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Natalie Portman: Eine Klasse für sich

Sie studierte Psychologie in Harvard, spricht Deutsch und Französisch und plaudert gern über die Boolesche Algebra: Eigentlich ist Natalie Portman für Hollywood viel zu schlau. Jetzt kommt sie zur Berlinale nach Deutschland.

Manchmal hat man den Eindruck, es wäre völlig ausreichend, wenn Schauspielerinnen in Hollywood das Gehirn einer Schafstelze hätten. Auf die meisten in der Öffentlichkeit an sie gerichteten Fragen genügt als Antwort nämlich ein mehr oder weniger sinnfreies Lachen, und die komplexesten Sachverhalte, die zu erhellen sie aufgefordert werden, beschränken sich am Rande roter Teppiche auf die Nennung von "Tschannell" oder "Versatschi - danke, aber wieso Gesundheit, mein Kleid ist von Versatschi". So gesehen, ist Natalie Portman der größte Luxus, den Hollywood sich leistet.

Eine Harvard-Absolventin, mit der man bei Bedarf über Meilensteine der sensomotorischen Entwicklung plaudern oder, falls vorhanden, Kenntnisse in Sachen Boolesche Algebra auffrischen könnte, wahlweise in Hebräisch oder Französisch. Im vergangenen Jahr hat die 24-Jährige "ein bisschen Arabisch" studiert an der Universität ihrer Geburtsstadt Jerusalem, "ein bisschen" auch Anthropologie ("Sie sehen, das war nicht richtig studieren, mehr so aus Neugier"), und während sie sich problemlos zwischen Chanel und Versace entscheiden kann - bei den "Golden Globes" vor drei Wochen erschien sie in einer schwarzen Korsage aus dem Pariser Modehaus -, gesteht sie seufzend eine ewige Zerrissenheit in ihrer Liebe zu Psychologie und Mathematik.

Fernsehgucken nur Zeitverschwendung

In einer Branche, in der Stars einander als kleine Anerkennung Autos oder Ponys schenken, überreichte Miss Portman ihren Kollegen vom Beziehungsdrama "Closer" vor zwei Jahren ein Buch: "Fragmente einer Sprache der Liebe" des französischen Semiotikers Roland Barthes - nicht gerade Galliens J. K. Rowling. Fernsehgucken hält sie für Zeitverschwendung, und selten trifft man sie ohne Lektüre an, seien es Romane von Philip Roth oder was Schnuffiges zur Polykontexturalitätstheorie. Die Illustrierte "People", von Haus aus eher am Hintern von J.Lo als am Kopf von Natalie Portman interessiert, wählte sie zu einem der "schönsten Menschen der Welt", und auch außerhalb unseres Sonnensystems gilt sie als Sexsymbol - jedenfalls bei "Star Wars"-Fans, weil ihnen die kaum eins sechzig große Leinwand-Queen nicht nur Luke Skywalker gebar, sondern auch Mode-Akzente setzte bis weit hinter Alpha Centauri.

Sie wollte lieber gescheit und gebildet sein als ein Filmstar, gab Natalie Portman vor ein paar Jahren zu Protokoll, und Millionen Mütter in aller Welt schrien hurra, dass wenigstens eines dieser Mädelchen in Hollywood mit gutem Beispiel voranging. Eines zumal, das im Alter von zwölf Jahren schon berühmt geworden war: als altkluge kleine Waise im Kultfilm "Léon - Der Profi". Nachfolgend Alkoholexzesse, Drogenmissbrauch und Porno-Videos im Internet? Nicht Natalie. "Während meine Freunde zu Hause auf Long Island die ersten Joints probierten, war ich als Kinderstar ständig umgeben von Erwachsenen, die höllisch auf mich aufpassten und nicht einmal rauchten oder fluchten in meiner Gegenwart." Als man ihr, sie war 14, die Titelrolle im Remake von "Lolita" antrug, meinte sie, sie sei zu unerfahren, vor allem in Lolita-Hinsicht. Außerdem bezweifle sie, dass ein Film nötig sei, in dem ein Erwachsener Sex mit einem Kind hat, vielen Dank.

