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stern-Gespräch

Karl Lagerfeld: "Wer heute als schön gilt, wird morgen kaum noch zum Putzen bestellt"

War Karl Lagerfeld der amüsanteste Deutsche? Im stern-Gespräch aus dem Jahr 1996 sprach der Modezar über Musen und mönchische Entsagung, Hellseherei und Bodybuilding, den Katastrophengeschmack unserer Politiker und Models, die als Scheuerfrau enden.

Von Sven Michaelsen und Stefanie Rosenkranz

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld 1992 in Cannes

Action Press

Karl Lagerfeld hat die Modewelt wie kein anderer gestaltet und geprägt. Am Dienstag ist der legendäre Modezar im Alter von 85 Jahren gestorben

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir das stern-Gespräch mit "Kaiser Karl", das in Ausgabe 44/1996 erschienen ist, erneut. Es ist Teil eines stern-Sonderheftes über das Leben und Wirken des Modeschöpfers, das am Samstag (23. Februar) erscheint. Mehr dazu lesen Sie unter dem Interview.


Herr Lagerfeld, haben Sie schon an "All about Eve" gerochen?

Karl Lagerfeld: Was soll das denn sein?

Die jüngste Parfüm-Kreation Ihres Hamburger Kollegen Wolfgang Joop.

Ich kenne niemanden, der das hat. Wie ist es denn?

Es riecht ein wenig nach Kindershampoo.

In Zeiten von Pädophilie ist das vielleicht ganz clever.

Bei Interviews versäumt es Herr Joop kaum einmal, Sie ekstatisch zu rühmen.

Der spricht zuviel von mir. Der sollte mal mehr von sich selber reden. Ich scheine ja eine Obsession für den zu sein. Dabei habe ich gar nichts gegen den Jungen.

Immerhin haben Sie Herrn Joop mal als "Flohzirkus-Direktor" verhöhnt.

Das hatte auch seinen Grund. Den habe ich aber leider nicht mehr parat. Ich vergesse so schnell, dass ich nachher gar nicht mehr weiß, warum ich mit den Leuten verkracht bin.

Sind Sie rachsüchtig?

Vergebung zählt nicht zu meinem Wortschatz. Kriemhilde verkörpert das Ideal meiner Lebensauffassung. Als in Frankreich ein Buch mit niederträchtigen Behauptungen über mich erschien, habe ich mich von meinem Chauffeur zu Pariser Buchhandlungen fahren lassen. Da habe ich dann alle Exemplare aufgekauft und vor dem Laden in die Mülltonne geworfen. Beim Rausgehen sagte ich: "Wenn Sie diesen Schmutz nachbestellen, kaufe ich bei Ihnen nie wieder!"

Herr Joop hat kürzlich in einem Aufsatz zu erklären versucht, weshalb so viele Modemacher ...

... das mit der Bisexualität? Der sollte erst einmal Schreiben lernen, einen Stil finden. Herr Joop ist kein Tucholsky.

Sie erzählen gern, dass Sie nach "Aventüren mit Männern und Frauen" Ihren Geschlechtstrieb in den Vorruhestand geschickt haben. Zwingt Sie die Bürde, rund 2500 Kleidungsstücke im Jahr entwerfen zu müssen, zu mönchischer Entsagung?

Ich habe ja jung mit Sex angefangen und allerlei erlebt. Da ist man distanzierter als einer, der da lange drauf gewartet hat. Wenn mir Leute meines Alters heute erzählen, wie toll das noch für sie ist, kann ich das nicht ertragen. Die können machen, was sie wollen - ich möchte es nur nicht wissen. Sex ist ein schönes Spielzeug für junge Leute, später bloß noch ein banaler Gebrauchsartikel.

"Wenn Männer über 40 noch über Sex reden, ist das indezent", haben Sie mal dekretiert.

Da ich über 50 bin, bitte ich um ein anderes Sujet.

Jil Sander

... die kenne ich gar nicht.

