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Lena und "Unser Song für Deutschland" Hoffnung und Häme


Die "Mission Titelverteidigung" gilt schon jetzt als gescheitert: Es hagelt Häme für Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab, der sich mit deftigen Worten wehrt. Doch wenn heute der richtige Song gewinnt, ist beim Eurovision Song Contest alles möglich.
Von Jens Maier, Köln

Eine ganze Nation war verliebt in sie. "Ein Sonnenschein", schwärmte selbst Jogi Löw. Sie sei jung, selbstbewusst, herzlich, dynamisch, freundlich und bodenständig, sagte der Fußballbundestrainer. Doch ähnlich wie bei seiner Nationalmannschaft, wenn sie nicht gewonnen hat, scheint auch Lena Meyer-Landrut inzwischen mit Liebesentzug gestraft zu werden. Im vergangenen Jahr noch der Liebling der Medien, ist Lena vor ihrem erneuten Anlauf für den Eurovision Song Contest zum Abschuss frei gegeben.

In einem medialen Wirbelsturm wird Lenas Zauber derzeit regelrecht weggefegt. Die strahlende Siegerin von Oslo wird mit Häme überschüttet. "Lena und der Lala-Brei" kanzelte "Spiegel-Online" ihren Vorentscheid "Unser Song für Deutschland" ab, und "Focus-Online" ätzte sogar, Lena sei ob ihrer vielen Kostümwechsel zur "singenden Damenumkleide" mutiert. In ihrem Lena-Bashing bestätigt fühlen sich die Kritiker vor allem durch die Meldungen der vergangenen Wochen.

Miese Quoten und schleppende Ticketverkäufe

Die Quoten von "Unser Song für Deutschland" waren zuletzt miserabel. Weniger als zwei Millionen wollten im zweiten Halbfinale zuschauen, als drei weitere Songs für das Vorentscheid-Finale, das heute Abend um 20.15 Uhr in Köln stattfindet (live in der ARD), gewählt wurden. Zudem läuft der Ticket-Verkauf für Lenas Tournee, die im April startet, angeblich schleppend - unlängst hat ein Sponsor 10.000 Tickets in einer Verlosung unters Volk gebracht. Und ungeschickter Weise wurde die Lena-Kritik auch noch aus den ARD-Reihen befeuert. Der Fernsehbeirat hatte ihr vorgeworfen, sie habe ihre "Unbefangenheit verloren" und "spiele nur noch eine Rolle".

Die "durchgeknallte Göre", wie Nena sie im vergangenen Jahr noch nannte, hat sich verändert. Statt einem aufgedrehten Girlie, das "verdammte Axt" und "alter Finne" in die Kamera ruft, steht jetzt eine gereifte Künstlerin auf der Bühne. Auch stimmlich hat sie sich weiterentwickelt, Gesangsunterricht genommen und stellt in den Live-Shows von "Unser Song für Deutschland" erneut unter Beweis, dass sie unter enormem Druck am besten funktioniert. Trotzdem reißt die Kritik nicht ab. "Vor einem Jahr hat Lena die Beschützerinstinkte eines ganzen Landes geweckt", sagte ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, der auch für den Eurovision Song Contest zuständig ist, dem "Spiegel". Jetzt stelle sich die Frage, ob die Zuschauer ihr auch "erlauben, erwachsen zu werden".

Die Lust, Lena scheitern zu sehen

"Es gibt eine unbändige Lust, sie scheitern zu sehen", erklärt Medienexperte Stefan Niggemeier die anhaltende Kritik. Ein bisschen erinnert das an das Phänomen Ute Lemper. In den 80er Jahren galt sie als neue Marlene Dietrich, wurde als brillante Chansonsängerin und Musicaldarstellerin gefeiert, doch dann von heute auf morgen fallengelassen. In den späten 80ern noch ein deutscher Exportschlager, sprachen wenige Jahre später höchstens noch Amerikaner über Lemper. Der Fluch der Ute Lemper, trifft er jetzt auch Lena?

Einer, der nach wie vor fest an sie glaubt, ist Mentor Stefan Raab. Im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" wurde das besonders deutlich. Während des Interviews soll er eine Stunde in der Lautstärke "einer Uli-Hoeneß-Wutrede" gesprochen haben. "Wir haben sehr, sehr gute Chancen", versichert er. Dass Lenas Alleingang bei "Unser Song für Deutschland" so niedergemacht werde, liege in erster Linie an den Journalisten. Raab: "Die drehen durch." Den Spruch "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist" habe er noch nie verstehen können.

Raab verteidigt sie gegen jede Kritik - schließlich ist Lena sein Projekt. Lena sei eine "fantastische Künstlerin", und am Ende werde sich ihr Album, das aus allen zwölf Grand-Prix-Songs besteht, "sensationell" verkaufen. Es wirkt fast so, als sitze Lena in einem Elfenbeinturm, um den herum Raab ein Bollwerk errichtet hat. Er ist der Burgherr und seine Firma Brainpool bestimmt Lenas Geschicke.

Raab wird kämpfen wie ein Bär

Scheitert Lena, wird das vor allem Raabs Verschulden sein. Doch es wäre falsch, seine "Mission" bereits jetzt abzuschreiben. Der große Macher aus Köln ist angeknockt, doch er versteht es, wieder aufzustehen. In seiner Show "Schlag den Raab" ist er vom Fahrrad gestürzt, blieb benommen am Boden liegen - um fünf Minuten später mit einer Gehirnerschütterung und einem gebrochenen Jochbein weiter zu spielen. Am Ende hatte Raab das Spiel damals trotzdem verloren. Wie ein Bär wird Lenas Mentor dafür kämpfen, dass ihm das in Düsseldorf nicht passiert.

Und es gibt - bei aller Häme und sinkenden Quoten - Hoffnung. Denn Lenas Album "Good News" hat sich wider Erwarten auf Anhieb an die Spitze der deutschen Charts gesetzt. Wenn "Taken By A Stranger", das im Vorentscheid am Freitagabend als Favorit gilt, unser Song für Deutschland wird, präsentiert Lena am 14. Mai in Düsseldorf zwar keinen typischen Grand-Prix-Song, aber die Elektropopnummer ist so ungewöhnlich, dass sie sofort im Gedächtnis bleibt. Ein großer Vorteil, denn schließlich entscheidet nicht das deutsche Publikum über Lenas Wohl und Wehe beim Eurovision Song Contest, sondern unsere europäischen Nachbarn. Mit der Songauswahl haben es die deutschen Zuschauer gleichwohl in der Hand, ihrem Ex-Darling die entsprechende Steilvorlage zu geben. Deshalb könnte es also durchaus passieren, dass Jogi Löw in diesem Sommer erneut von Lena schwärmt.


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