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Interview

Sport-Psychologin über Jan Ullrich: "Der Radsport war das beherrschende Thema. Und plötzlich war dieser Lebensinhalt weg"

Jan Ullrich ist am Wochenende auf Mallorca in Polizeigewahrsam genommen worden. Der stern sprach mit einer Sport-Psychologin darüber, was passiert, wenn Spitzensportler tief fallen.

war Ende der Neunzigerjahre ein umjubelter Radrennprofi. In den letzten Jahren wurde es ruhig um den ehemaligen Spitzensportler. Nun sorgt der 44-Jährige wieder für Schlagzeilen - allerdings für negative. Ullrich wurde am Wochenende auf Mallorca in Polizeigewahrsam genommen. Offenbar war es auf dem Grundstück des Schauspielers Til Schweiger zu einer Auseinandersetzung gekommen. Nach der Festnahme räumte Ullrich gegenüber der "Bild"-Zeitung private Probleme ein - die Trennung von Frau und Kindern habe ihn sehr mitgenommen.

Jan Ullrichs Anwalt Wolfgang Hoppe erklärte gegenüber der "Bild", dass er bereits vor einiger Zeit einen Therapieplatz in einer deutschen Klinik reserviert habe. "Wir hoffen alle, dass er schnell wieder auf die Beine kommt und werden ihn dabei so gut wie möglich unterstützen."

Der stern sprach mit der -Psychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln, was ein plötzliches Karriereende für Spitzensportler bedeutet. Und wie sich dieser Einschnitt auch noch Jahre später bemerkbar machen kann.

Jan Ullrich blickt auf eine beeindruckende Karriere als Leistungssportler zurück. Er gewann 1997 die Tour-de-France – als erster und bislang einziger Deutscher. Dann setzten Dopingvorwürfe seiner Karriere ein jähes Ende. Welche seelischen Langzeitfolgen können sich daraus ergeben?

Das Ende von Jan Ullrichs Karriere kam plötzlich und war alles andere als positiv für ihn: Er stieg nicht freiwillig aus, sondern reagierte auf Druck von außen. Der Radsport war für Jan Ullrich das beherrschende Thema. Und plötzlich war dieser Lebensinhalt weg. So eine Situation kann die Anfälligkeit für verschiedene psychische Leiden erhöhen. Ganz gleich, ob man nun ein Athlet ist oder nicht.

Kann sich ein solcher Einschnitt auch noch nach Jahren bemerkbar machen?

Ich denke, man kann ein solches Karriereende sicher mit einem traumatischen Erlebnis gleichsetzen. Und diese traumatischen Ereignisse können auch viele Jahre später gravierende Folgen haben. Das hängt vom Kontext ab. In der Psychologie nennen wir das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Dabei sind zwei Faktoren entscheidend. Zum einen: Wie stark ist eine Person durch ihre Vorgeschichte belastet? Und welche Stressfaktoren kommen im Moment noch hinzu? Die Anfälligkeit und Verletzlichkeit seiner Person war sicherlich durch das jähe Karriereende gegeben. Dann kam noch der private Stress hinzu, die Trennung von seiner Frau. So etwas kann der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und zu einer Kurzschlussreaktion führen.

Welche Rolle kann dabei das frühere Doping spielen?

Der Missbrauch von Substanzen – und dazu zählt auch Doping – kann immer seelische wie körperliche Langzeitfolgen haben. Substanzen nehmen Einfluss auf unseren Körper, das Empfinden, den Stoffwechsel und auch auf das Gehirn – beispielsweise, indem sie die Wahrnehmung verändern. Natürlich entwickelt nicht jeder, der früher einmal gedopt hat, psychische Beschwerden. Aber es gibt klare Zusammenhänge zwischen Substanzmissbrauch und psychischen Beschwerden, etwa Depressionen und auch psychotischen Störungen. Nicht nur bei Sportlern, sondern auch in der normalen Bevölkerung.

An wen können sich Sportler in einer psychischen Notlage wenden?

Wir haben in Deutschland das Netzwerk "MentalGestärkt" eingerichtet. Es richtet sich an Top-Athleten, ehemalige Athleten oder auch Trainer, die im Leistungssport arbeiten. Unser Ziel ist, Hilfe bei psychischen Problemen anzubieten und – wenn nötig – Ansprechpartner für die richtige Behandlung zu nennen. Langfristig sollen so Depressionen, Burnout und auch übermäßiger Stress verhindert werden. Die Anfragen behandeln wir diskret und anonym. 

Interview: Ilona Kriesl

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