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Interview Jan Ullrich 2017 im stern: Nichts deutete auf seinen Absturz hin

Interview: Jan Ullrich 2017 im stern: Nichts deutete auf seinen Absturz hin
Bisher waren Til Schweiger und Jan Ullrich Freunde. Beide besitzen jeweils eine Finca auf Mallorca in direkter Nachbarschaft. Doch genau das wurde der Freundschaft nun zum Verhängnis: In einer nächtlichen Aktion soll Ullrich Schweiger körperlich angegangen sein. Die Folge: Eine Anzeige und das Ende der Promi-Freundschaft.
Schweiger schildert den Vorfall Gegenüber der Bild am Sonntag berichtet Til Schweiger, was sich zugetragen haben soll: „Er kam übers Tor, was wir nicht gesehen haben, weil wir im Poolhäuschen ein Musikvideo angesehen haben. Er ging sofort mit einem Besenstiel auf einen Freund von mir los.“ Sogleich habe er daraufhin die Polizei alarmiert, welche auch direkt angerückt sei: „Die kam dann auch, hat ihn in Handschellen abgeführt.“ Seinen Schritt an die Öffentlichkeit erklärt Schweiger der Bild gegenüber folgendermaßen: „Ich habe das nicht getan, um Jan zu verpetzen. Jan wirkte völlig zugedröhnt und nicht mehr zurechnungsfähig. Deshalb habe ich das angesprochen.“Ullrich erklärt sich „Ich bin zu Till rüber, weil ich hörte, dass er demnächst Mallorca wieder verlässt und wollte mich verabschieden. Ich habe gerufen, es hat mich keiner gehört, da habe ich einfach das Grundstück betreten. Im Garten war auch eine Person - ein Mitarbeiter von Till - die sich eine Zeitlang bei mir durchgefuttert und mich dann sogar bestohlen hat. Es gab Wortgefechte, auch mit Til, möglicherweise auch mal eine Berührung an der Schulter. Plötzlich sprang mich diese Person mit einem Kung-Fu-Tritt an. Ich konnte ausweichen, bin aber auf den Ellenbogen gefallen. Dann kam schon die Polizei.“ Die Verhaftung selbst habe in Ullrich ein schieres Trauma ausgelöst: „Ich konnte mich mit den Beamten nicht verständigen, sie sprachen nur Spanisch, verstanden kein Englisch. Ich konnte keinen Anwalt anrufen. Ich musste alles bis auf die Hose ausziehen. In der Zelle gab es nur eine Pritsche und ein Handtuch. Überall Kot und Urin auf dem Boden und an den Wänden.“ Er habe Platzangst bekommen und nicht schlafen können. Ullrich gesteht: „Es war eine der härtesten Prüfungen meines Lebens.“Therapie gegen Alkohol- und Drogenprobleme Aufgrund des Vorfalls gab der 44-Jährige erstmals zu, Drogen und Alkohol konsumiert zu haben. In einem Statement kündigt er an, Lehren aus seinem Verhalten ziehen zu wollen: „Aus Liebe zu meinen Kindern mache ich jetzt eine Therapie. Die Trennung von Sara (nach 12 Ehejahren, Anm. d. Red.) und die Ferne zu meinen Kindern - die ich seit Ostern nicht gesehen und kaum gesprochen habe, haben mich sehr mitgenommen. Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue.“ Til Schweiger befürwortet die Pläne des Ex-Radsportprofis: „Wenn er den Versuch unternimmt, wäre das toll. Dann hätte das, was geschehen ist, etwas Gutes. Ich würde mich sehr für ihn freuen, genau wie seine wahren Freunde oder seine Kinder, die ihn abgöttisch lieben. Wenn Jan Hilfe sucht, bin ich der Erste, der ihm hilft.“
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Jan Ullrich gab dem stern im vergangenen Jahr ein Interview. Damals sprach er über seinen Umzug nach Mallorca und schaute optimistisch in die Zukunft. Nichts deutete auf einen Absturz hin.