Die beiden berühmtesten deutschen Modemacher sind sich noch nie begegnet?

Nein.

Karriere-Dominas lieben Jil Sander. Wie finden Sie ihre Mode?

Herbe. Aber Qualität. Das Leben soll ja auch kein dauernder Schleiertanz sein. Da ist wenigstens Disziplin im Image, und sie hat ganz hübsche Werbung. Aus Deutschland kommt ja sonst nichts.

Eine Haarspange von Chanel kostet 240 Mark. Beim Versandhaus Quelle, für das Sie neuerdings arbeiten, kostet ein Lagerfeld-Abendkleid schlappe 245 Mark. Ruinieren Sie die Haute Couture?

Das mit Quelle finde ich amüsant und modern. Mailorder ist die Zukunft.

Mode basiert auf Distinktions-Gewinn. Wenn jeder Lagerfeld trägt, wird bald niemand mehr Lagerfeld tragen wollen.

Ich glaube an zwei Arten von Snobismus: ganz teuer und ganz preiswert. Nur das trostlose Mittel deprimiert mich.

Zürnen Ihnen die Chanel-Eigentümer wegen Ihres Quelle-Jobs?

Nein. Nur gewöhnliche Leute ärgern sich.

Sie arbeiten für ein halbes Dutzend Finnen auf Provisionsbasis. Sind Sie zu feige, Ihr eigenes Modehaus zu gründen?

Ich bin gern Söldner und lege meine Eier in verschiedene Körbchen. So kann ich jeden gegen jeden ausspielen.

Ein VW Golf wird in 20 Stunden gefertigt. Sie haben unlängst ein Kleid präsentiert, bei dem allein die Stickereien 1280 Arbeitsstunden verschlungen haben.

Die Frau meines Bankiers hatte mir zu Weihnachten einen bestickten Parade-Stab aus Indien geschenkt. Der hat mich dann für dieses teuerste Abendkleid der Welt inspiriert.

Der Preis?

Gut eine Million Franc. Es ist viel gekauft worden.

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld mit prüfendem Blick

Action Press

Weltweit gibt es weniger als 300 Couture-Kundinnen. Wie viele von denen kennen Sie persönlich?

Die Frauen, die am meisten kaufen, sieht man am wenigsten. Die bestellen per Telefon, wie bei Quelle. Anschließend lassen sie sich die Kleider mit ihren Privatflugzeugen zur Anprobe einfliegen.

Sind da auch die Mätressen der Russen-Mafia dabei?

Die nimmt Chanel nicht, da wird schon aufgepasst. Außerdem verlangt es die Russinnen eher nach Fendi-Pelzen. Bei denen ist es ja kalt. Die kommen dann in die Boutiquen mit Koffern voller Banknoten.

Ist die Lästerzunge Lagerfeld eigentlich beliebt in Frankreich?

Manche Journalisten scheinen wütend zu sein, dass Chanel Juden gehört und von einem Deutschen geführt wird. Die schreiben immer was von "Kaiser Karl" und "Blitzkrieg", und wie aggressiv ich wäre. Ich habe allerdings auch gar nicht den Ehrgeiz, nett zu erscheinen. Dazu bin ich zu snobistisch.

Warum wirken Sie beim Schlussdefilee Ihrer Schauen stets ein wenig missvergnügt?

Ich hasse Front-Promotion. Das ist nicht mein Stil. Mein Traum wäre, dass man mich nie sehen könnte. Eigentlich möchte ich nur als aggressiver Schatten existieren.

Dass Claudia Schiffer vergangenes Jahr 8,3 Millionen Mark verdient hat, verdankt sie zu einem guten Teil Ihnen. Jetzt arbeitet sie für Ihren Erzfeind Yves Saint Laurent. Welche Gefühle hegen Sie derzeit für Frau Schiffer?

