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Australian Open Novak Djokovic: Der Ausnahmesportler mit dem Faible für Quacksalberei

Novak Djokovic
Novak Djokovic sprach sich schon häufig gegen Impfungen aus
© Dubreuil Corinne/ABACA / Picture Alliance
Er ist einer der größten Athleten, die je existiert haben. Doch mit seinen Ansichten und Aussagen eckt Novak Djokovic bereits seit einigen Jahren an. 

Auf dem Tennisplatz wirkt er gelegentlich wie ein Getriebener, hochkonzentriert, verbissen, ehrgeizig und teilweise wütend. Schiedsrichter müssen da manchmal in Deckung gehen, und auch als Zuschauer ist man nicht vor bösen Blicken sicher. Verglichen mit einem seiner großen Rivalen, Roger Federer, gelingt es Novak Djokovic weniger leicht, die Herzen der Tennisfans für sich zu gewinnen. So sehr er auf dem Platz polarisiert, so sehr spalten auch seine Ansichten abseits des Courts. 

Novak Djokovic sitzt in Australien fest

Dass Djokovic derzeit in Australien isoliert festsitzt und am kommenden Montag wohl das Land verlassen muss, sorgt bei seinen Fans für wütende Empörung. Vor dem Hotel hat sich mittlerweile eine Menschenmenge gebildet, die dafür demonstriert, den Superstar trotz fehlender Impfung an den Australian Open teilnehmen zu lassen. Djokovic war mit einer höchst umstrittenen medizinischen Ausnahmegenehmigung in das Land gereist und am späten Mittwochabend (Ortszeit) in Melbourne gelandet. Demnach sollte er nicht nachweisen müssen, dass er vollständig gegen Covid-19 geimpft ist. 

Australian Open: Novak Djokovic: Der Ausnahmesportler mit dem Faible für Quacksalberei

Seine Ablehnung der Corona-Impfung machte der Serbe bereits mehrfach deutlich. Im frühen Sommer 2020 sorgte Djokovic für Wut und Fassungslosigkeit, als er während der Pandemie seine Adria-Tour veranstaltete. Spieler feierten abseits des Platzes wild, von Social Distancing keine Spur. Das Resultat: Mehrere Corona-positive Spieler, darunter auch Djokovic und seine Frau. Und während er nie offen gesagt hat, dass er sich nicht hat impfen lassen, besteht daran nach dem Australien-Skandal wenig Zweifel. 

Spiritualität und Esoterik-Fan

"Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, wie sehr Djokovic seit Jahren öffentlich gegen die Wissenschaft eingestellt ist", erklärte Ben Rothenberg, Tennis-Reporter der "New York Times" kürzlich. Tatsächlich bewies der Weltranglistenerste schon oft sein Faible für Quacksalberei. "Ich kenne einige Menschen, die es durch energetische Umwandlung, durch die Kraft des Gebetes, durch die Kraft der Dankbarkeit schaffen, die giftigste Nahrung oder das am stärksten verschmutzte Wasser in das heilsamste Wasser zu verwandeln", schwurbelte er in einem Instagram-Live-Chat mit dem Esoteriker und Guru Chervin Jafarieh.

"Wissenschafter haben bewiesen, dass die Moleküle im Wasser auf unsere Emotionen, auf das, was gesagt wurde, reagieren", erklärte er. Am Anfang der Pandemie ließ er seine Fans wissen, welche positive Auswirkungen es habe, Dankbarkeit zu praktizieren. Und während es mit Blick auf den Alltag sicherlich hilft, Dinge wertzuschätzen, hat Dankbarkeit gegen ein Virus, das die Organe angreift, dann doch wenig Chancen. 

Kurioser Brot-Test

Djokovics Karrieredurchbruch in seinen Zwanzigern ist auf eine rigorose Ernährungsumstellung zurückzuführen. Der heute 34-Jährige wirbt seit Jahren für eine glutenfreie Diät. Ob bei ihm je Zöliakie diagnostiziert wurde, darüber herrscht Unklarheit. Um die Krankheit richtig zu diagnostizieren, muss nicht nur das Blut von Patienten untersucht, sondern auch eine Biopsie der Dünndarmschleimhaut durchgeführt werden. Djokovics "Diagnose" lief anders ab. Sein Arzt, Dr. Igor Cetojevic, bat Djokovic, sich eine Scheibe Brot auf den Bauch zu legen und einen Arm zu heben. Als der Arzt versuchte, Djokovics Arm runter zu drücken, fühlte sich dieser schwach an. Das Brot, so die Schlussfolgerung, hatte den Ausnahmeathleten geschwächt. 

In Folge stellte der Profisportler seine gesamte Ernährung um – und der Erfolg gab ihm Recht. Djokovic wurde zu einem der besten Tennisspieler aller Zeiten. Mit Roger Federer und Rafael Nadal lieferte er sich die spannendsten Tennismatches, die Fans des Sports nicht selten Gänsehaut bescherten. In seinem Heimatland Serbien ist er ein Nationalheld. Er brachte der krisengebeutelten Nation Ruhm, Hoffnung und Stolz. Und je mehr Djokovic auf dem Platz ausgepfiffen wird, so entschlossener scheinen seine Landsleute hinter ihm zu stehen. Ihr mögt uns hassen und wir gewinnen trotzdem – so könnte das Motto lauten.

Gehasst und geliebt

Sieht man von seinen wissenschaftsfeindlichen und teilweise ignoranten Äußerungen ab, ist der Hass gegen Djokovic nicht unbedingt nachzuvollziehen. Der Serbe ist außerordentlich witzig, das hat er schon oft in seiner Karriere bewiesen. Mit seinen Konkurrenten versteht er sich bestens, er gilt als fair und freundlich. Was ihm fehlt, ist die Leichtigkeit des Charmebolzen Roger Federer, dem die Tennisherzen so mühelos zufliegen wie sonst niemandem. Und auch die sympathische, verletzliche Ausstrahlung eines Rafael Nadal. 

Was auch immer Djokovic unternimmt, was er isst, wie er meditiert, welches Wasser er mit Emotionen beeinflusst – es ist alles in Ordnung, wenn er dadurch sein bestes Tennis spielt und nur seine Gegner zur Verzweiflung bringt. Doch als weltweiter Superstar mit großem Gefolge trägt er eine nicht zu ignorierende Verantwortung. Seine Aussagen zu medizinischen Fakten sind gefährlich. Dass er glaubt, die Regeln eines Landes nicht befolgen zu müssen, weil er eben "der Djoker" ist, sorgt bei der Bevölkerung Australiens für Kritik, nachdem die sich seit fast zwei Jahren an die strengen Regeln hält. Überraschen sollten die aktuellen Entwicklungen allerdings niemanden. Bereits im vergangenen Jahr übergab Djokovic dem Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley eine Liste an Forderungen, weil 72 Spielerinnen und Spieler damals im Hotel in Quarantäne mussten, nachdem sie mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen waren. Ohne Erfolg. Man ändere die Regeln nicht einfach so, auch nicht für einen Weltstar. Ein Jahr später bleibt sich Australien treu. 

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