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Was macht eigentlich...: David Hamilton

Nackte Nymphen in Weichzeichner-Optik: Mit seinen Bildern und Filmen wie bilitis zählte der Engländer zu den Star-Fotografen der siebziger und achtziger Jahre

Zur Person:

Der 70-Jährige lebt in Ramatuelle bei St-Tropez. Nach einer Schreinerlehre und einem Architekturstudium arbeitete Hamilton unter anderem als Art Director der Zeitschrift "Queen" und des Pariser Kaufhauses "Printemps".

1966 beschloss er, Berufsfotograf zu werden, und erregte schon bald Aufsehen mit seinen romantisch-weichgezeichneten Erotikfotos halbwüchsiger Mädchen, die in Illustrierten wie "Twen", "Esquire", "Vogue" und "Playboy" erschienen und als Kalender, Postkarten und Poster millionenfach verkauft wurden.

Auch im Kino kam Hamiltons Stil an: Filme wie "Bilitis" (1977) oder "Zärtliche Cousinen" (1980) waren große Publikumserfolge. Der Londoner veröffentlichte außerdem zahlreiche Bücher, zuletzt "Ein Platz an der Sonne" (1998) und "Holiday Snapshots" (2001). Die Veröffentlichung einer umfangreichen Retrospektive ist für Ende des Jahres geplant

Sie sind kürzlich 70 geworden. Wie war die Party?

Party? Gott bewahre! Tage wie Weihnachten, Silvester und Geburtstage versuche ich zu ignorieren. Der einzige Geburtstag, den ich je gefeiert habe, war mein fünfzigster.

Verlaufen die anderen Tage in Ihrem Leben ähnlich unspektakulär?

Ziemlich. Vormittags arbeite ich in meinem Archiv und telefoniere viel. Dann setze ich mich hin und schreibe an meinem Buch. Die zweite Tageshälfte sitze ich in meinem Stammlokal "Club 55" in St-Tropez, wo ich auch die meisten meiner Geschäfte abwickle, bei einem sehr langen, sehr gemütlichen Mittagessen.

Worüber schreiben Sie denn?

Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Buch mit erotischen Geschichten. Wann es veröffentlicht wird, weiß ich noch nicht, ich muss erst mal vernünftige Übersetzer finden. Und neue Bildbände stehen auch an: Einer über Venedig ist fertig, einer über das historische Irland ist in Planung.

Junge, unschuldige Mädchen kommen Ihnen nicht mehr vor die Kamera?

Nein, diese Zeiten sind lange vorbei. Spätestens aber seit dem DutrouxSkandal ...

... dem Skandal um den belgischen Kinderschänder. Warum haben Sie nie mit professionellen Models gearbeitet?

Das sind verwöhnte Gören mit großen Köpfen, die viel zu viel kosten.

Wo haben Sie Ihre Mädchen damals aufgetrieben?

Die Model-Agenten John Casablancas und Eileen Ford, mit denen ich gut befreundet war, hatten dieselbe Spionin wie ich, eine alte Dame in Malmö. Ich habe die Mädchen fotografiert, anschließend wurden sie von John oder Eileen gebucht. Ich war in den Achtzigern auch Jury-Mitglied beim Model of the Year.

Warum haben Sie Skandinavierinnen und Deutsche bevorzugt?

Blond, blaue Augen. Die Blondine ist ein sehr seltener Vogel, nur ein Prozent der Welt ist blond. Sogar in Schweden gibt`s davon nur sehr wenig.

Viele Kritiker verdammten Ihre Fotos als oberflächliche Kaufhaus-Kunst.

Die meisten Kritiker hassen mich. Ihr Job ist es halt, ständig nach etwas Neuem zu suchen, damit sie es als erster entdecken können. Die französische Zeitung "Le Monde" hat mal eine Umfrage über die bedeutendsten Künstler gemacht, eine Art Who is who. Unter den Fotografen war ich mit Abstand auf Platz eins, vor Helmut Newton und all den anderen. Denn ich habe die Menschen berührt, mit meinen Fotos und Filmen. Die Sehnsucht nach Romantik und Nostalgie gibt es nach wie vor. Meine Bilder sind für die Ewigkeit.

Trotzdem ist Ihr Stil out.

Wenn Sie das an der Zahl verkaufter Poster, Kalender oder Postkarten messen, mag das stimmen. Aber ich fühlte mich nie als Teil des Mainstream, von Moden und Trends. Davon habe ich mich immer fern gehalten.

Nymphen, Unschuld, das erste Mal - woher kam Ihr Faible für diese Themen?

Jeder hat doch diese Fantasien. Ich bin ein großer Verehrer von Nabokov. Seine Lolita ist etwas ganz Besonderes, eine fiktive Figur, die nur in der Vorstellung existiert. Die Magie der unschuldigen Liebe, des ersten Mals hat schon Shakespeare in Romeo und Julia thematisiert. Das ist eine prägende Erfahrung, die schön sein kann oder schlimm - meistens schlimm...

Wie war´s bei Ihnen?

Das war so ein Reinfall, dass wir uns beide nicht mehr daran erinnern.

Interview: Bernd Teichmann

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