Kann man da von Gefühlen sprechen? Claudia sagt, sie hätte bei Yves Saint Laurent endlich die Eleganz entdeckt. Ich kann verstehen, dass dieser Modeschöpfer für sie interessant ist: Da weiß sie endlich, wie sie aussehen wird, wenn sie so alt ist wie ihre Mutter Gudrun.

Noch kürzlich priesen Sie Frau Schiffer als "die schönste Blondine der letzten 20 Jahre". Jetzt verkünden Sie auf einmal, Sie hätten "dunkelhaarige Frauen schon immer faszinierender gefunden". Warum sind Sie derart treulos zu Ihrer "Kloodia"?

Der Model-Beruf basiert auf gewissen Ungerechtigkeiten. Wer heute als schön gilt, wird morgen kaum noch zum Putzen bestellt. Die Mädchen müssen wissen, dass Mode wie Krieg ist, mit Schlachtfeldern und Massengräbern. Nur Linda Evangelista wird bei jedem Foto-Shooting neu geboren.

Enge Vertraute: Von Claudia Schiffer bis Vanessa Paradis: Das waren Karl Lagerfelds Musen
Ines de la Fressange und Karl Lagerfeld

Das französische Model Ines de la Fressange war Karl Lagerfelds erste Muse, nachdem er als Kreativdirektor für Chanel arbeitete. Sie lief regelmäßig über den Laufsteg und präsentierte seine Designs. Bis zuletzt war sie eine von Lagerfelds Vertrauten.

Getty Images

Die Agentur-Gründerin Eileen Ford sagt: "Wenn Karl ein Mädchen auswählt und erklärt: 'Die ist die Schönste', dann ist sie es, weil Karl es sagt." Ist die Lagerfeld-Weihe tatsächlich eine Garantie für die Weltkarriere eines Models?

Das ist eine liebe Frau, aber da hat sie unrecht. Ich kann ein Mädchen nur fünf Minuten vor den anderen entdecken. Als ich Nadja Auermann kennenlernte, sah die gar nicht so gut aus. Die war zu dick mit zu dünnen Beinen. Aber ich wußte: Das wird klappen!

Beraten Sie sich bevor Sie ein neues Chanel-Gesicht präsentieren?

Ich bin Gott sei Dank nicht beeinflussbar. Außerdem habe ich immer nur eine Vision. Den Chanel-Leuten sage ich dann nur noch, was sie für das Mädchen zahlen sollen.

Für drei Millionen Mark haben Sie Stella Tennant als neues Chanel-Gesicht verpflichtet. Kritiker attestieren der 25-Jährigen den "Teint einer Untoten". Ist Stella Tennant das Gesicht zur Rezession oder, wie Sie kühn behaupten, "der Traum der modernen Frau im späten 20. Jahrhundert"?

Für die junge Generation ist Stella der moderne Prototyp. Claudia ist dagegen eine Barbie-Puppe. Neulich hat hier Stephane Marais geschminkt, der berühmteste Make-up-Artist. Als er das Bild von Claudia an der Wand sah, sagte er: "Würde jemand bitte dieses Foto abhängen. Ich kann das Mädchen nicht mehr sehen."

Sie nennen Stella Tennant Ihre Muse. Ist das nicht bloß so ein doofes Reklame-Wort?

Überhaupt nicht. Da ich kein Chanel trage, muss ich meine Mode auf eine bestimmte Frau projizieren. Das muss sein Typ sein, der für mich das Lebensgefühl des Augenblicks verkörpert. Man muss seine ldole verbrennen um neue schaffen zu können.

Muss eine Muse Sie auch zerebral stimulieren?

Doof sollte sie nicht sein. Sie sollte auch nett sein. Man muss ja mit der auskommen. Nötig ist das aber nicht.

Der Philosoph Adorno bemerkte einmal, "dass unsere Phantasie gerade von jenen Frauen entflammt wird, denen Phantasie abgeht".

Das scheint mir doch eher das persönliche Problem dieses Herrn zu sein.

Sie haben kürzlich mit einem fünfmarkstückgroßen Chanel-Top Furore gemacht. Wie sind Sie auf diesen sogenannten Nipple-protector gekommen?

