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Peter Maffay über Rechtsradikale: "Derzeit schrillen bei mir alle Alarmglocken"

Jeden Tag Nazidemos - heute Abend wieder Pegida. Der hässliche Deutsche marschiert wieder. Mit dem stern sprach Peter Maffay über seine Sorge vor einem Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten und sein neuestes "Tabaluga"-Album.

Von Uli Hauser

Die Wisseloord-Studios in Hilversum, ein angenehmer Spätsommertag. Knapp eine halbe Stunde von Amsterdam entfernt, produzieren hier Musiker aus aller Welt ihre  Alben. Die Rolling Stones waren hier und auch Sting, Michael Jackson ebenso wie Police.

Jetzt hockt ein konzentrierter Peter Maffay vor dem riesigen Mischpult und hört sich die Endfassungen der Songs seiner neuen "Tabaluga“-CD an. Für das nunmehr sechste "Tabaluga"-Albums an. Es erscheint an diesem Freitag, 30. Oktober. Maffay und seine Freunde haben neben fünf bisher unveröffentlichten Liedern auch alte Songs neu interpretiert: Mit dabei sind unter anderen Udo Lindenberg und Helene Fischer, Tim Bendzko, Samy Deluxe und Michael Bully Herbig. 

In Deutschland brennen Asylbewerberheime, und Sie erzählen einmal mehr das Märchen von einem kleinen Drachen, der feuerspeiend gegen das Böse kämpft. Ist das nicht trivial in diesen Tagen?

Da überlagern sich gerade viele Gefühle. Unsere Geschichte ist, auf den ersten Blick, eine harmlose Nummer. Es geht um Freundschaft. Um das Miteinander. Aber wenn man tiefer eintaucht, dann wird es spannend. Wie funktioniert eine gute Beziehung? Welche Konflikte bauen sich auf, wenn die Leute nicht mehr auf Augenhöhe miteinander reden oder Sprachlosigkeit herrscht?
Wie erleben Sie Deutschland?
Unser Land präsentiert sich derzeit sehr freundlich. Und doch herrscht Hass nicht mehr nur hinter der Fassade. Wer die Ereignisse von Heidenau und Dresden nicht zu deuten weiß oder nicht deuten will, muss mit Blindheit geschlagen sein. In diesem Jahr gab es bisher fast 600 Attacken auf Flüchtlingsheime, und das sind nur die gemeldeten Übergriffe. Ich habe das Gefühl, dass nur wenige bei uns sehen, in welch ernster Situation wir uns befinden. Vom Anzünden bis zum Kopf abschlagen ist es nicht sehr weit. 
Sie sind jetzt 66 Jahre alt und damit so alt wie die Bundesrepublik ...
... und nachdenklich wie noch nie. Das bezieht sich weniger auf meine Existenz: Ich habe den größten Teil meines Lebens hinter mir. Aber es gibt da meinen 12-jährigen Sohn und mehr als 1200 andere Kinder, die wir mit unserer Stiftung pro Jahr unterstützen. Ich möchte dem Schicksal abringen, dass sie eine behütete  Kindheit haben und in Frieden aufwachsen. Ich habe Angst, dass sie eine Wiederholung unserer Geschichte erleben. Derzeit schrillen bei mir alle Alarmglocken.

Aber wir erleben doch gerade auch eine große Hilfsbereitschaft? 

