Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
es ist noch nicht lange her, da blickten wir Deutschen auf eine Zukunft mit starken Demokratien, Freiheit, Wohlstand und Fortschritt.
Davon ist heute kaum mehr etwas geblieben. Die Zuversicht ist weg – und mit dem Fortschritt ist es auch nicht allzu weit her. Wir leben in einem Zeitalter mit so vielen verfügbaren Informationen wie noch nie, doch wir machen erstaunlich wenig daraus.
Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt dreht sich rückwärts in der Zeit. Konservative Kräfte, die eine angeblich so gute Vergangenheit wiederhaben wollen, gewinnen an Einfluss. Der Slogan „Make America Great Again“ trifft genau diese nostalgische Sehnsucht. Darin liegt auch Teil seines Erfolges.
Die Hoffnung, dass Demokratien rund um den Globus stärker werden, hat sich zerschlagen. US-Präsident Donald Trump benimmt sich wie ein König aus dem 16. Jahrhundert. Historiker fürchten, die USA könnten bald im Faschismus versinken. Die USA! Wladimir Putin ist mehr Zar als Präsident. Er bedient sich wirrer Ideen – um seinen imperialen Eroberungskrieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Etwa denen von Aleksandr Dugin, eines erzreaktionären, ostorthodoxen, antiliberalen Ideologen, der die Werte der Aufklärung verachtet.
Immer mehr Frauen wollen wieder „Tradwives“ statt Forscherinnen, Astronautinnen oder Ärztinnen werden. Instagram und Co. sind voll mit Bildern dieser Hausfrauen, die Kekse für ihre Männer und Kinder backen. Konservative Weltbilder, in denen Männer das Geld verdient haben und ihre Ehefrauen zu Hause blieben, erleben eine Renaissance. Männer wollen endlich wieder Männer sein. In den USA amtiert ein Gesundheitsminister, der nicht an die Grundsätze und Wirkungskraft von lebensrettenden Impfungen glaubt. In viel zu großen Teilen der deutschen Bevölkerung ist es leider auch nicht besser.
Lange gab es die Hoffnung, dass friedliche Gruppen von Ländern wie die Europäische Union die Welt gestalten würden. Heute sehen wir aber die großen Rivalitäten aus längst vergangenen Zeiten wieder. China gegen die USA, dazwischen Deutschland und Europa, die von Russland bedrängt werden.
Statt Fortschritt macht sich die Sehnsucht nach Vergangenheit breit
Wir haben auf Modernität gehofft, aber etwas ganz anderes bekommen. Wir leben in einer Gegenwart der Polykrisen. Aus der Vergangenheit weiß man, dass Geschichte manchmal wirklich rückwärtsläuft. Asien galt zum Beispiel im Mittelalter als eine der wissenschaftlich und ökonomisch höchst entwickelten Regionen – aber stoppte jeden weiteren Fortschritt während der späteren Ming-Dynastie.
Die Menschheit scheint auch heute in vielen Teilen den Glauben an Modernität und Wandel verloren zu haben. Viele fühlen sich in diesen unsicheren Zeiten orientierungslos – und suchen nach Wurzeln, die ihnen vielleicht Stabilität bieten.
Aber auch so war die Entwicklung der Menschheit immer. Es war immer ein Ringen zwischen dem Verlangen nach Sicherheit und der Neugier, die Welt zu erkunden. Wirklichen Stillstand gab es nie. Ich habe vor einiger Zeit die Autorin Cat Bohannon getroffen, die sich intensiv mit der menschlichen Evolution beschäftigt hat. Sie hat das wunderbare Buch „Eva“ über die Rolle der Frauen seit der Frühgeschichte geschrieben. Als ich sie fragte, ob sie die heutigen Zeiten wegen all der Rückschritte nicht traurig machten, lachte sie nur. Sie sagte dann: „Es gibt Schleifen, es gibt Wirbel, es gibt Rückschritte. Aber insgesamt geht es vorwärts.“
Mit diesem morgenstern verabschiede ich mich von Ihnen. Ab Montag übernimmt mein Kollege Eugen Epp. Ich hoffe, Sie hatten in den letzten Wochen ebenso viel Spaß mit dem Newsletter wie ich.
Papst Leo XIV. ein Jahr im Amt – und im Clinch mit Trump
Papst Leo XIV. lässt sich von Präsident Trump nicht den Mund verbieten. Und bleibt bei seinen Mahnungen und Warnungen Richtung Weißes Haus. War ihm in den ersten Monaten seiner Regentschaft von Kritikern vorgeworfen worden, er sei zu still, hat der erste amerikanische Papst inzwischen seine Rolle geschärft.
Nach einem Jahr im Amt gewinnt Papst Leo XIV. an Statur – auch durch seine Gefechte mit Trump. Der Pontifex, sagt Vatikankenner Massimo Franco, denkt aber längst viel weiter.
5-Minuten-Talk: Kräftige Diäten-Erhöhung steht bevor
Schon jetzt ist die Diät für Abgeordnete ordentlich: 11.833 Euro bekommen sie. Im Sommer soll der Betrag erstmals auf über 12.000 Euro steigen. Dafür sorgt ein Mechanismus, der das Abgeordnetengehalt an die durchschnittliche Lohnentwicklung koppelt.
Doch kommt es wirklich zu dieser Erhöhung? Die SPD drängt auf einen Verzicht, hat bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt. Die Genossen fürchten den Zorn der Bürger, die so wie die Wirtschaft in der Krise ächzen. Die CDU bremst allerdings. Ihr Fraktionschef Jens Spahn will am bestehenden Mechanismus festhalten. Ist das verrückt? Gibt es dafür Gründe? Und wie könnte eine Lösung aussehen?
Weitere Schlagzeilen im Überblick
Das passiert am Freitag, dem 8. Mai 2026
- Der Bundestag stimmt über ein Gesetz zur Einführung der elektronischen Fußfessel bei häuslicher Gewalt ab
- Der britische Naturforscher Sir David Attenborough wird 100. Zu diesem Ehrentag wird eine Wespenart nach ihm benannt: Attenboroughnculus tau
- Im Bundestag findet die Gedenkfeier zum Ende des Zweiten Weltkrieges statt
Unsere stern+-Empfehlung des Tages
Ständige Ja-Sager bekommen irgendwann Probleme im Job, aber Nein sagen ist manchmal kompliziert. Hier verraten Coaches ihre Strategien für fünf konkrete Anlässe.
Wie hat Ihnen dieser morgenstern gefallen? Schreiben Sie es mir gerne: alexandra.kraft@stern.de. Sie können dieses Morgen-Briefing auch als Newsletter in Ihr Postfach erhalten. Melden Sie sich einfach unter folgendem Link an.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag!
Alexandra Kraft