Amber Valletta erzählte mir bei Tisch, ihr Doktor hätte gesagt, sie würde Brustkrebs bekommen, wenn sie ihre Nippel in der Sonne zeigt. Da habe ich gesagt: "Dann machen wir da eben etwas drauf wie die Augenklappe bei einem Piraten."

Verkauft sich der Nipple-protector?

Durchaus. Auf einem Mordsbusen würde der vielleicht ein bißchen obszön wirken. Für Veronica Ferres ist er aber auch nicht gedacht

Soziologen behaupten gern, Modetrends entstünden in den Subkulturen. Eine bemooste Sicht?

Früher war das mal so. Doch die Subkulturen sind derart vampirisiert worden dass sie sich nicht mehr erneuern können. Mode ist ein Beruf für Vampire.

Sie verlassen Ihre Schlösser und Palais nur höchst ungern. Woher nimmt einer, der Menschen flieht die Witterung für knospende Lebensgefühle?

Ich vermeide die Realität, wann immer ich kann, trotzdem weiß ich alles über sie. Die Welt kommt zu mir und erzählt, was vorgeht. Das sind meine unbezahlten Spione. Ich bin so neugierig, ich hätte Concierge werden sollen.

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld in Cannes

Action Press

Kennen Sie einen Supermarkt von innen?

Ich liebe Supermärkte, aber ich kann da schlecht hingehen. Die Leute zeigen doch gleich mit dem Finger auf mich. Das ist unangenehm und lächerlich.

Dann gehen Sie doch mal in einen Techno-Keller. Da ist es dunkel.

Ich mag es nicht, deplatziert zu sein. Ich kann mich für Leute interessieren ohne den geringsten Wunsch dazuzugehören. Ich bin eigentlich wie so ein Wissenschaftler, der Maikäfer beobachtet.

Haben Sie Bodyguards, wenn Sie doch einmal vor die Tür müssen?

Ja, wegen der Versicherung. Am besten, man bleibt zu Hause.

Spiegelgeile Eitelkeit ist zum beherrschenden Kulturphänomen geworden. Sind Leute wie Sie daran schuld?

Der Narzissmus ist durch Aids explodiert. Die Leute sind isolierter, und jeder ist sein eigenes Idol. Durch die Werbung werden die Leute auf Erotik gedrillt, die dann gar nicht ausgelebt wird. Da ist viel Fassade und Prätention dabei. Ich sehe doch, wie die Models in Wahrheit nur sich und ihren Körper-Narzissmus im Kopf haben. Das ist ein Zeitphänomen von dem wir Couturiers allerdings sehr komfortabel leben.

Wann wird Sie Mode endlich langweilen?

Ich bin da so ein bisschen doof und bilde mir ein, meine wichtigste Kollektion kommt erst noch.

Sie sind doch längst überfällig fürs Burn-out-Syndrom.

Je mehr ich arbeite, desto besser sind meine Ideen. Das putscht sich hoch wie bei einer Nymphomanin, die unfähig ist, einen Orgasmus zu kriegen.

Karl Lagerfeld

Wollen Sie Schule machen?

Ich war mal Lehrer in Wien. Da habe ich gemerkt, dass mich Schüler nicht interessieren. Die fühlten sich alle vom Kapitalismus unterdrückt. Da habe ich gedacht: "Ihr armen Kinder! Ihr haltet euch schon für Opfer dabei seid ihr nicht mal brauchbar."

Deutsche Politiker gefallen sich in Batik-Bindern, mülleimergrauen Hosen und Waschseidenblousons à la Klaus Kinkel. Können Sie diesen Katastrophen-Geschmack erklären?

Sie vergessen das eigentliche Mode-Drama: schrumpelige Socken und der Blick auf behaarte Männerschenkel. Grauenhaft! Der letzte gutangezogene Politiker in Deutschland war Walther Rathenau. Vielleicht sind Minister aber auch nur deshalb so horribel gekleidet, weil die Wahlbürger selber ein Schreck sind. In Deutschland trägt man doch die ganze Woche über Weekend-Kleidung.

