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Pete Doherty: Der Verlorene

Lange gab es keinen wie ihn: einen melancholischen Punk-Dandy, der auch mal zuschlägt, sich mit Heroin kaputtmacht und dennoch (oder deswegen?) die Frauen erobert. Als Freund von Kate Moss wurde Pete Doherty weltberühmt; Halt geben konnten sie einander nie.

Ob der Mann noch lebt, wenn diese Geschichte erscheint, ist ungewiss. Der Mann ist heroinabhängig, und er macht kein Geheimnis daraus: Zuletzt wurde er am 12. August am Flughafen von Oslo festgenommen. Da hatte er 1,5 Gramm Heroin und 1,7 Gramm Crack in seinen Taschen. Ein paar Stunden später kam er gegen Kaution frei, um mit seiner Gruppe Babyshambles auf einem Festival aufzutreten. Beim dritten Lied kotzte er auf die Bühne. Beim fünften Lied prügelte er sich mit einem Roadie. Beim sechsten Lied wurde das Konzert abgebrochen. Es war ein ganz normaler Tag im Leben von Pete Doherty.

Der 26-jährige Punksänger ist in den vergangenen Monaten zu einem der berühmtesten Briten der Welt geworden. Kaum eine Woche, in der Pete Doherty nicht für Schlagzeilen sorgte. Er prügelte einem Dokumentarfilmer die Augen blau und raubte ihn aus, weil der ihn beim Heroinrauchen fotografiert und die Bilder an eine Zeitung verkauft hatte. Er klaute seinem Dealer das Auto mit 365 000 Dollar im Kofferraum. Der Dealer schnappte ihn und hängte ihn mit den Füßen nach oben von einem Hochhausdach.

Es sind Geschichten wie aus einem britischen Kleingangsterfilm

- nur sind sie wahr. Pete Doherty hat die Hauptrolle übernommen: der zornige Rebell, der keiner Schlägerei aus dem Weg geht. Der talentierte Verlierer, der sein Leben nicht kaputter machen kann, weil schon alles kaputt ist. Solche Helden werden geliebt. Besonders seit Pete Doherty seine große Liebe gefunden hat: das Model Kate Moss, die in ihrer Heimat England wie eine Nationalheilige verehrt wird. Pete Doherty lernte sie auf ihrer Geburtstagsfeier im Januar kennen. Seitdem sind der Punk-Dandy mit dem Babygesicht und das Model mit den krummen Beinen ein berüchtigtes Prominentenpaar. Die Schöne und das Biest. So wie Keith Richards und Anita Pallenberg in den Sechzigern.

Ihren ersten gemeinsamen Rock'n' Roll-Skandal haben die beiden im September hingelegt: In einem Plattenstudio in London wurde Kate Moss beim Kokainschnupfen fotografiert. Daraufhin brach weltweit eine hysterische Empörung aus. Werbeverträge wurden gekündigt, und die britische Boulevardzeitung "The Sun" fragte: "Wird auch diese Liebe im Hotelzimmer enden?" Eine Anspielung auf Sid Vicious und Nancy Spungen: Der Bassist der Sex Pistols soll seine Freundin 1978 in einem New Yorker Hotel erstochen haben. Vier Monate später starb er an einer Überdosis Heroin.

Kate Moss scheint den Sprung zurück ins Leben vorerst geschafft zu haben. Vier Wochen verbrachte sie in einer Entzugsklinik in Arizona und behauptet nun, sie sei glücklich, wieder an die Arbeit zu gehen - aber ihren Freund Pete wolle sie erst mal nicht wiedersehen. Jedenfalls nicht, bevor er von den Drogen losgekommen sei. Für 30 000 Pfund hat sich der Rocker nun ein Naltroxen-Implantat in den Magen einsetzen lassen. Das soll die Lust auf Heroin vermindern. Und während Kate Moss schon wieder die ersten Titelblätter schmückt, schickt der Verlassene per MTV glühende Liebesbotschaften: "Kate hat mein Leben gerettet. Sie ist alles für mich. Mein Fels im Sturm. Ich bin verloren ohne sie."

Es ist ein Wunder, dass Pete Doherty nun trotz allem mit seiner neuen Band Babyshambles eine CD veröffentlicht. Die meisten hatten ihn bereits abgeschrieben. Das Album "Down In Albion" ist keine musikalische Revolution. Es klingt mal melancholisch, dann wieder rau, spontan, wütend. So, als habe jemand bei der Probe einfach mal das Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Doch was an musikalischem Einfallsreichtum fehlt, macht Doherty durch seinen schonungslosen Geständnisdrang wieder wett. Im Song "A 'Rebours" singt er: "Ich renne schon zu lange durch diese Welt/Ich tue so, als ob ich es nicht sehe/das, was mich reizt, wird mich umbringen." In einem anderen Stück mit dem Titel "La Belle Et La Bête" ("Die Schöne und das Biest") hört man sogar Kate Moss ein paar Sätze ins Mikrofon hauchen: "Ist sie schöner als ich?" So ist "Down In Albion" auch eine musikalische Fortsetzung der Rock 'n' Roll-Seifenoper: die Drogen, die Traumfrau, der Ruhm - von all diesen Dingen singt Pete Doherty mit der dünnen Stimme eines Jungen, der nicht mehr der harte Rockstar ist, sondern der verlorene Tagträumer, der sich vor nichts mehr fürchtet als vor dem Leben da draußen.

