Papst Leo XIV.
Das hat sein erstes Jahr im Amt geprägt

Leo XIV. ist seit einem Jahr Papst.
Leo XIV. ist seit einem Jahr Papst.
© imago/Avalon.red / Stefano Costantino TTL / Avalon

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Seit einem Jahr ist Robert Francis Prevost alias Papst Leo XIV. das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken. So fällt das Fazit aus.

Lamm oder Löwe? Eigentlich eine seltsame Fragestellung, wenn es sich dabei um einen Mann des Friedens handelt. Um die höchste kirchliche Autorität auf dieser Welt. Um den Papst.

Dieser Papst schien eindeutig zur Kategorie Lamm zu gehören, wie er da so stand am 8. Mai 2025, erstmals auf dem Balkon des Petersdoms und schüchtern lächelte. Kurze Zeit zuvor hatte das Kardinalsgremium nach dem Tod und der Bestattung von Papst Franziskus (1936-2025) das Konklave (Papstwahl) einberufen. Bereits am zweiten Tag (und vierten Wahlgang) stand fest: habemus papam - wir haben einen neuen Papst.

Da stand er also an jenem 8. Mai, zierlich, mit 69 etwas jünger als seine Vorgänger Franziskus (76) und Benedikt XVI. (78) bei ihrer Wahl: Robert Francis Prevost geboren in Chicago, der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri. Er wirkte zunächst zurückhaltend, fast scheu. Nichts an diesem ersten Auftritt erinnerte an den grenzenlosen amerikanischen Optimismus, den man ihm womöglich hätte zuschreiben können. Im Vergleich zum charismatischen Franziskus, der oft wirkte, als wolle er die ganze Welt umarmen, erschien Leo XIV. distanzierter. In den großen Fragen aber - Weltfrieden, Armut, Migration und Umwelt - steht er seinem Vorgänger inhaltlich nahe.

Donald Trump freut sich - zu früh

Doch zwei Dinge ließen selbst Vatikan-Insider aufhorchen: Prevost wählte den Namen Leo (das lateinische Wort für Löwe) und bezog sich dabei auf den "Arbeiter-Papst" Leo XIII. (1878-1903), der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzte, sowie auf Leo den Großen (440-461), einen bedeutenden Kirchenlehrer. Außerdem trug er bei seinem ersten Papst-Auftritt wieder die rote Mozetta, einen Schulterumhang, auf den Franziskus verzichtet hatte. Ein Hinweis, dass der neue Papst sich zur vatikanischen Tradition bekennt.

US-Präsident Donald Trump (79) schwärmte noch vor Jahresfrist von der "großen Ehre, zum ersten Mal einen Papst aus den Vereinigten Staaten von Amerika zu haben". Er begrüßte Leo XIV. wie einen Spießgesellen auf dem Vatikanthron und sah ihn offenbar schon als seinen verlängerten Arm bei der Herrschaft über 1,42 Milliarden römisch-katholische Christen. Dabei hätte er mit einem Blick auf die Vita des neuen Kirchenoberhaupts erkennen können, dass Leo XIV. nicht ein typischer US-Boy im geistlichen Stand (von denen gut die Hälfte Trump gewählt haben, weil der sich gegen Abtreibung ausgesprochen hatte) ist.

Zweite Heimat Peru

Robert Prevost kommt aus einer Pädagogen-Familie mit französisch-italienischen bzw. kreolischen Wurzeln. Er studierte in den USA zunächst Mathematik und Philosophie, dann in Rom Kirchenrecht und wurde 1987 von der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin zum Dr. iur. can. promoviert.

In der Folgezeit war er überwiegend in Peru tätig, als Augustiner-Mönch, Missionar, apostolischer Administrator, der die Diözese Chiclayo verwaltete. Das Land wurde zur zweiten Heimat und Prevost als "Kämpfer gegen Armut, Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit" verehrt. Er spricht neben seiner Muttersprache Englisch perfekt Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, natürlich Latein und kann sich auf Französisch, Deutsch, Polnisch und Arabisch unterhalten. Er besitzt auch die peruanische und vatikanische Staatsangehörigkeit.

Würde er als Papst die politisch eher linke Position von Franziskus als engagierter Kritiker eines unreglementierten Kapitalismus und des Wirtschaftsliberalismus fortsetzen? Fest steht: Ohne Franziskus gäbe es keinen Papst Leo XIV. Er hat ihn 2015 zum Bischof, 2023 zum Kardinal und Präsidenten der päpstlichen Kommission für Lateinamerika ernannt. Ähnlich wie Franziskus sprach er sich für ein entschiedenes Handeln gegen den Klimawandel aus.

Viele Veränderungen im Vatikan

Und doch kam den meisten Gläubigen das erste Jahr von Leo wesentlich leiser vor als unter seinem Vorgänger. "Wo Franziskus spontan, unberechenbar und zu schlagzeilenträchtigen Dramen neigend war, hat sich Leo als der stille Papst herauskristallisiert, zurückhaltender, bedächtiger und in vielerlei Hinsicht traditionell", schrieb die "Washington Post". Also doch ein Lamm?