Das ist großartig. Aber viele sagen, wir brauchen den Zuzug, weil wir sonst unseren Wohlstand nicht halten können. Diese Argumentation beruhigt mich auch nicht gerade. Ein Land mit 80 Millionen Menschen ist nicht in der Lage, selbst für seine Zukunft zu sorgen? Heißt das, unsere Schüler sind zu dumm und wir holen uns jetzt die Schlauen von draußen? In Deutschland leben über zwei Millionen Kinder unter der Armutsgrenze, wo sind deren Perspektiven für einen Aufstieg? 
Was macht Sie so pessimistisch?
Ich bin eigentlich ein positiver Mensch; aber es fällt mir immer schwerer daran zu glauben, dass die aktuelle politische Entwicklung keine destabilisierende Wirkung auf unser Staatssystem hat. Im Moment herrscht ein Aktionismus, ohne dass wir wirklich darüber sprechen, welchen Plan wir haben. Da kommen Leute zu uns, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Und andere aus rein wirtschaftlicher Not. Wir brauchen sehr rasch und zwingend eine Differenzierung und ein Einwanderungsgesetz, wie es zum Beispiel Kanada hat. Sonst fürchte ich, dass die ungeklärten Verhältnisse Kräfte radikalisieren, die wir nicht eingrenzen werden können, dass unsere Gesellschaft kollabiert.
Beruhigt Sie nicht, dass sich sehr viele Menschen Rechtsradikalen in den Weg stellen?
Ich möchte dieses Engagement nicht klein reden. Die Sprachlosigkeit nach den „Pegida“-Protesten aber wird sich rächen. Mich beunruhigen die, die demnächst umkippen. Teile der schweigenden Mitte, die es nicht mehr nur beim Klatschen belässt. 
Sie engagieren sich seit Jahren und haben zum Beispiel die stern-Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt" und die Neonazi-Aussteiger-Initiative "exit" unterstützt. Das sind doch erfolgreiche Projekte, oder sehen Sie das anders?
Ja, aber immer mehr in Europa schreien nach dem starken Mann, in Frankreich nach einer starken Frau. Schauen Sie, wie rechtsradikal viele Ukrainer sind, wie faschistoid viele Russen. Und wie sich diese Haltung mit Subkulturen mischt, auch in Amerika, zum Beispiel mit arischen Bruderschaften. Dazu die Entwicklung in Ungarn und der Türkei, Orban, Erdogan. Vieles ist fragwürdig und bedenklich. Politische Fortschritte und Errungenschaften nach dem zweiten Weltkrieg und auch nach Ende des sogenannten kalten Krieges, hart umkämpft und mühsam errungen, sind gerade im Begriff, aufgegeben zu werden. Es werden wieder Zäune gebaut. Das macht mich extrem nervös. 
Fühlen Sie sich angesichts der unübersichtlichen Verhältnisse gefordert? Oder eher überfordert?
Auf jeden Fall gefordert. Als wir vor 35 Jahren die Figur des kleinen Drachens erfanden, dachten viele, das ist Lala, was für den Kindergarten. Aber aus einer ursprünglich eher infantilen Idee erwuchsen konkret Schutzräume für Kinder, in mittlerweile vier Ländern. Erdgeschichtlich betrachtet bedeutet,  was  wir machen, weniger als ein Windhauch. Aber ich möchte nicht, dass mein Sohn mich eines Tages fragt, warum ich nicht den Arsch genügend weit hoch bekommen habe, um noch mehr Dinge zu bewegen. Er würde das höflicher formulieren, er ist ja gut erzogen: aber jedes Kind hat das Recht, seinen Vater das zu fragen.
Hat er Sie schon gefragt?
Noch nicht. Ich bedaure es sehr, dass mein Egoismus und meine Eigenverpflichtung, überall dabei zu sein und mit zu tanzen, sehr oft mit der Aufgabe kolidiert, ein Kind zu haben. Ich hätte gern mehr Zeit für ihn, er steht für mich über allem, meine Frau wird mir verzeihen. Wir waren jetzt mal 14 Tage am Stück zusammen; er hat nicht gerade viel von mir. Darunter leiden wir beide. Aber ich glaube, dass ich das, was ich tu, letztlich auf für meinen Sohn mache, und dass ich mich mit dieser Einschätzung nicht billig aus der Verantwortung als Vater  ziehe. Es ist mein Job, mehr denn je, entschlossener denn je, nicht den Radikalen den Platz zu überlassen, aufzuklären und eine konstruktive Haltung einzunehmen. Den Rock`n Roll-Trip habe ich weitestgehend hinter mir.