Sein Sieg bei der Tour de France jährte sich im vergangenen Jahr zum 20. Mal. Aus diesem Anlass gab Jan Ullrich dem stern im Mai 2017 ein Interview, das unter der Rubrik "Was macht eigentlich ..?" auf der letzten Seite von Heft 21 veröffentlicht wurde. Ullrich war damals noch mit seiner Frau zusammen, lebte scheinbar glücklich mit seiner Familie auf Mallorca. Nichts deutete auf seinen baldigen Absturz hin. Hier das Interview in voller Länge zum Nachlesen:

Herr Ullrich, als Radprofi verdienten Sie Millionen. Trotzdem veranstalten Sie heute Rennrad-Camps für Hobbyfahrer. Warum?

Aus Liebe zum Sport! Die Jahre nach meinem Karriereende 2007 waren so ziemlich das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Ich machte fast keinen Sport, bekam Herzrhythmusstörungen. Als ich wieder anfing, Rennrad zu fahren, war das wie eine Befreiung.

Für Sie sind Ausfahrten mit Amateuren aber vermutlich keine Herausforderung.

Sie machen aber Spaß. Die Trainings haben unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, finden in Spanien, Italien oder Deutschland statt. Ich bin die ganze Zeit dabei, versuche auf jeden Einzelnen einzugehen und sitze abends im Hotel mit an der Bar.

Sie haben 1997 die Tour de France gewonnen und waren plötzlich ein gefeierter Held. Wie war das für Sie?

Krass! Zur Autogrammstunde kamen auf einmal Tausende Leute. Einkaufen oder Kino war nicht möglich. Ich musste erst lernen, mit dem Riesenboom umzugehen. Als Sportler war das schwierig, weil die Erwartungshaltung extrem hoch war, ich zugleich aber keine Ruhe mehr hatte.

2012 wurden Sie wegen Dopings schuldig gesprochen. Im Jahr darauf gaben Sie in einem Interview erstmals Blutdoping zu und sagten, es sei Ihnen um Chancengleichheit gegangen. Warum hatten Sie bis dahin geschwiegen – hatten Sie Angst, Geld aus Sponsorenverträgen und Werbedeals zurückzahlen zu müssen?

Nein. Stellen Sie sich aber mal vor, wie ich belagert wurde, nachdem ich 2006 aus dem Team genommen wurde! Mir wurde damals alles im Mund umgedreht. Mein Opa hat mir den Spruch beigebracht: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Haben Sie Ihr Schweigen je bereut?

Nein. Hätte ich früher was gesagt, hätte ich früher meine Ruhe gehabt. Das stimmt schon. Aber es war auch so, dass das Urteil erst fünf Jahre nach meinem Rücktritt aus dem Radsport kam. Wäre es früher gesprochen worden, hätte ich mich auch früher äußern können. Für mich war klar: Ich haue niemanden in die Pfanne und verrate auch keinen. Ich habe meine Konsequenz gezogen, indem ich aufgehört habe.

Sie sind 2016 mit Ihrer Familie vom Bodensee nach Mallorca gezogen. Warum?

Am Bodensee ist im Winter viel Nebel. Meine Frau und ich sind Sonnenkinder. Irgendwann kam uns bei einem Spaziergang im Nebel die Idee, in die Sonne zu ziehen.

In der Vergangenheit litten Sie an Burnout. Finden Sie auf Mallorca innere Ruhe?

Ja, wir leben zehn Autominuten von Palma entfernt auf dem Land. Hier läuft alles langsamer, relaxter. Gefühlt kommen nur alle unsere Freunde und Verwandten zweimal im Jahr hierher und wollen uns besuchen. Wir haben einen schönen Gästebereich, können aber nicht jeden Abend lange grillen und ausgehen, denn wir haben hier unseren Alltag mit den Kindern. Da muss man aufpassen, dass man die Ruhe bewahrt.

Ihr ältester Sohn Max ist neun und fährt auch Rennrad. Würden Sie ihm raten, Profi zu werden, wissend, was in Ihrem Sport alles eingenommen wird?

Prinzipiell finde ich, dass ein Sportberuf etwas Gutes ist. Wenn Max das Talent dazu hat, Profi zu werden, würde ich das auf jeden Fall bejahen. Heute ist es doch so, dass auch bei vielen Jobs in Wirtschaft oder Politik ein enormer Druck vorhanden ist. Wer nicht damit umgehen kann, nimmt Hilfsmittel, deren Konsum aber nicht kontrolliert wird. Da ist der Sport mit seinen vielen Tests schon die saubere Art, Geld zu verdienen.

mai/Interview: Sabine Hoffmann

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