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WAS MACHT EIGENTLICH...: Christa Lörcher

Die Politikerin votierte am 16. November 2001 im Bundestag als einzige SPD-Abgeordnete gegen den Afghanistan-Einsatz deutscher Soldaten. Der Kanzler hatte die Abstimmung mit der Vertrauensfrage verknüpft.

Die Politikerin votierte am 16. November 2001 im Bundestag als einzige SPD-Abgeordnete gegen den Afghanistan-Einsatz deutscher Soldaten. Der Kanzler hatte die Abstimmung mit der Vertrauensfrage verknüpft.

Zur Person:


Die 61-Jährige, die mit ihrem Mann in Villingen-Schwenningen lebt, ist gelernte Altenpflegerin und ehemalige Lehrerin und trat 1970 in die SPD ein. Seit 1993 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Einen Tag vor ihrem Nein zum Bundeswehreinsatz verließ sie die SPD-Fraktion; sie kandidiert nicht wieder für den Bundestag. Am 30. Juni erhielt Christa Lörcher die Clara-ImmerwahrAuszeichnung für Zivilcourage unter Hinnahme eigener Nachteile.

Frau Lörcher, wie fühlt man sich als Ikone der Mutigen?

Das Nein zum Militäreinsatz gekoppelt mit der Vertrauensfrage war für mich nicht mutig, sondern selbstverständlich. Ich habe das Grundgesetz für mich in Anspruch genommen, das sagt: Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen verpflichtet.

Was sagen Sie dazu, dass der Bundeskanzler nun Bushs Kriegspläne gegen den Irak ablehnt?

Ich bin sehr froh über seine Besonnenheit. Ein Krieg gegen den Irak hätte für den Nahen Osten noch unkalkulierbarere Konsequenzen als der Einsatz in Afghanistan.

Werden Sie eigentlich auf der Straße angesprochen? Schließlich war Ihr Name samt Foto in allen großen Blättern.

Das passiert. Wenn ich im Zug sitze oder am Flughafen warte, kommen Leute und sagen: »Ich fand es gut, dass Sie sich nicht der Fraktionsdisziplin gebeugt haben.« Ich bekam rund 2000 Briefe und Mails, dazu viele Anrufe. Auch aus dem Ausland. Etwa zwei Prozent der Reaktionen waren negativ. Die kamen vor allem aus SPD-Kreisen.

Die Genossen gingen wenig zimperlich mit Ihnen um: Fraktionschef Struck soll Sie vor der Abstimmung täglich zum Einzelrapport bestellt haben.

Es gab viele Gespräche. Man hat es versucht, aber ich habe mich nicht drücken lassen. Ein Treffen mit Schröder habe ich abgelehnt. Nicht aus Angst, sondern weil ich dachte, er soll seine Zeit nicht verschwenden. Heute aber würde ich gerne in Ruhe mit ihm über die Sache sprechen.

Der folgende Austritt aus der Fraktion brachte Ihnen Nachteile.

Ich wollte nicht mehr zur Fraktion gehören. Darum verlor ich meine Mitgliedschaft in der Enquete-Kommission »Demographischer Wandel«. Auch meinen Schriftführerdienst und den Vorsitz in der Deutsch-Kaukasischen Parlamentariergruppe musste ich abgeben. Obwohl die PDS interessiert war, kam ein Parteiwechsel nie infrage. Müntefering meinte noch vor der Abstimmung: »Bleib in der SPD, wir brauchen auch die Unbequemen.«

In dieser Zeit ging es Ihnen sehr schlecht. Wer hat Ihnen beigestanden?

Zum einen die Friedensbewegung in meinem Wahlkreis Schwarzwald-Baar und meine Mitarbeiter. Zum anderen natürlich mein Mann, der zwei Tage vor der Abstimmung nach Berlin kam.

Manche empfanden es als heuchlerisch, dass Sie nach der Abstimmung als Erste dem Kanzler gratulierten.

Ich verstehe das. Sogar Inszenierung wurde mir vorgeworfen. Für mich war das eine spontane Reaktion. Nach der Abstimmung war einen Moment Stille, da bin ich hin und sagte »Ich freue mich, dass ihr weiter regieren könnt.« Darauf gab es eine kurze Umarmung - das war's.

Was planen Sie fernab der Bundespolitik?

Bis ich 64 bin, möchte ich arbeiten. Zunächst hatte ich die Idee, wieder als Altenpflegerin tätig zu werden. Das ist neben dem Lehrerjob mein zweiter Beruf. Reizen würde mich, im Seniorengefängnis in Singen zu arbeiten oder in der JVA Konstanz mit Jugendlichen.

Viel Wehmut werden Sie bei Ihrem Weggang aus Berlin nun kaum verspürt haben.

Wehmut ist immer da, wenn man eine Arbeit gerne gemacht hat. Berlin und das Reichstagsgebäude sind ein besonders schöner Arbeitsplatz. Aber statt 80 nur 40 Stunden wöchentlich arbeiten - ist das nicht eine schöne Perspektive?

Interview: Christoph Wöhrle