Würden Sie denn einem Ihre Stimme geben, der zum Wahlkampf im Gehrock von Gaultier erscheint?

Das käme auf die Beine an.

Bei wem kaufen Sie Ihre Kleidung?

Ich gehe zweimal im Jahr nach Ladenschluss zu Yamamoto und Comme des Garçons. Ich trage nur noch Schwarz und Weiß.

Ist der Diamant an Ihrer Krawatte echt?

Ja, das war aber ein Präsent. Ich kaufe mir selber keine Diamanten. Ich bekomme oft so Sachen geschenkt: eine Wohnung mit Personal auf Lebenszeit oder einen Bentley. Das ist mir manchmal schon peinlich.

Aus welchem Grund schenken Ihnen Leute mal eben einen Bentley?

Da habe ich jemandem einen Tipp gegeben, und der hat damit 29 Millionen Franc verdient. Dafür kann man ja mal einen Bentley schenken, oder?

Sie erwägen den Abschied von Ihrem Mozartzopf. Werden Sie uns demnächst mit einem Schweineborsten-Haarschnitt schockieren?

Mein Traum ist eine Glatze, aber die bedarf aufwendiger Pflege.

Derzeit tragen Sie morgens Trockenshampoo von Klorane auf, um Ihre Haare weiß zu färben. Das kostet auch Zeit.

Das geht bei mir in drei Sekunden.

Aber Trockenshampoo rieselt einem doch immer so aus den Haaren.

Ein wenig. Das sehen Sie ja wohl an meinem Jackett.

Welchen Körperteil finden Sie bei einer Frau am erotischsten?

Die Stelle wo der Rücken endet und der Po beginnt.

Und bei Männern?

Für ein Parfüm haben wir mal eine Studie in Auftrag gegeben. Da kam heraus, dass Frauen bei Männern die zwei Grübchen am Po am erotischsten finden.

Sie hatten gerade 58. Geburtstag. Was hat Ihnen Ihr Butler zum Fest-Frühstück gereicht?

Getrocknete Pflaumen und einen Pokal mit Pepsi-Light.

Pepsi? Neben Ex-Kanzler Helmut Schmidt gelten Sie doch als der bekannteste Cola-trinkende Deutsche.

In die Cola-Light in Frankreich haben die neuerdings einen Zusatz reingetan. Die schmeckt jetzt wie Mundwasser.

Getrocknete Pflaumen - machen Sie in Makrobiotik?

Da wird man grau und hässlich von. Es gab mal ein bildschönes Model aus Finnland. Als sie mit Makrobiotik anfing, bekam sie Pickel, eine Kraterlandschaft, furchtbar. Wissen Sie, was sie dann machte? Putzfrau!

In Ihrem Badezimmer steht ein Stepmaster. Betreibt denn ein Dandy Bodybuilding?

Früher habe ich das viel gemacht. Man wird dabei angenehm dumm. Heute ist mir das zu unkreativ. Das Leben ist kein Schönheitswettbewerb, und in meinem Alter brauche ich meinen Popo ja nicht mehr zu zeigen.

Denken Sie über ein Face-Lifting nach?

Um mich dann drei Wochen nicht rasieren zu können? Da habe ich andere Probleme. Ich finde zum Beispiel 80-Jährige viel amüsanter als junge Leute. Denen ist alles langweilig. Richtige Konversation können in Frankreich nur Leute zwischen 70 und 90.

Sie haben in Berlin das Schlosshotel Vier Jahreszeiten eingerichtet. Welchen Eindruck haben Sie von unserer Hauptstadt?

Gar keinen, In Deutschland gehe ich nicht auf die Straße. Da werde ich angefasst. Außerdem bin ich nicht gern auf Baustellen, und Berlin ist eine.

