HOME

New Yorker Geschichten: Weg vom Einheitsbrei

Die "New York Times" schreibt, die Stadt erlebe eine "Kaffee-Renaissance", Ernährungsforscher sprechen von der "De-Starbuckification": In Manhattan gibt es immer mehr kleine Espressobars. Die New Yorker sehnen sich nach Individualität und nach Ruhe - die Frage ist nur, wie lange sie sich das noch leisten können.

Von Ulrike von Bülow, New York

Die New Yorker haben es eigentlich nicht mehr so mit Starbucks, am 4. November aber gingen sie dann doch alle hin - da gab es bei Starbucks nämlich etwas umsonst. Amerika wählte einen neuen Präsidenten, und wer seine Stimme abgegeben hatte, wurde von Starbucks mit einem Pappbecher Kaffee belohnt: "One vote, one coffee", so lautete das Motto des Tages, und in den New Yorker Filialen der Kaffeehauskette waren mächtig viele Menschen zu sehen, die "einen Kaffee für meine Stimme" oder "einen Kaffee für Obama!" orderten.

Die New Yorker wählen traditionell demokratisch, und in der Nacht, als Barack Obama die Wahl gewonnen hatte, tanzten sie auf den Straßen und betranken sich fröhlich. Am Morgen danach zog es sie zum Ausnüchtern wieder dorthin, wo sie ihren Kaffee derzeit am liebsten trinken: In kleine Espressobars, die kettenunabhängig und nicht an jeder Ecke zu finden sind wie Starbucks. Denn was die Kaffeekultur angeht, halten es die New Yorker mit dem Motto ihres neuen Präsidenten: change we need. Weg vom Einheitsbrei, hin zur Individualität: Inzwischen gibt es so viele Espressobars, dass die "New York Times" ihnen kürzlich eine große Geschichte widmete und schrieb, die Stadt erlebe gerade eine "Kaffee-Renaissance". Suzanne Wasserman, Ernährungsforscherin und Direktorin des "Gotham Center for New York History", spricht von einer "De-Starbuckification", die sie beobachte: "Die Menschen sehnen sich nach Authentizität."

Die zu finden ist in Manhattan nicht ganz einfach, wo die Geschäfte am Broadway den Geschäften an der Fifth Avenue gleichen, die den Geschäften am Times Square gleichen: H&M, GAP oder Zara sind ja längst überall, und wo H&M, GAP oder Zara sind, da ist natürlich auch Starbucks nicht weit. Und so feiern sie hier die kleinen Espressobars, die vor allem im East Village zuhause sind - wie "Ninth Street Espresso" oder das Café Abraco, das eher ein Loch in der Hauswand ist als ein Café, so winzig ist es. Im Abraco, 86 East 7th Street, gibt es nicht viel mehr als einen Tresen, auf dem eine Espressomaschine steht, und eine Fensterbank, an der man seinen Espresso trinken kann. Oder seinen Kaffee, der hier noch von Hand gekocht wird, mit einem Filter, der auf den Becher kommt, mit heißem Wasser übergossen wird. So entsteht "der beste Kaffee der Stadt" ("New York Magazine").

Frischer Kaffee von Hand zubereitet

Zubereitet wird er vom Chef persönlich, von Jaime McCormick, groß, grauhaarig, der das Abraco zu Beginn des Jahres mit einer Partnerin eröffnet hat und gern mit seiner Kundschaft plaudert, auch wenn die Leute draußen Schlange stehen für seinen Kaffee, wie es am Wochenende oft der Fall ist: Mr. McCormick hat Zeit, bei ihm geht es sehr ruhig und sehr entspannt zu. Wie auch ein paar Straßen weiter bei "Ninth Street Espresso" am Tompkins Square, einem hellen Laden, der etwa so groß ist wie ein U-Bahn-Waggon und einen dunklen Holztresen hat, der sich rechts an der Wand entlang zieht, davor stehen ein paar Barhocker. Am Ende des Raumes gibt es eine Theke, und dort kann man einen Café Latte bestellen, der etwa so lange dauert wie ein gut gezapftes Bier, denn der Milchschaum wird hier sanft und kunstvoll in die Tasse befördert, bis er mit dem Espresso zu einem Muster verschmilzt, das mal wie ein Herz und mal wie ein Ahornblatt aussieht. Je nach Lust und Laune.

Die Espressobar am Tompkins Square gibt es seit Mitte des Sommers, sie ist ein Ableger von "Ninth Street Espresso" in der 9. Straße, einem Café, das seit acht Jahren von Ken Nye betrieben wird, einem gebürtigen New Yorker. Als er es einst eröffnete, sagt Nye, sei mit gepflegter Kaffeekultur, mit Espresso oder Cappuccino, nicht viel zu holen gewesen in New York: "Damals wollten die Leute einen Becher Kaffee für 35 Cent, der gratis wieder aufgefüllt wurde, wenn er leer war."

Inzwischen haben die New Yorker gelernt, dass ein guter Kaffee seinen Preis hat - von Starbucks, wo ein mittelgroßer Café Latte heute knapp vier Dollar kostet. Aber Starbucks ist jetzt eher ein Fall für Touristen und für die Anzugträger in Midtown Manhattan, die immer in Eile sind und hektisch auf ihren BlackBerrys herumscrollen, während sie ihren Kaffee bestellen. Bei "Ninth Street Espresso" ist der Café Latte ein paar Cent teurer als bei Starbucks, aber dafür wird man hier nicht abserviert, sondern mit Hingabe bedient, und das Gefühl von Individualität gibt es umsonst dazu.

Starbucks beklagt weniger Kundschaft und sinkende Umsätze

Starbucks ist dabei, 500 Filialen in den USA zu schließen und 12.000 Arbeitsplätze abzubauen, und Anfang der Woche gab die Kaffeehauskette bekannt, dass ihr Gewinn in den vergangenen drei Monaten um 97 Prozent auf 5,4 Millionen Dollar zurück ging, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum; das bedeutet vier Prozent weniger Kundschaft. In New York boomen derweil die Espressobars - noch jedenfalls. Denn natürlich sind sie auch hier schwer mit der Wirtschaftskrise beschäftigt, daran ändert auch die Freude über den neuen Präsidenten nichts.

Das "New York Magazine" rechnete seinen Lesern kürzlich vor, wie sie günstiger und trotzdem gut leben können: Wer sich täglich zwei Kaffee bei Starbucks holt, spart 1222 Dollar im Jahr, wenn er sich dort Paketweise Starbucks Kaffee kauft und das Heißgetränk daheim zubereitet. Und wer sich täglich zwei Kaffee im Café Abraco holt, spart noch mehr, 1345 Dollar nämlich, wenn er umsteigt - auf die Abraco Kaffeemischung für zuhause.