HOME

Matt Dillon: Innerlich und äußerlich gereift

In seinem neuesten Film "Factotum" schlüpft Matt Dillon in die Rolle des versoffenen Alter Egos des Schriftstellers Charles Bukowski. Dabei stieß Dillon auf erstaunliche Parallelen zu seinem eigenem Leben.

"Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren." Nein, mit den Menschen hatte es Heinrich Karl Bukowski eigentlich nicht so. In einem Gedicht schrieb er einmal: "Endlich habe ich herausgefunden, warum ich keine Leute für meinen Kram begeistern kann: Ich bin einfach nicht begeistert von den Leuten." Schon klar, das sind Gedanken, die jungen Außenseitern gefallen. Matt Dillon ging es einst nicht anders. Damals, vor gut 20 Jahren, als seine Karriere schon auf einem ersten Zenit angekommen schien, haben sie ihn fasziniert, die Erzählungen des Charles Bukowski. Dessen Gedichte indes erreichten Dillon erst später. Viel später. Als Bukowski plötzlich auf ganz erstaunliche Weise in sein Leben trat.

"Ich fühlte mich eigentlich nicht als der Typ Bukowski", gesteht Dillon - eigentlich ein viel zu schöner Mensch, um einen Loser im Kino glaubhaft spielen zu können. Er wandte sich an Bukowskis Ehefrau Linda und die sprach ihm Mut zu. Wohl auch, weil Dillon viel erlebt hat in seinem Leben. Und nicht zuletzt längst Klarheit darüber hat, dass "nur Bier und Wein saufen nicht genügt, um ein Genie zu sein". "Factotum" heißt der Film, der am 8. Dezember in den deutschen Kinos startet und auf Bukowskis zweitem Roman fußt. Erzählt wird die Geschichte des Schriftstellers Henry "Hank" Chinaski, der sich als Gelegenheitsarbeiter mit verschiedenen Jobs über Wasser hält und sich - wenngleich einigermaßen lustlos - im Leben all das nimmt, was da ist: viele Frauen, Alkohol, Zigaretten. Und schreiben will er. Chinanski ist natürlich Bukowskis Alter Ego.

Dillon ist in neue Ebenen vorgestoßen

Dillon, inzwischen 41 Jahre alt, ist mit seinen beiden letzten Filmen, "L.A. Crash" und eben "Factotum", künstlerisch in neue Ebenen vorgestoßen. "Ich mag eben den Konflikt auf der Leinwand", sagt er schlicht und genießt die Tatsache, dass er dem Klischee des Outsiders, das in den Anfängen seiner Karriere in den frühen 80er Jahren begründet wurde, entwachsen ist. Gerade einmal 14 Jahre alt war er, als ihn der Regisseur Jonathan Kaplan für den Film "Wut im Bauch" ("Over the Edge") entdeckte. Rüde Teenager-Dramen wie Francis Ford Coppolas "Die Outsider" und "Rumble Fish" folgten. "Ich fühlte mich missverstanden als junger Schauspieler", erinnert sich Dillon heute und spielt in der Folge auf die vielen Klischees an, die ihn umgaben. "Die Leute beschränkten mich darauf, dass ich ganz gut aussähe, dass ich dumm sei, und dass ich immer nur die gleiche Rolle spielen könne."

Einer der begehrtesten Independent-Darsteller

Dennoch: Ein Teenager-Star, wie man sie heute kennt, war Dillon nie, auch weil er dem Seichten stets entsagte. Die Hauptrolle in "Die blaue Lagune" hätte er an der Seite von Brooke Shields spielen sollen. Er lehnte ab: zu viele Nacktszenen und ein zu schwaches Buch, wie er heute sagt. Dillon fand eher selten den Eingang in die Teenie-Gazetten. Doch anders als bei Christopher Atkins, der die Rolle übernahm, entstand so eine sich gleichmäßig entwickelnde Karriere, die den Schauspieler jetzt, da er innerlich und äußerlich zum Mann gereift ist, zu einem der begehrtesten Independent-Darsteller haben werden lassen.

Auch, um sich eigene Freiheiten zu geben, schiebt Matt Dillon immer mal wieder einen potenziellen Blockbuster ein: "Herbie - Fully Loaded" gab es da zuletzt, die Schwulenkomödie "In & Out" und natürlich die Rolle in "Verrückt nach Mary" (1998), die ihn nach einigen schweren Jahren ins Gedächtnis des Kinopublikums zurückbrachte. Hinzu kamen die Schlagzeilen rund um eine damals existente Beziehung zu Cameron Diaz.

Privatleben weitgehend unter Verschluss

Inzwischen hält Dillon sein Privatleben weitgehend unter Verschluss. Er lebt in New York, ist nicht verheiratet, hat keine Kinder, sammelt Vinyl-Platten, mag alte Autos und kubanische Musik. Viel mehr ist kaum zu erfahren von einem Mann, der wie seine großen Vorbilder in Hollywood (unter anderem Gene Hackman) stets Wert darauf legte, sein Gesicht in der Öffentlichkeit nicht zu verbrauchen, um sich die schauspielerische Glaubwürdigkeit auch in komplexen Rollen wie der in "Factotum" zu bewahren.

Zudem will Dillon, als zweitältestes von sechs Geschwistern im Staat New York geboren, auch seine Karriere hinter den Kulissen weiter vorantreiben. "City of Ghosts" hieß 2003 sein Thriller über einen vom FBI gejagten Betrüger, der in Kambodscha ein neues Leben beginnen will. Buch, Regie, Hauptrolle, Produktion (mit seiner eigenen Firma Banyan Tree) hatte er selbst übernommen, doch der Film galt als zu spröde, um es in alle Kinos zu schaffen. Derzeit arbeitet Matt Dillon an seinem zweiten Buch. Im Juli 2006 kommt zudem die Komödie "You, Me and Dupree" (mit Michael Douglas und Owen Wilson) in die Kinos.

Tom Ruder
Themen in diesem Artikel