Als Gage bekamen Sie lebenslanges Wohnrecht in der Lagerfeld-Suite des Hotels. Die wird dann wohl bald ein wenig muffig riechen.

Die können Sie für 3500 Mark am Tag mieten, Frühstück inklusive. Meine persönlichen Sachen werden dann aber rausgenommen.

Sie lassen fremde Leute in Ihrem Bett schlafen?

Die Matratze wird vorher entfernt. Eine stinkende Klappe, das fehlte noch!

Was tragen Sie im Bett?

Lange, weiße Nachthemden. Mit meinem offenen weißen Haar sehe ich dann aus wie ein Gespenst. Im Sommer schlafe ich unter einer weißen Hermelin-Decke, im Winter unter Zobel.

Sie arbeiten für das Pelzhaus Fendi. Schämen Sie sich denn gar nicht?

Entschuldigt sich ein Schlachter für sein Tun? Panther nehmen wir ja schon lange nicht mehr, und Nerze sind doch wie bösartige Ratten. Wenn ich in Amerika bin, schreien die Leute "Karl ist ein Mörder!" und wollen mir Senf ins Gesicht schmieren. Als wären Gucci-Taschen aus Kunststoff".

Was fürchten Sie?

Krankheit. Ich mag nichts, was ich nicht dominieren kann.

Fürchten Sie sich vor den Armen?

Man muss sich mehr vor den Reichen fürchten.

Sie sollen 20 Millionen Mark im Jahr verdienen. Wer managt Ihr Vermögen?

Herr Friedländer, ein reizender kleiner Jude. Ich vertraue nur Juden meine Geschäfte an. Bei anderen hätte ich Zweifel.

Wer erbt Ihr Vermögen?

Da gibt es zwei Probleme: Viele Erben habe ich bereits überlebt, außerdem hasse ich die Erben meiner Erben.

Wer Sie enerviert, fliegt aus dem Testament?

Stellen Sie Herrn Joop auch solche Fragen, oder sprechen Sie mit dem nur über Schönheitsoperationen?

Finden Sie die Deutschen neidisch?

Das beste ist, man kennt nur Leute die mehr Geld haben als man selber. Da hat man keine Probleme.

Haben Sie Freunde?

Man soll von Leuten nicht zuviel erwarten. Ich lebe sehr gut alleine. Mein Lieblingswochenende ist: Freitagabend nach Hause kommen und bis Montagmorgen kein Wort sprechen. Nur Lesen und Daydreaming. Vielleicht bin ich gewissenlos und oberflächlich, aber das macht das Leben angenehm.

Lieben Sie jemanden?

Das hätten Sie mich vor Jahren fragen sollen.

Kennt ein Snob wie Sie Tollwut und Blutrausch?

Weniger und weniger. Die Gleichgültigkeit ist wie Efeu an mir hochgewachsen.

Werden Sie Memoiren schreiben?

Eine Bekannte von mir, eine sehr mondäne Lesbierin, hatte sich kurz nach dem Krieg in die Garbo verliebt. Als sie die Garbo nach einer Begebenheit aus den 30er Jahren fragte, erhielt sie zur Antwort: "I dont remember because I was not happy." Ich mache es genauso. Was mir nicht hundertprozentig gefällt, kommt in den Mülleimer der unnötigen Erinnerungen und wird vergessen. Daher kann ich gar keine Memoiren schreiben. Zudem will ich den Leuten nicht die Freude machen, dass sie in meinem Leben eine Rolle gespielt haben.

Wie dürfen wir uns Karl Otto Lagerfeld als Kind vorstellen?

Ich wurde von meiner Mutter ermutigt, frech zu Leuten zu sein. Sie war sehr cool und hatte immer das letzte Wort. Sie machte sich auch über meinen Vater lustig und ich lachte mit. Der arme Mann. Er war so lieb.

Konnten Sie sich mit Ihrer Mutter aussprechen?

Wir hatten keine Geheimnisse. Auch wenn ich von Lust-Greisen aggressiert wurde, erzählte ich ihr das sofort.

