Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
in Großbritannien darf bald niemand mehr, der nach 2009 geboren wurde, Zigaretten oder ähnliche Produkte kaufen. Sie haben richtig gelesen: niemals. Das Parlament in London hat das lebenslange Verbot gerade beschlossen, in Kraft tritt es im Januar 2027. Gesundheitsminister Wes Streeting sprach von einem historischen Moment. „Kinder im Vereinigten Königreich werden Teil der ersten rauchfreien Generation sein, die von einem Leben voller Sucht und Gefahr geschützt sein wird“, sagte der Labour-Politiker.
Durch die Reform sollen die Zahl der Erkrankungen, die durch Rauchen ausgelöst werden, reduziert und das britische Gesundheitssystem deutlich entlastet werden. Die Malediven hatten 2025 ein ähnlich strenges Gesetz in Kraft gesetzt.
In Deutschland rauchen etwa elf Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, wir seien Nachzügler bei der Tabakkontrolle. Sie empfahl 2024, dass Steuern mindestens 75 Prozent des Preises ausmachen sollen. Auch bei der Umsetzung von Werbeverboten und Hilfen bei der Entwöhnung sah sie noch Luft nach oben.
Grund dafür könnte der große Einfluss der Tabaklobby auf Deutschland sein. Im Tabak-Lobby-Index liegt Deutschland auf Platz 70 von 100 Ländern weltweit – hinter Fidschi und Bangladesch. Aktuell plant Deutschland eine Erhöhung der Tabaksteuer noch in diesem Jahr.
Fast jede fünfte Krebsdiagnose in Deutschland wird durch Rauchen verursacht. Es ist damit der wichtigste vermeidbare Krebsrisikofaktor. Etwa jeder siebte Todesfall im Land geht direkt auf das Rauchen zurück. Pro Jahr sind das etwa 131.000 Menschen, so die Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums.
Rauchen zu verbieten, ist der falsche Weg
In Japan, wo ich gerade bin, ist Rauchen im öffentlichen Raum fast überall verboten. In Restaurants darf nicht geraucht werden, auch nicht an Tischen draußen. Selbst auf vielen Straßen herrscht Rauchverbot. Zigarettenkippen wegzuwerfen, ist ebenfalls verboten. Geraucht werden darf nur an streng begrenzten Stellen in der Stadt.
Die Fakten sind die Fakten. Trotzdem gibt es viele gute Gründe, dem britischen Vorbild nicht zu folgen. Die Prohibition in den USA, das Alkoholverbot, galt von 1920 bis 1930. Alkohol wurde trotzdem in großen Mengen getrunken. Die einzigen, die davon wirklich profitierten, war die Mafia mit den riesigen Gewinnen aus dem Schwarzhandel. Wer heute ein Zigarettenverbot in Deutschland fordert, der stärkt die AfD und ihr Narrativ vom bevormundenden Staat.
Aber Verbote sind gerade in und sollen schnell allerlei lästige Probleme lösen. Social Media, Glücksspiel – was unbequem ist, einfach weg damit.
Natürlich trägt die Gemeinschaft aller die Kosten für das Rauchen über die Krankenkassen. Aber wo die Linie ziehen? Was ist mit denen, die risikoreich Ski fahren? Oder ungesunde Nahrungsentscheidungen treffen und so krank werden? Die Kontrolle des Staates sollte nicht zu weit gehen. Erst müssen alle anderen Mittel ausgeschöpft werden. Das ist beim Rauchen in Deutschland längst nicht der Fall.
Nachhaltiger Wandel funktioniert am besten durch Prävention, Aufklärung und Überzeugung. Das ist anstrengend. Aber man muss den Menschen auf Basis der besten verfügbaren Informationen die Möglichkeit lassen, ihre Entscheidung zu treffen. Dass das nicht immer die richtigen und vernünftigsten sind, muss man aber auch aushalten. Denn jeder hat das Recht, dumme Sachen zu machen – solange er anderen nicht schadet.
Tim Lanfermann rettete sechs Menschen
Im Bundestag wird heute ein neuer fraktionsübergreifender Antrag zur Widerspruchslösung bei Organspenden besprochen. Die Initiative möchte eine solche in Deutschland einführen. Das heißt, alle sollen Spender sein – außer man widerspricht. Derzeit sind Organspenden nur mit ausdrücklicher Zustimmung möglich. Was bei und nach einer Organspende passiert, erzählt diese Geschichte, die ich Ihnen heute empfehle: Tim Lanfermann hat nach seinem Tod sechs Menschen gerettet. Hier erzählt seine Mutter, warum ihr Sohn schon mit 16 einen Organspendeausweis ausfüllte.
5-Minuten-Talk: Einfach allein weiter regieren?
In der Union wächst die Sehnsucht nach einer Regierung ohne die SPD. Die Genossen gelten in der Kanzlerpartei als ideologische Reformverweigerer. Wie viel einfacher wäre es, wenn man allein regieren könnte – mit wechselnden Mehrheiten. So weit die Theorie.
Wie groß der Druck zu sein scheint, zeigt sich schon daran, dass auch der Kanzler dieser Tage immer wieder auf das M-Wort zu sprechen kommt. Nur lehnt er das Modell klar ab. Seine Worte klingen wie eine Mahnung an seine Partei, die Träumereien endlich einzustellen. Aber was heißt das schon? Wie realistisch sind die Gedankenspiele? Die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz diskutieren über eine heikle Operation.
Weitere Schlagzeilen im Überblick
Das passiert am Donnerstag, dem 7. Mai 2026
- Finanzminister Lars Klingbeil stellt die Ergebnisse der Frühjahrs-Steuerschätzung vor
- Der amerikanische Außenminister Marco Rubio trifft im Vatikan Papst Leo XIV
- In Schottland und Wales werden Regionalparlamente gewählt. Das gilt als wichtiger Gradmesser für die Labour-Regierung von Premierminister Keir Starmer
Unsere stern+-Empfehlung des Tages
Erst Glücksgefühle, dann Entfremdung: Die Geburt eines Kindes kann die Beziehung der Eltern belasten. Nach der ersten Euphorie kehrt bald der Alltag ein. Und damit sinkt bei den meisten die Zufriedenheit. Das kann die Partnerschaft belasten und zu Reibungen führen. Paartherapeutin Anke Birnbaum sagt, was sie dagegen machen können.
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Alexandra Kraft