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Interview: Jan Ullrich 2017 im stern: Nichts deutete auf seinen Absturz hin

Jan Ullrich gab dem stern im vergangenen Jahr ein Interview. Damals sprach er über seinen Umzug nach Mallorca und schaute optimistisch in die Zukunft. Nichts deutete auf einen Absturz hin.

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Sein Sieg bei der Tour de France jährte sich im vergangenen Jahr zum 20. Mal. Aus diesem Anlass gab Jan Ullrich dem stern im Mai 2017 ein Interview, das unter der Rubrik "Was macht eigentlich ..?" auf der letzten Seite von Heft 21 veröffentlicht wurde. Ullrich war damals noch mit seiner Frau zusammen, lebte scheinbar glücklich mit seiner Familie auf Mallorca. Nichts deutete auf seinen baldigen Absturz hin. Hier das Interview in voller Länge zum Nachlesen:

Herr Ullrich, als Radprofi verdienten Sie Millionen. Trotzdem veranstalten Sie heute Rennrad-Camps für Hobbyfahrer. Warum?

Aus Liebe zum Sport! Die Jahre nach meinem Karriereende 2007 waren so ziemlich das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Ich machte fast keinen Sport, bekam Herzrhythmusstörungen. Als ich wieder anfing, Rennrad zu fahren, war das wie eine Befreiung.

Für Sie sind Ausfahrten mit Amateuren aber vermutlich keine Herausforderung.

Sie machen aber Spaß. Die Trainings haben unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, finden in Spanien, Italien oder Deutschland statt. Ich bin die ganze Zeit dabei, versuche auf jeden Einzelnen einzugehen und sitze abends im Hotel mit an der Bar.

Sie haben 1997 die Tour de France gewonnen und waren plötzlich ein gefeierter Held. Wie war das für Sie?

Krass! Zur Autogrammstunde kamen auf einmal Tausende Leute. Einkaufen oder Kino war nicht möglich. Ich musste erst lernen, mit dem Riesenboom umzugehen. Als Sportler war das schwierig, weil die Erwartungshaltung extrem hoch war, ich zugleich aber keine Ruhe mehr hatte.

2012 wurden Sie wegen Dopings schuldig gesprochen. Im Jahr darauf gaben Sie in einem Interview erstmals Blutdoping zu und sagten, es sei Ihnen um Chancengleichheit gegangen. Warum hatten Sie bis dahin geschwiegen – hatten Sie Angst, Geld aus Sponsorenverträgen und Werbedeals zurückzahlen zu müssen?

Nein. Stellen Sie sich aber mal vor, wie ich belagert wurde, nachdem ich 2006 aus dem Team genommen wurde! Mir wurde damals alles im Mund umgedreht. Mein Opa hat mir den Spruch beigebracht: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Haben Sie Ihr Schweigen je bereut?

Nein. Hätte ich früher was gesagt, hätte ich früher meine Ruhe gehabt. Das stimmt schon. Aber es war auch so, dass das Urteil erst fünf Jahre nach meinem Rücktritt aus dem Radsport kam. Wäre es früher gesprochen worden, hätte ich mich auch früher äußern können. Für mich war klar: Ich haue niemanden in die Pfanne und verrate auch keinen. Ich habe meine Konsequenz gezogen, indem ich aufgehört habe.

Sie sind 2016 mit Ihrer Familie vom Bodensee nach Mallorca gezogen. Warum?

Am Bodensee ist im Winter viel Nebel. Meine Frau und ich sind Sonnenkinder. Irgendwann kam uns bei einem Spaziergang im Nebel die Idee, in die Sonne zu ziehen.

In der Vergangenheit litten Sie an Burnout. Finden Sie auf Mallorca innere Ruhe?

Ja, wir leben zehn Autominuten von Palma entfernt auf dem Land. Hier läuft alles langsamer, relaxter. Gefühlt kommen nur alle unsere Freunde und Verwandten zweimal im Jahr hierher und wollen uns besuchen. Wir haben einen schönen Gästebereich, können aber nicht jeden Abend lange grillen und ausgehen, denn wir haben hier unseren Alltag mit den Kindern. Da muss man aufpassen, dass man die Ruhe bewahrt.

Ihr ältester Sohn Max ist neun und fährt auch Rennrad. Würden Sie ihm raten, Profi zu werden, wissend, was in Ihrem Sport alles eingenommen wird?

Prinzipiell finde ich, dass ein Sportberuf etwas Gutes ist. Wenn Max das Talent dazu hat, Profi zu werden, würde ich das auf jeden Fall bejahen. Heute ist es doch so, dass auch bei vielen Jobs in Wirtschaft oder Politik ein enormer Druck vorhanden ist. Wer nicht damit umgehen kann, nimmt Hilfsmittel, deren Konsum aber nicht kontrolliert wird. Da ist der Sport mit seinen vielen Tests schon die saubere Art, Geld zu verdienen.

mai/Interview: Sabine Hoffmann