Ihr Vater hat mit Glücksklee-Dosenmilch Millionen gemacht. Wurden Sie nach Art der Pfeffersäcke trotzdem kurzgehalten?

Überfluss war der Normalzustand zu Hause. Mein Vater meinte immer: "Kleidung ist das allerwichtigste!" So konnte ich schon als Kind so viele Maßhemden und Maßschuhe haben, wie ich wollte.

Hatten Sie wenigstens als Kind mal so etwas wie Hemmungen oder Komplexe?

Als Kind, als sehr junger Mensch hatte ich das Gefühl: Egal, was du machst, dir kann keiner widerstehen! Ich kam mir wie ein Heiligtum vor, viel zu schade für dieses triste Nachkriegsdeutschland. Das war schon beängstigend. Wenn ich mich mit damals vergleiche, bin ich heute schüchtern und bescheiden.

Bei Ihrer Erziehung muss wohl was falsch gelaufen sein.

Mit Erziehung wurde ich nie belästigt. Meine Mutter sagte nur: "Wenn du mir auf die Nerven fällst, kommst du ins Internat." Mehr an guten Ratschlägen war nicht.

Ihre Mutter war bereits 42, als Sie zur Welt kamen.

Sie hatte schon eine Tochter, aber da sie Frauen hasste, wollte sie unbedingt noch einen Jungen haben.

Warum wollte Ihre Mutter Sie nicht stillen?

Sie sagte: "Ich habe doch keinen Dosenmilch-Fabrikanten geheiratet um mir das Dekollete mit Muttermilch zu verspritzen." Statt dessen bekam ich eben Glücksklee.

Waren Sie gut in der Schule?

Ich habe mich dauernd selbst krankgeschrieben, und sonst bin ich immer mit Schwadronieren durchgekommen. Dafür wurde ich dann von meinen Mitschülern gebührend gehasst. Meine Mutter sagte immer: "Karl, du musst die Zusammenhänge kennen. Der Rest steht im Lexikon."

War Ihre Mutter sehr froh, als Sie mit 14 nach Paris gingen?

Sie sagte selbst: "Du musst hier raus. Hamburg ist das Tor zur Welt, aber nur das Tor." Was hätte ich dort auch tun sollen?

Ein Hotel führen vielleicht.

Entsetzlich. Das wäre ein Puff geworden.

Was ist aus Ihrer Schwester geworden?

Die lebt in Amerika und ist ein betont lieber Mensch, nicht so wie ich. Die kümmert sich nur um arme Leute und so etwas. Die hat auch nie darunter gelitten, dass meine Eltern mich so vorzogen.

Erstickt sie heute wenigstens in Chanel?

Wenn ich ihr was schicke, gibt sie das gleich armen Leuten.

Ende der 50er Jahre prophezeite Ihnen eine Hellseherin: "Sie müssen wählen: entweder Familien- und Sexleben oder Karriere. Beides geht nicht." Einem Ondit nach sollen Sie dieser Dame jahrelang hörig gewesen sein.

Das war eine dicke Türkin mit den schönsten türkisfarbenen Augen. Was sie mir voraussagte, ist alles passiert. Das Todesdatum meines Vaters, alles stimmte. Ich bin dann alle zwei Jahre hingegangen und habe keine wichtige Entscheidung ohne sie getroffen. 1987 klingelte in meinem Wagen das Telefon. Madame sagte: "Ich sehe, Sie fahren gerade zu einer Vertragsunterzeichnung. Auf Seite sieben des Dokuments hat sich ein Fehler eingeschlichen, der gegen Sie spielen wird." Sie hatte recht. Eine Sekretärin hatte sich vertippt.

Kurz bevor die Dame mit über 90 starb, schrieb sie Ihnen, dass sie ein Licht um Sie sehe.

Ich bin inzwischen mein eigenes Medium.

Sie hören Stimmen?

Nur solche, die mich selber betreffen.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Mir selber.


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