", hat er dazu einmal gesagt. Als Kunsthändler steht Vito Schnabel für eine neue Generation von Kennern, reich geboren, gut vernetzt und immer daran interessiert, das Neue, Radikale voranzubringen. Vladimir Restoin-Roitfeld gehört dazu, der Sohn von Carine Roitfeld, die einst die französische "Vogue" regierte. Alex Dellal ist auch dabei, Sohn eines Londoner Großgrundbesitzers und "Gala"-Lesern als Ex von Monaco-Beauty Charlotte Casiraghi bekannt. Tyrone Wood, der Sohn des Rolling-Stones-Gitarristen Ron Wood - eine Welt der Nachnamen, ein Herrenklub der Privilegierten, allesamt Galeristen und Kunstkenner.

Diese Möglichmacher zeitgenössischer Kunst gab es immer schon. Im 19. Jahrhundert etwa war es Charles Ephrussi, Spross einer Handelsdynastie, der den anfangs wüst beschimpften Impressionisten den Weg bereitete: Monet, Manet, Renoir. Er kaufte ihre Bilder und brachte seine Freunde in den Pariser Salons dazu, wie er an diese wilde, neue Malerei zu glauben. Die Ephrussis von heute sind jünger, unbeschwerter, nicht ganz so selbstlos, nicht ganz so intellektuell. Aber immer offen für Unerprobtes, Riskantes, moderne Kunst eben. Als es dem weltweiten Geldmarkt nicht gut ging, litten auch viele Sammler. Die Kunstszene war in Aufruhr. In wen noch investieren? Die jungen Artdealer sahen ihre Chance, rollen seither den Kunstmarkt neu auf und vermitteln zwar auch klug ausgewählte Investitionsobjekte, aber immer öfter endlich wieder Kunst, die durch sich selbst bewegt.

Zu den Abschlüssen trifft man sich nicht mehr unbedingt in den diskreten Verhandlungsräumen der Galerien, sondern lieber auf Partys, bei Harvey Weinstein zum Beispiel, dem mächtigen Filmproduzenten, oder bei Vladislav Doronin, dem russischen Milliardär, der früher mit Naomi Campbell liiert war. Andere Kumpel kommen dazu, Stavros Niarchos, Enkel des legendären griechischen Reeders, oder Charlie Shaffer, der Spross von Mode-Ikone und US-"Vogue"-Chefin Anna Wintour. Höhepunkt ist die jährliche Party in Miami, wo die Jungs erst auf dem Hoteldach Basketball spielen, bevor sie den Champagner öffnen. Später tanzen sie, zusammen mit Beyoncé und Jay-Z, die Alten stehen am Rand und gucken zu, la famiglia hat Geschäfte gemacht und feiert nun. Die Verhandlungen werden gern in New York fortgesetzt, dann lädt Vito Schnabel ins "Carbone", das ihm mit Freunden gehört. Man fühlt sich hier wie im "Paten", der Teller "Spaghetti Vito" kostet 32 Dollar.

Mike Homer, 36, war 2009 das erste Mal beim abendlichen Basketball in Miami dabei. Der Kunsthändler aus Los Angeles, früher selbst einer der besten College-Spieler, war erstaunt, wie gut und ehrgeizig Vito Schnabel auf dem Platz ist: "Ein echt unangenehmer Gegenspieler." Fernab des Korbs aber sei er ein ganz anderer: extrem bescheiden, zurückhaltend und sehr höflich. "Er kümmert sich auch um Künstler, die er gar nicht unter Vertrag hat", verrät Homer, "er hilft ihnen, auf die Beine zu kommen. Das ist selten in diesem harten Geschäft."

Aus dem Schatten des berühmten Vaters

Vito Schnabel, so sagen es eigentlich alle, die mit ihm zu tun haben, ist ein angenehmer Mensch. Ausgebufft bei den Verhandlungen - er liebt es, mit seinen Freunden nächtelang zu pokern -, doch dabei immer gerade. "Eine seiner Stärken ist, dass er es schon als junger Kerl verstand, sich auch mit der älteren Generation zu verbinden. Er hat diese Offenheit, diese Flexibilität", sagt Aby Rosen, 53, der in Deutschland und den USA viele Immobilien besitzt, auch das "W" in Miami gehört dazu. Vito Schnabel ist wie ein kleiner Bruder für den anerkannten Kunstsammler aus New York, und wenn einer eine Reise tut, kommt der andere gern mit.

