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HOCHZEIT: Mut zum blauen Blut!

Norwegens Kronprinz heiratet am Wochenende eine Bürgerliche. Kaum Glanz, kaum Glamour - viel zu gewöhnlich, findet stern-Autorin Ildiko von Kürthy.

Och, also sooo toll ist die ja gar nicht. Recht stämmige Waden hat die Gute. Bisschen breit auch in den Hüften. Die Haare... immerhin blond... aber ansonsten dünn und uninspiriert wie bissfest gekochte Spaghettini. Und dann hat sie auch noch - an dieser Stelle sollte man bedeutungsschwanger die Stimme senken - einen unehelichen Sohn. Von einem Mann, der in Drogengeschäfte verstrickt war und deswegen verurteilt wurde. Und trotzdem - wie ist das möglich? - hat sich diese schlecht frisierte Blondine den allerbeliebtesten Junggesellen Europas geangelt.

Man könnte sich vorstellen, anstelle der Braut zu sein

Es gibt Hochzeiten, die verfolgt man aus endloser, bewundernder Distanz. Da ist das Brautpaar so unglaublich schön, so unermesslich reich oder derartig adelig, dass man leider ganz genau weiß, dass man bei denen nicht mal als Küchenhilfe infrage käme. Wie bei Cindy Crawford oder Barbra Streisand oder Donald Trump oder Lady Diana. Und es gibt Hochzeiten, die verfolgt man mit persönlicher Rührung und individueller Ergriffenheit. Weil man sich durchaus vorstellen könnte, anstelle der Braut zu sein. Ja mehr noch, im Grunde wundert man sich, warum man nicht selbst über den roten Teppich schwebt, um in irgendeiner fremden Sprache ergriffen »Ja« zu hauchen.

»Wenn er die nimmt«, denkt man sich vorm Fernseher bei Knabbergebäck und Live-Übertragung der königlichen Hochzeit, »dann hätte er auch mich nehmen können.« Am Wochenende ist es mal wieder soweit. Da wird eine zur Prinzessin - und im Grunde genommen hätte es jede von uns treffen können. Und das macht die ganze Sache irgendwie so lebensnah - aber auch ein bisschen banal. So eine Hochzeit schaut man sich an wie die Quiz-Show mit Günther Jauch. Die Million hätte meine sein können!

Haakon heiratet »Aschenputtel«

Prinz Haakon von Norwegen, der leckere Wikinger, den der gesamte weibliche Hochadel nicht von der Bettkante geschubst hätte, heiratet am Wochenende die Frau mit dem Namen, den man schlechter nicht hätte erfinden können: Mette-Marit Tjessem Hoiby. »Aschenputtel« wird sie von den 4,4 Millionen Norwegern genannt, deren Königin sie einmal sein wird. Das ist dann natürlich vorbei, wenn das Märchen wahr wird. Ab dem 25. August heißt sie »Ihre Hoheit« oder »Seine Prinzessin« oder, familiär gehalten, »Mette Norwegen«. Oder so ähnlich.

Alle fiebern dem Event entgegen

Wie romantisch! Aber nein, im Land der Fjorde und Fischfrikadellen sieht man solcherlei Paarungen nicht gern. Nur noch zwei Drittel der Bevölkerung stehen hinter der Monarchie, 90 Prozent waren es noch in den 90er Jahren. Wozu hat man denn Könige, nörgeln die Norweger? Doch nicht, damit sie sich mit bürgerlichen Unterwäschemodels verlustieren - wie in Spanien und Dänemark geschehen. Trotzdem fiebern schon alle dem glanzvollen Fünf-Millionen-Mark-Event entgegen. Schließlich wird die Hälfte davon von norwegischen Steuergeldern bezahlt. 400 Gäste werden in der Kathedrale in Oslo erwartet - man will ja auch was geboten bekommen für sein Geld.

Denn durch besondern Glamour hat sich das norwegische Königshaus bisher nicht gerade ausgezeichnet. König Harald gilt - Verzeihung, Majestät - als langweilig. Seine Frau Sonja ist auch bloß bürgerlicher Herkunft. Tochter Märtha-Louise hatte einen fatalen Hang zu einem Reitlehrer und ist jetzt mit einem Fäkal-Poeten liiert.

Geld statt Geschenke

Auf dem hochgewachsenen Prinz Haakon ruhte demnach die norwegische Hoffnung. Aber der gibt seine Öre für Ikea-Möbel aus und möchte zur Hochzeit keine Geschenke, sondern lieber Geld bekommen. Das er dann selbstredend für einen guten Zweck spendet. Auf Hauspersonal will der Kronprinz auch vorerst verzichten. Wirklich sehr sympathisch. Und so volksnah. Ein Mensch wie ich und du. Schade eigentlich.

Ach, ihr zukünftigen Regenten Europas - verliebt euch lieber in euresgleichen. Zeugt kleine Blaublüter und lasst die Finger von Dessous-Models, Reitlehrern und Zirkusdirektoren. Ihr Königskinder, wir wollen euch anbeten und euch beneiden - und nicht hinter euch an der Supermarktkasse stehen. Denn das Blöde ist, wenn Märchen wahr werden, dann sind sie keine Märchen mehr. In diesem Sinne: Hjertelig til lykke! Herzlichen Glückwunsch!

Autorin: Ildikó von Kürthy