Valéry Giscard d'Estaing Valéry Giscard d'Estaing


Der damalige französische Staatspräsident lud mit Helmut Schmidt 1975 auf Schloss Rambouillet zum ersten Weltwirtschaftsgipfel. 1974 wurde Giscard mit 48 Frankreichs jüngster Staatspräsident.

Der damalige französische Staatspräsident lud mit Helmut Schmidt 1975 auf Schloss Rambouillet zum ersten Weltwirtschaftsgipfel. Der 75-Jährige ist verheiratet mit Anne-Aymone Sauvage de Brantes, die aus einem der ältesten französischen Adelshäuser stammt. Die beiden haben vier Kinder. 1974 wurde Giscard mit 48 Frankreichs jüngster Staatspräsident. Der in Koblenz geborene Aristokrat ließ die Abtreibung legalisieren, lancierte den Hochgeschwindigkeitszug TGV, modernisierte die französische Wirtschaft und versuchte sich durch Akkordeonspiel und Abendessen bei ausgewählten Normalbürgern ein volkstümliches Image zu geben. Nach seiner Niederlage gegen Francois Mitterrand wurde er Abgeordneter der Liberalen.

Wenn jetzt in Genua die acht Staats- und Regierungschefs mitsamt ihrem Tross von rund 1000 Bürokraten, doppelt so vielen Journalisten sowie Zehntausende Globalisierungsgegner anlässlich des G8-Gipfels aufeinander prallen, sind Sie schuld - Sie haben diese Veranstaltung erfunden. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Überhaupt nicht. Als wir uns 1975 in Rambouillet erstmals trafen, waren wir nur sechs Regierungschefs - von Deutschland, Japan, Großbritannien, den USA, Italien und Frankreich. Damals haben wir alle Arbeit selbst getan. Jeder Teilnehmer durfte nur einen einzigen Berater mitnehmen. Wir passten gemütlich an einen kleinen Tisch. Ich konnte ja nicht ahnen, dass daraus im Laufe der Jahre eine Mammutveranstaltung werden würde.

Seither gedenken die Gipfelveteranen wehmütig des »Geistes von Rambouillet«.

Zu Recht. Damals gab es einen echten Meinungsaustausch. Die Idee war ja zu hören, was die anderen Staatschefs wirklich über gewisse Probleme dachten, und nicht, sich mit vorgekauten Meinungen zu bombardieren. Und es ging ausschließlich um Wirtschafts- und Finanzprobleme. Mittlerweile sind diese Veranstaltungen zu riesigen Spektakeln degeneriert.

Wie ist das passiert?

Manche Regierungschefs können der Versuchung nicht widerstehen, aus dem Gipfel eine Art Wahlkampfveranstaltung zu machen, andere wollen sie politisch ausschlachten. Dementsprechend werden auch die Orte und Gebäude ausgewählt. Je prächtiger und protziger, desto besser. Diese Entwicklung begann 1980, als wir uns in Venedig getroffen haben. Das war der erste touristische Gipfel.

Das Schloss von Rambouillet ist ja auch sehr schön.

Und äußerst praktisch. Es ist nur 50 Kilometer von Paris entfernt, somit leicht zu erreichen, und liegt abgeschieden in einem Wald, so dass niemand abgelenkt wird. Wir haben alle damals dort gewohnt. Heute müssen Dutzende von Hotels requiriert werden, um alle Teilnehmer unterzubringen. Monate vor jedem Teffen werden in jedem Land Erklärungen und Memoranden ausgestoßen, die Gipfelbürokraten haben schon lange vor den Begegnungen festgelegt, was am Ende herauskommen wird. Die Chefs spielen im Grunde genommen keine Rolle mehr. Ich bin sicher, dass die Hälfte der Regierungschefs, die sich in Genua treffen werden, die Papiere, über die sie diskutieren sollen, gar nicht gelesen haben.

Friedrich der Große meinte, Staatschefs sollten sich am besten nie treffen.

Ich teile zwar eher die Meinung von Helmut Schmidt, der mal gesagt hat, ein Weltwirtschaftsgipfel habe noch nie Großes bewegt, aber oft Schlimmes verhindert, doch im Großen und Ganzen fürchte ich, dass Friedrich der Große Recht hatte. Reiner Polittourismus ist völlig überflüssig.

Treffen Sie sich manchmal mit den noch lebenden Veteranen?

Einmal im Jahr besuche ich Gerald Ford, und auch Helmut Schmidt sehe ich regelmäßig.

Sie sind der einzige noch politisch Aktive.

Das liegt auch daran, dass ich der Jüngste unter ihnen war.

Wollen Sie sich denn nie zur Ruhe setzen?

Doch. Aber es wird mich nie langweilen, nützlich zu sein, wenngleich ich manchmal glaube, dass es die anderen langweilt, mich nützlich zu sehen.

Interview: Stefanie Rosenkranz


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