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Was macht eigentlich...: Ute Lemper

Die Tochter eines Bankers aus dem westfälischen Münster galt Ende der 80er Jahre als "zweite Marlene Dietrich" und wurde als neuer deutscher Weltstar gefeiert

Zur Person:

Ute Lemper, 41, im Kieler Hotel Steigenberger vor einem Auftritt beim Schleswig-Holstein Musikfestival. Sie lebt mit den Kindern Max, 10, und Stella, 8, und ihrem Mann, dem Musiker Todd Turkisher, in New York. Nach dem Abitur studierte Ute Lemper Schauspiel am Wiener MaxReinhardt-Seminar; 1983 engagierte Peter Weck sie für "Cats" - Start einer Weltkarriere. Für die Erfolge in Musical-Rollen und als Interpretin von Kurt-Weill-Chansons wurde sie mit dem Pariser Theaterpreis "Molière" und später mit dem britischen "Laurence-Olivier-Award" ausgezeichnet. Anfang der Neunziger erlitt ihre Karriere in Deutschland einen nachhaltigen Dämpfer, als sie für die Rolle der Lola in einem Remake des "Blauen Engels" heftig verrissen wurde. International feierte sie weiter Erfolge - der "New York Times" galt sie als "der heißeste deutsche Export seit Volkswagen". Unten: Ute Lemper 1986 in "Cabaret" am Düsseldorfer Schauspielhaus

Das Interview mit Ute Lemper führte Christoph Wirtz

Frau Lemper, was fällt Ihnen zu Hartz IV ein?

Herz was … ?

Hartz IV. Im Rahmen der Agenda 2010.

Tut mir leid. Ich lese nur selten deutsche Zeitungen.

Klar. Als Amerikanerin ...

Wie bitte? Ich habe nach wie vor einen deutschen Pass. Ich bin äußerst gerne Europäerin! Hier ist der Moralismus nicht ganz so biblisch betoniert. Das ist schrecklich in Amerika: Außerhalb Manhattans beginnt die dunkelste Erzprovinz. Die Leute sind von den Medien so fehlinformiert - man kann ihnen nicht mal verübeln, dass sie Republikaner sind. Ich sage nie "wir Amerikaner"…

Kein Lemper-Interview kommt ohne die Frage nach Ihrem gespaltenen Verhältnis zu Deutschland aus ...

Das wird ärgerlicherweise kultiviert. In Wahrheit hatte ich hier immer ein extrem gutes Publikum. Im November komme ich wieder zu Konzerten nach Hamburg, München, Baden-Baden É Das Land, die Medien - alles ist in den letzten Jahren offener und entspannter geworden. Außerdem liebe ich Laugenbrezel und Leberwurst und stehe im Goldenen Buch der Stadt Münster.

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Danke!

... wie geht's Ihren Kindern?

Wunderbar. Die sind jetzt zehn und acht Jahre alt und ziemlich stolz auf ihre Mutter. Gerade waren sie mit auf der Sommertour. Sie sehen sich dann alle Vorstellungen an. Das heißt, eigentlich zanken sie sich jeden Abend zwei Stunden lang um die Armlehne zwischen ihnen. Manchmal sage ich dann auf der Bühne: "Da sitzen zwei ganz unmögliche Kinder in Reihe drei É" Dann ist Ruhe, und sie versinken im Erdboden.

Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?

Verschiedene Theater-, Klassik- und Jazzfestivals in Europa, ein Openair im Central Park. Später singe ich in der Carnegie Hall, Januar und Februar im Carlyle. Da müssen wir dann jeden Montag die Bühne abbauen, weil Woody Allen mit seiner Band auftritt. Bis Herbst 2005 bin ich ausgebucht.

In Deutschland bekommt man davon nichts mit ...

Check the website! In Deutschland wird nicht mehr sehr viel über meine Karriere geschrieben. Vielleicht ärgert es einige, dass meine Arbeit auch ohne die deutsche Presse weitergeht. Eigentlich hat mir mein Beruf noch nie so viel Spaß gemacht wie heute. Ich bin in jeder Hinsicht unabhängig, kann machen, was ich will.

Zum Beispiel?

Ich texte und komponiere viele Songs selber, suche mir die Projekte aus. Zurzeit plane ich eine große Tournee mit dem Orpheus Chamber Orchestra. Das ist einzigartig: ein klassisches Ensemble, selbst verwaltet und ohne Dirigent! Die Musiker teilen Führungspositionen nach einem Rotationsprinzip. Und sie sind Grammypreisträger.

Wie steht es mit privaten Leidenschaften?

Ich habe endlich gewagt Ski zu fahren. Jahrelang war mir das in sämtlichen Verträgen verboten. Wegen der Knochenbrüche. Seit ich damit angefangen habe, bin ich total besessen.

Außerdem malen Sie. Ihre Bilder wurden beim deutschen Generalkonsul ausgestellt. Betrachter sagen, man wird für mindestens drei Tage depressiv ...

Meine Bilder sind Hammerschläge. Krasse Farbauswahl, expressionistisch. Verzerrte Gesichter, Schreie - verwinkelte Situationen, Schatten. Außerdem sind sie großformatig, einfach riesig. Und intuitiv gemalt. Ich bin ein romantischer Mensch. Aber in der Kunst will ich nichts Romantisches produzieren.

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