Mangel an schlechter Erfahrung

Sie raucht nicht, sie trinkt nicht, und Nacktszenen hat man von ihr nie gesehen. Avner und Shelley Hershlag können also ganz entspannt sein. Natalies Vater ist Arzt aus Israel mit Spezialgebiet künstliche Befruchtung, ihre Mutter Künstlerin aus Ohio (die Tochter wählte fürs öffentliche Dasein den Nachnamen der Großmutter). Die drei bilden eine enge kleine Einheit; als Natalie sich nach ihrem Psychologie-Studium ein Häuschen suchte, zog sie in die Nachbarschaft ihrer Eltern auf Long Island. Die glückliche Kindheit machte aus Natalie - sie sagt es selbst und ein wenig verwundert, als wäre nichts anderes möglich - einen glücklichen Menschen.

Mangel an schlechter Erfahrung ist ihr größtes Plus, auch auf der Leinwand: Da strahlt sie etwas vollkommen Unbeschädigtes, Unschuldiges aus, ganz gleich, ob sie eine verlassene Teenage-Mutter spielt ("Where the Heart is") oder eine Stripperin wie in "Closer". Es steckt eine eigentümliche Kraft in diesem zierlichen Wesen, das auch mit Mitte 20 noch nicht aussieht, als dürfte es in Amerika ein Bier bestellen.

Sie hat die Figur eines kleinen Jungen, schmal und fein, mit babyzarter Haut und Bambi-Augen. Ihre Fingernägel sind überraschend rot lackiert; fast erwartet man, dass die hohen schwarzen Pumps, auf denen sie steht, fünf Nummern zu groß sind und ihrer Mutter gehören. Ihre Schönheit trifft einen vollkommen unerwartet, weil sie so gar nicht niedlich ist. Ganz klar sind ihre Züge, von einer fast überheblichen Perfektion. Als sie zehn war, wurde sie beim Pizza-Essen von einem Model-Agenten angesprochen. Seitdem, sagt sie, weiß sie eigentlich genau, wie sie Natalie Portman anknipsen muss. Wenn sie sich auf eine bestimmte Weise bewegt, erkennt jeder den Star. Wenn sie unerkannt vor sich hinschlurfen will, schlurft sie unerkannt vor sich hin: "Es ist so leicht, sich aus den Klatschspalten fern zu halten."

Keine Worte über Liebe

Über die Liebe spricht das kluge Mädchen nie in der Öffentlichkeit. Angeblich lief mal was mit dem Kollegen Lukas Haas, angeblich war mal was mit dem hübschen "Che"-Darsteller Gael Garc'a Bernal. Natalie schweigt. Was sagt die Psychologie? Dinge existieren weiter, auch wenn sie aus dem Blickfeld verschwinden - eine Einsicht, die man als Kleinkind erst mal lernen muss. In Harvard hat Natalie an einer Studie über die "Objektpermanenz" mitgearbeitet. In Hollywood versucht sie lieber, alle vom Gegenteil zu überzeugen. Ihr hört nix, also ist da nix, lasst mich in Ruh.

Den größten Wirbel in jüngster Zeit machte allerdings keine Herzensangelegenheit, sondern, wie immer, ihr Kopf. Kahl geschoren war er plötzlich für ihre Rolle in der Comic-Verfilmung "V wie Vendetta" (Kinostart: 16. März). Der Film, der teilweise in Babelsberg gedreht wurde und aus der Zen-Werkstatt der Wachowski-Brüder ("Matrix") stammt, läuft kommende Woche im Wettbewerbsprogramm der Berlinale.

"Berlin ist so jung und aufregend!", sagt Natalie Portman mit glänzenden Augen. Und dann spricht das kluge Mädchen doch über die Liebe. "Ich LIEBE Berlin!", ruft sie. Psychologisch nicht ungeschickt.

Miss Portman wird nämlich erwartet.

Christine Krutschnitt / print