Es gab eine Menge äußerliche Veränderungen: Nachdem Vorgänger Franziskus eine Wohnung im Vatikan-Gästehaus hatte, zog Leo XIV. wieder in die Papstgemächer im Apostolischen Palast, nach zehn Monaten Sanierungsarbeiten.

Im Gegensatz zu Franziskus liebt Leo XIV. die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo bei Rom. Er genießt die Abgeschiedenheit in den weitläufigen Gärten.

Leo XIV. ist im Internet aktiv und hat eine Smartwatch. Für seine Sprachübungen nutzt er eine App, mit der er zum Beispiel sein Deutsch verbessern möchte. Dafür übt er auch mit seinem neuen Kammerdiener, einem ehemaligen Schweizergardisten, der aus dem Kanton Sankt Gallen stammt.

Der mit 70 Jahren noch relativ junge Pontifex und Hobby-Tennisspieler zeigt sich körperlich so fit wie kein Papst seit 40 Jahren. Angeblich hat er in seiner Wohnung einen Fitnessraum.

Vielen engagierten Christen war Leo XIV. während seiner ersten zwölf Monate als Papst jedoch zu bedächtig und nicht energisch genug, beispielsweise bei der Verurteilung von Massenabschiebungen der Trump-Regierung.

Leo legt sich mit Trump an

Es mag in der Öffentlichkeit untergegangen sein, doch zum Thema Migration und ihre politischen Folgen hat Leo eine klare Meinung, die er schon vor seiner Wahl zum Papst klar äußerte, weswegen ihn in den USA die ultrarechte Influencerin Laura Loomer, die der Präsident oft zitiert, als "Marxisten" und "Anti-Trump" beschimpft hat.

Er hatte auf das "christliche Konzept" des amerikanischen Vize-Präsidenten JD Vance (41) reagiert, in dem dieser das Prinzip der Nächstenliebe klassifizierte: Erst liebe man seine Familie, dann seinen Nächsten, dann die Gemeinschaft und Mitbürger und erst danach den Rest der Welt. Dem antwortete der spätere Papst auf der Plattform X: "JD Vance liegt falsch: Jesus fordert uns nicht auf, unsere Liebe zu anderen zu bewerten."

Dass der stille Papst seinem Namen gerecht werden und ein Löwe sein kann, zeigte sich jüngst bei der Auseinandersetzung mit der US-Regierung. Ungeachtet seiner Friedensappelle griffen die USA zunächst Venezuela, dann den Iran militärisch an. Papst Leo kritisierte die Kriegsrhetorik des US-Präsidenten und seines Kabinetts und sagte, dass die Welt von wenigen Tyrannen dominiert werde, die das Völkerrecht missachten, dass Geschäftsleute statt Diplomaten an den Verhandlungstischen säßen, dass man Flüchtlinge schlechter als Haustiere behandele.

Darauf pöbelte Donald Trump zurück, dass Leo sein Amt nur ihm verdanke, ohne einen Präsidenten Trump hätten ihn die Kardinäle niemals gewählt. Er solle sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker.

Zudem meldete sich erneut Vize Vance und empfahl nun Leo, "in theologischen Dingen Zurückhaltung zu üben". Das ist insofern interessant, weil Vance erst seit sieben Jahren Katholik ist und nun den Papst, der Generalprior des Augustinerordens war, belehrt, er verstehe die Lehre vom gerechten Krieg nicht, die auf Augustinus zurückgehe. Dazu sagt der New Yorker Jesuit James Martin: "Das ist schlicht absurd."

Als während des Iran-Kriegs der amerikanische "Kriegsminister" Pete Hegseth vom Himmel eine "überwältigende Gewalt gegen jene, die kein Erbarmen verdienen" erflehte und betete: "Möge jede Kugel ihr Ziel finden gegen die Feinde der Rechtschaffenheit und unserer großen Nation", lautete die Antwort aus Rom: "Gott erhört solche Gebete nicht."

Gläubige sind "begeistert"

Hegseths Chef Donald Trump legte noch mal nach: Der Papst gefährde viele Katholiken, weil er es "für in Ordnung" halte, dass der Iran eine Atomwaffe besitzt, wütete der US-Präsident. Der Papst antwortete: "Die Kirche spricht sich seit Jahren gegen alle Atomwaffen aus, da gibt es keinen Zweifel. Und ich hoffe einfach, dass man mir Gehör schenkt um des Wortes Gottes willen." Ansonsten blieb er bei seiner Aussage, er habe "keine Angst vor einer Trump-Regierung".

In den USA leben an die 70 Millionen Katholiken. Bislang galten sie als weitgehend gespalten in einen konservativ-traditionellen und einen moderneren Flügel. Theologen wie James Martin glaubten, dass es Papst Leo gelingen könnte, die Glaubensgemeinschaft zu einen, denn Trumps Papst-Beschimpfungen kämen bei den amerikanischen Katholiken überhaupt nicht gut an, wogegen die Gläubigen vom Papst "begeistert" seien.

Sie erleben, dass der stille Leo eindrucksvoll eine der ältesten Regeln der Menschheit realisiert: In der Ruhe liegt die Kraft.

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