Aber Sie ziehen sich doch immer noch gerne Ihre Lederjacke an und tragen breite Brust?
Diese Ego-Nummer ist längst einem Wir-Gefühl gewichen: Man schafft Dinge nur gemeinsam, mit anderen. Meine Gitarre, meine Lederhose, man steht vor dem Spiegel und findet sich spitze: Diese Pose wird mit zunehmenden Alter immer mehr zu einer Karikatur. Und zum Glück gibt’s Tabaluga, der nimmt alles wichtig, aber sich nicht total ernst, so möchte ich eines Tages auch sein.
Wir haben einen Verdacht: Mit Tabaluga spielen Sie sich selbst. Ein kleiner ...
... Drache?
Nein, ein Mann, der ...
... einen grünen ... hat? Ehrlich: Irgendwann haben wir gemerkt, dass es da eine Kongruenz gibt. Plötzlich fiel uns auf, der Drache ist ja genauso klein wie der Maffay. Das alles war aber nie geplant. Wäre es so, wäre es eine intellektuelle Leistung, die man anerkennen müsste, es war aber nicht so. Wir wollten ein Märchen erzählen, in einer Zeit, in der die Leute immer weniger wirklich miteinander zu tun haben. Wir möchten die Leute zum Träumen ermuntern. Ich habe damit schon so viele wunderschöne und berührende Erfahrungen gemacht, auch sehr schräge. Einmal kam kurz vor dem Auftritt ein Techniker zu mir und sagte: "Peter, vor der Bühne steht ein Mann, der will dich sprechen." Und ich dachte, was soll das, in zehn Minuten geht die Show los. Der Techniker meinte nur, der Mann ist blind. Also bin ich raus, der Mann guckte mich an und sagte am Ende unserer kleinen Unterhaltung: "Peter, wann sehen wir uns wieder?"
Was haben Sie gesagt?
Es brauchte eine Schrecksekunde, mich zu sammeln. Da verwendest du viel Anstrengung auf Beleuchtung und Kostüme und deine Show, und dieser Mann sieht nichts - oder doch mehr als wir. Geschichten dieser Art sind dafür verantwortlich, dass "Tabaluga" als eine Leitfigur mein Leben maßgeblich mitbestimmt.
Und Sie wandeln sich so klammheimlich zum kleinen Prinzen, der sagt, man sieht nur mit dem Herzen gut?
Nein, aber "Tabaluga" schenkt mir auch die Möglichkeit, neben mir zu stehen und mich zu beobachten. Dieser "Tabaluga" steht für universelle Werte, er kennt eben auch die zehn Gebote. Ich will mich an ihm messen lassen, seinem Mut, seiner Ausdauer, seiner Unbekümmertheit. Seine Fähigkeit zum Träumen. Ich gebe mir noch konkret fünf bis zehn Jahre, in denen ich noch mehr bewegen will.
Glauben Sie an Gott?
Gott hat für mich eine große Bedeutung. Ich fühle mich geführt, gestützt, es gibt einen Dialog. Ich denke da nicht an einen freundlich dreinblickenden Herrn mit weißem Bart. Aber wenn ich mir die Bilder auf meinem Handy anschaue, sehe ich immer mehr Aufnahmen von Kirchen. Ich  fotografiere sie gerne, ich setze mich gerne hinein, das ist mehr geworden in den letzten 20 Jahren. Auf unserer Finca auf Mallorca haben wir mit Freunden eine Kapelle gebaut, in ihr finden zwölf Leute Platz. Dort sitze ich oft, dort steht auch die Urne meiner Mutter. Und bete, dass mir weiter Kraft zuwächst. Ich möchte nichts geschenkt bekommen, das kann ich nicht beeinflussen. Aber ich sage: Hilf mir bitte über diese Runde, wherever you are.