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WAS MACHT EIGENTLICH...: Fabrice Morvan

Er war die eine Hälfte des Duos Milli Vanilli. Mit dem Song »Girl You Know It's True« gewann es 1990 den Grammy - und sorgte für den größten Skandal der Pop-Geschichte.

Er war die eine Hälfte des Duos Milli Vanilli. Mit dem Song »Girl You Know It's True« gewann es 1990 den Grammy - und sorgte für den größten Skandal der Pop-Geschichte.

Zur Person:

Fabrice Morvan lebt als Single in L.A. und arbeitet an seinem Comeback. Seinen Lebensunterhalt verdient der 35-Jährige als Französischlehrer und Radio-DJ. Der Sohn eines Pariser Architekten war mit 18 Jahren nach München gekommen, traf dort auf Rob Pilatus. Von 1988 an waren die beiden »Milli Vanilli« hocherfolgreich in Deutschland und den USA. Nach dem Geständnis von Produzent Frank Farian, die beiden hätten nur die Lippen bewegt, anstatt zu singen, mussten sie ihren Grammy zurückgeben. Rob Pilatus starb mit 32 Jahren an einer Überdosis Tabletten und Alkohol

Für Ihre Playback-Darbietungen bekamen Sie 1990 sogar den »Grammy«. Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen?

Ein sehr schlechtes sogar. Aber Rob und ich hatten keine Chance, etwas zu ändern. Ich war 18 Jahre alt, als ich nach München kam, hatte kaum Geld und träumte von einer Model- oder Musikkarriere. Dann trafen wir Farian. Der legte uns einen Künstlervertrag und 1500 Mark auf den Tisch. Da haben wir unterschrieben. Farian war ziemlich bekannt in der Branche, hatte ja schon Bands wie Boney M. zum Erfolg geführt. Wir dachten: Das ist unsere Chance, jetzt werden wir PopStars. Allerdings war uns nicht wirklich klar, was wir da unterschrieben hatten, ich sprach ja auch kein Wort Deutsch.

Was stand denn in dem Vertrag?

Farian hatte gesagt, er wolle uns groß rausbringen. Da glaubten wir natürlich, dass wir nun in ein Studio gehen und Songs aufnehmen würden. Stattdessen hat uns Farian fertige Songs vorgelegt, zu denen wir auf der Bühne die Lippen bewegen sollten. Als wir protestierten, hielt er uns den Vertrag unter die Nase. Darin stand, dass wir nicht selbst singen würden.

Und das ließen Sie sich gefallen?

Mit teuren Klamotten und jeder Art von Luxus hat man uns bei Laune gehalten. Wenn wir Farian auf das Gesangsthema ansprachen, drohte er, uns rauszuschmeißen. Wir hätten sicher auch den Vorschuss zurückzahlen müssen, aber das Geld hatten wir doch schon ausgegeben.

Warum haben Sie nicht einfach alles auffliegen lassen?

Wir lebten auf einmal in einem nie zuvor gekannten Luxus, den wir noch eine Weile genießen wollten. Dann ging alles ganz schnell. Wir drehten das Video zu »Girl You Know It?s True«, standen mit dem Song innerhalb von zwei Wochen in den Charts ganz oben. Da war es zu spät, um alles zu stoppen. Wir hatten niemals mit einem solchen Erfolg gerechnet. Es hat uns zwar Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen, aber wir hatten auch Schiss, dass die Leute den Schwindel bemerken würden.

Also Angst vor dem großen Outing?

Täglich! Wir tranken viel zu viel, probierten Drogen, unser Leben war eine einzige Party. Und es gab viele Leute, die es angeblich gut mit uns meinten. Als später die Bombe platzte, waren diese Freunde schnell verschwunden. Das war bitter. Rob Pilatus kam mit der Schmach nicht klar, er hat sich 1998 umgebracht.

Hatten Sie auch mal Gedanken an einen Freitod?

Nein, Rob und ich waren sehr unterschiedlich. Er konnte sich nie damit abfinden, dass der Ruhm plötzlich vorbei sein sollte. Ich dagegen wollte in Amerika ein neues Leben anfangen, Englisch lernen und meinen Traum vom Sänger und Songschreiber weiter verfolgen - ein steiniger Weg.

Kürzlich waren Sie als Moderator einer Karaoke-Show in amerikanischen Kneipen unterwegs. Womit verdienen Sie sonst noch Ihren Lebensunterhalt?

Ich habe unter anderem als Französischlehrer und Radio-DJ in L.A. gejobbt. Meine erste CD »Love Revolution« ist mittlerweile fast fertig und soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.Vorausgesetzt, ich finde eine Plattenfirma und einen Produzenten, die mich nicht wieder ausnutzen. Ich habe meine Lektion gelernt, weiß jetzt genau, auf was ich achten muss.

Was für eine Art von Musik machen Sie?

Fröhliche Popmusik, zu der die Leute auch tanzen können. Viele der Songs erzählen Autobiografisches aus meinem Leben. Und, glauben Sie mir: Da gibt es noch reichlich Songpotenzial für die nächsten Jahre.

Interview: Andreas Renner