Wer Vito Schnabel näherkommen will, muss nicht nur seinen Vater ansehen, einen modernen Belami mit sechs Kindern von drei Frauen, sondern seinen Blick auch nach Brooklyn richten. Dort steht die Privatschule Saint Ann's, gegründet 1965 von Stanley Bosworth, einem begnadeten Pädagogen und berüchtigten Frauenheld. Als "Vergnügungspark mit Aristophanes, Darwin und Baudelaire als Hauptattraktion" bezeichnet sich die Schule, in der Kreativität großgeschrieben wird, noch heute. Der Direktor kannte keine Zensuren, gegen Liebschaften im Klassenzimmer hatte er nichts einzuwenden. "Französisch habe ich gelernt, während ich in Frankreich mit Lucie schlief, und Deutsch, als ich in Deutschland mit Anna Lisa Schmidt geschlafen habe", sagte er dann. Seine Schüler vergötterten ihn. Vito Schnabel, das kann man wohl behaupten, ist in vielerlei Hinsicht von dieser Schule geprägt worden.

Zu Hause war es zunächst die Mutter, auf die er hörte: Jacqueline Beaurang, eine gefragte Schuhdesignerin. Von ihr habe Vito das Besonnene, sagt Peter Brant, 67. Der Papierfabrikant und Herausgeber der amerikanischen Ausgabe der von Andy Warhol gegründeten Zeitschrift "Interview" ist ein weiterer Freund der Familie. "Ich kenne Vito, seit er fünf Monate alt ist", sagt Brant. Er versuche, ihm eine Art Mentor zu sein: "Ich will ihm vermitteln, langfristig zu denken."

Er meint wohl: nicht wie sein Vater, der erst gefeiert und dann von der Kritik für Jahre verdammt wurde, bevor er wieder als großer Künstler akzeptiert wurde. Der sich einen monströsen, rosa Kitschpalast im New Yorker West Village errichten ließ, um dann festzustellen, dass seine Luxusappartements für bis zu 32 Millionen Dollar schwerer loszuschlagen waren als geplant.

Der Vater war in Vito Schnabels Leben immer gegenwärtig, auch wenn er am Anfang selten da war. Als Vito zwölf war, spannte Julian Schnabel ihn für eine Filmszene in "Before Night Falls" ein: Vito spielt einen schwulen Jungen, der Oralsex hat. "Mein Vater schrie mich nur an, ich solle nicht dauernd in die Kamera blicken", erinnert er sich, "das war das eigentlich Traumatisierende." Als er 15 war, näherten sich Vater und Sohn an. Gemeinsam besuchten sie Ausstellungen, reisten um die halbe Welt. Vito verkaufte sein erstes Werk, eine Fotografie seiner Schwester Lola. Der Käufer hieß Elton John. Mit 16 organisierte er seine erste Ausstellung in einem Lagerhaus, den Vater immer an seiner Seite.

In einem kleinen Haus in Red Hook, am Rand des New Yorker Stadtteils Brooklyn, lebt Ron Gorchov. In den 1970er Jahren war Gorchov ein bedeutender Maler, einige seiner Werke hängen im MoMA. Ende der Achtziger geriet er in Vergessenheit. Das Geld war weg, ebenso sein Glaube, je wieder erfolgreich zu werden. Dann stand 2004 plötzlich Julian Schnabel in der Tür. Er kaufte ein paar Bilder und lud ihn später in ein Restaurant ein, wo Ron Gorchov dem Sohn gegenübersaß. "Ich möchte eine Ausstellung mit dir machen", sagte Vito. "Du hast drei Monate Zeit und musst ein paar neue Bilder malen." Da war der junge Schnabel gerade 18 und durfte noch keinen Wein zum Essen trinken.

Vito habe ein enormes Gefühl für die Malerei, sagt Gorchov, der heute 83 Jahre alt ist. "Er schaute sich lange schweigend meine Bilder an und sagte dann, er sei vom Fluss der Farben auf der Leinwand begeistert. Genau das hatte ich im Kopf, als ich die Bilder malte." Vito, sagt Gorchov, habe ihm schließlich zu einem großartigen Comeback verholfen. Längst ist nicht mehr klar, ob Vito mehr von seinem Vater profitiert oder ob es schon umgekehrt ist. Er wohnt noch immer bei Julian in der rosafarbenen Riesentorte in der Elften Straße. Julian Schnabel, 62, ist mittlerweile mit dem dänischen Model May Andersen, 31, zusammen, einer alten Freundin von Vito, sie haben einen Sohn.

Während die Frauen des Vaters immer jünger werden, bevorzugt der Sohn generell die Älteren, was sich gut trifft, denn so kommen sie sich nicht ins Gehege. Was Vito Schnabel an Heidi Klum findet, weiß man nicht, er spricht nicht über seine Beziehungen. Vielleicht, sagt der junge Mitarbeiter einer Galerie, der Vito Schnabel gut kennt, wählt er die Frauen auch danach aus, ob sie dem Geschäft nützen. Er könne sich das, bei allem Respekt, sehr gut vorstellen. Wenn dem so ist, hat Vito Schnabel eine gute Hand. Bisher soll er mit seinen Bildern mehr als 20 Millionen Dollar verdient haben.

print