Die Realität war niemals etwas, was Pete Doherty besonders viel Spaß gemacht hat. Als Sohn eines britischen Soldaten und einer Krankenschwester wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf. Immer wieder wurde der Vater versetzt. England, Irland, Deutschland, Zypern. Keine Zeit, um Freundschaften aufzubauen: "Ich hatte keine andere Möglichkeit, als in mir selbst zu verschwinden", sagt Doherty.

In der Schule glänzt er mit besten Noten, sodass ihm ein Studienplatz an der Universität von Oxford angeboten wird. Aber Pete Doherty hat sich längst für eine andere Existenz entschieden. Er träumt von einem Leben als dandyhafter Dichter und Sänger im ewigen Drogenrausch, der die Realität wegwischt. Sein großes Vorbild ist der britische Poet und Maler William Blake (1757-1827), ein romantischer Sonderling, der in Zeiten religiöser Dogmen für ein von Gefühlen geleitetes Leben kämpfte.

Einen Verbündeten für sein Leben in Rausch und Gefühl findet er 1996. Der Mann heißt Carl Barât. Seine Eltern sind Hippies, was die Sache einfacher macht. Pete Doherty und Carl Bar‰t schließen eine Blutsbrüderschaft, die über den Tod hinausreichen soll. Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, wollen sie sich Hand in Hand von einem Hochhaus stürzen. Sie ziehen in eine Zweizimmerwohnung in London und beginnen, Gedichte und Lieder zu schreiben. Ihre Gruppe nennen sie The Libertines (Die Wüstlinge) - und genau mit dieser Haltung treten sie auch auf. Mal laden sie ihre Fans zum Wohnzimmerkonzert ein. Mal spielen sie in U-Bahn-Waggons und lesen zwischen den Liedern Gedichte. Durch ihre spontanen und chaotischen "Guerilla-Gigs" werden sie schnell berühmt: "Britpop trifft Baudelaire", schreibt ein Kritiker.

The Libertines kommen zur rechten Zeit. 2002 herrscht im Mutterland des Pop Langeweile. Da thronen brave Mittelstandssöhne wie Coldplay in den Charts, und die sonst so verlässlichen Rüpel von Oasis haben inzwischen Familien. Doherty und Barât sind dagegen tickende Zeitbomben. Ihre erste CD "Up The Bracket" glänzt durch eine radikale Haltung: 25 Jahre nach den Sex Pistols, gibt es wieder eine Punkband, die Sex, Drugs und Rock 'n' Roll nicht nur für ein Verkaufsetikett hält, sondern tatsächlich nach diesen Regeln lebt. "Crack ist wunderbar", schwärmt Doherty in Interviews und zitiert dazu ein romantisches Gedicht. "Sie sind die extremste Band, mit der ich jemals zusammengearbeitet habe. Die Jungs sind nicht Rock 'n' Roll, die sind wirklich geisteskrank", sagt der Musikmanager Alan McGee, der Anfang der Neunziger Oasis entdeckt hatte.

Doch im Sommer 2003 werden die Drogen mächtiger als die Blutsbrüderschaft. Zum Start einer Europa-Tournee taucht Pete Doherty nicht auf. Während The Libertines ohne ihn Konzerte geben, bricht er in die Wohnung von Carl Barât ein und stielt einen Laptop, eine Gitarre und einen CD-Player, um sich Geld für Drogen zu besorgen. Die Sängerin Lisa Moorish, Mutter von Dohertys Sohn Estile, zeigt den Einbruch an. Der Sänger wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung kommt er nach zwei Monaten frei.

Barât stellt ihm ein Ultimatum: Wenn er von den Drogen nicht loskommt, fliegt er aus der Band. Die Plattenfirma verfrachtet Doherty in eine Entzugsklinik nach Thailand, geleitet von buddhistischen Mönchen. Nach drei Tagen flieht er in den Dschungel und schlägt sich ins 140 Kilometer entfernte Bangkok durch. Dort checkt er in einem Hotel ein, das für seine Gäste die Drogen aufs Zimmer liefert. Er bestellt Eier mit Speck und Heroin. Als der Hotelchef nach ein paar Tagen eine Anzahlung für die stetig steigende Rechnung verlangt, lässt sich Pete Doherty in einem Korb aus dem Hotel schmuggeln. Da haben ihn seine Kumpels von The Libertines längst aufgegeben, die Band löst sich auf.

Und nun also die Babyshambles. Eine neue Band, aber kein neues Leben. Die Schlagzeugerin Gemma Glarke verließ die Gruppe Anfang des Jahres. "Ich will nicht Teil einer Maschine sein, von der ich das Gefühl habe, dass sie dich umbringt."

Hat Pete Doherty sich entschieden, ob er leben oder sterben will?

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