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Was macht eigentlich...: Klaus Traube

Der Atom-Manager wurde 1975/76 wegen angeblicher Kontakte zu Terroristen Opfer eines lauschangriffs des Verfassungsschutzes. Die Affäre weitete sich zu einer Regierungskrise aus.

Der Atom-Manager wurde 1975/76 wegen angeblicher Kontakte zu Terroristen Opfer eines lauschangriffs des Verfassungsschutzes. Die Affäre weitete sich zu einer Regierungskrise aus.

Zur Person:

Der geborene Hannoveraner arbeitete als Manager der Atomindustrie bei der Frankfurter AEG-Telefunken, bei General Dynamics in San Diego und der Interatom in Bensberg, Köln, wo er auch für die Entwicklung und den Bau des schnellen Brüters in Kalkar zuständig war. Nach der Abhöraffäre wandelte sich Traube zu einem angesehenen Umweltforscher, der sich in Büchern für die Erschließung und Förderung alternativer Energiequellen stark gemacht hat.

Die Schnüffler haben damals Ihr Leben auf den Kopf gestellt. Sind Sie noch böse?

Aber nein, ich bin dem Verfassungsschutz wirklich dankbar, er hat mein Leben auf sehr positive Weise verändert. Nicht über Nacht. Mein Umweltbewusstsein hatte vorher schon angefangen, sich zu wandeln. Aber da war mir dann endgültig klar, dass es mit der Wachstumsgesellschaft nicht ewig so weitergehen konnte.

Die sozial-liberale Koalition geriet damals in eine ihrer schwersten Krisen.

Das waren kleine Komödien. Ich erinnere mich eher an amüsante Szenen.

Aber die Regierung wäre fast gestürzt. Augstein schrieb einen fünfseitigen Kommentar im „Spiegel“, weil er den Rechtsstaat untergehen sah.

Gäbe es heute wieder so einen Aufschrei? Wäre das so eine Sensation, dass man jemanden zu Hause abhört? Ich fürchte, das gilt heute schon eher als normal. Aber ich bin nicht bitter. Dieses Land hat sich eher zum Guten entwickelt. Es herrscht kein übertriebener Nationalismus. Es gibt heute doch eine gewisse lockere Lebensart hier.

Ihre Milde kommt überraschend, immerhin hat Ihr Land Sie mehr als einmal niederträchtig behandelt. Als Sohn eines jüdischen Zahnarztes kamen Sie als 17-Jähriger in ein KZ.

Das war kein Vernichtungslager, das war ein Arbeitslager. Aber ich sehe das immer so: Wäre ich nicht dort gelandet, wäre ich vielleicht als Flakhelfer an die Front gekommen. Und ob ich das überlebt hätte?

Was ist mit Ihrem Vater passiert?

Die SA marschierte vor unser Haus, sang Kampflieder, beschmierte das Haus mit Hakenkreuzen, und jeder, der in die Praxis des Dr. Traube wollte, musste durch dieses Spalier von SA-Wachen. Diesen Terror konnte mein Vater nicht ertragen, er hat sich 1936 umgebracht. Meine Großmutter ist in Theresienstadt umgekommen, andere Familienmitglieder sind rechtzeitig geflohen.

Und dennoch sehen Sie dieses Land so gelassen? Haben Sie nicht eine Wut auf diese Deutschen?

Ich könnte keinen Schulkameraden und kaum einen Lehrer nennen, der mir was Böses getan hätte. Und selbst dem Rektor, der mich von der Schule geschmissen hat, weil ich Halbjude war, habe ich angemerkt, wie schwer es ihm fiel. Ich finde es mühsam, die gesamte deutsche Bevölkerung anzuklagen. Ich wollte auch nie auswandern.

Sie hatten zu keiner Zeit das Gefühl: Weg von diesen Verbrechern, die meine Familie umgebracht haben?

Nein, ich gehörte ja zur antifaschistischen Bewegung. Ich hatte schon als Arbeiter in einem Stahlwerk viele Kommunisten kennen gelernt, und deshalb trat ich in die KPD ein. Ich wollte, dass aus diesem Land etwas Besseres wird.

Vom Kommunismus hatten Sie aber bald genug.

Ich war fürchterlich enttäuscht davon, wie man die Dinge, die in der DDR passierten, gesundbetete. Aber ich habe da eine solide marxistische Ausbildung bekommen. Vieles davon ist ziemlicher Unsinn, aber einige Dinge – da bin ich doch froh, dass ich die gelernt habe.

Sie sind also aus Patriotismus in Deutschland geblieben?

Nein, ich war nie Patriot, ich habe keinen Nationalstolz, ich fühle mich auch nicht als Deutscher angesprochen. Ob die Nationalmannschaft gewinnt, ist mir scheißegal. Aber ob Eintracht Frankfurt gewinnt, das interessiert mich sehr.

Interview: Claus Lutterbeck

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