was-macht-eigentlich Günter Wallraff


Getarnt als »Bild«-Reporter Hans Esser und als TÜRKE ALI kämpfte der Enthüllungsjournalist gegen den Axel-Springer-Verlag und gegen Ausländerhass

Getarnt als »Bild«-Reporter Hans Esser und als TÜRKE ALI kämpfte der Enthüllungsjournalist gegen den Axel-Springer-Verlag und gegen AusländerhassIn welche Rolle würden Sie heute schlüpfen?

Wäre ich jünger, in die eines rumänischen oder polnischen Malochers im Berliner Regierungsviertel. Die glänzende Fassade der Hauptstadt wird von modernen Sklavenarbeitern errichtet.

Hat »Ganz unten« nichts bewirkt?

Doch. Es hat Arbeitsbedingungen verbessert, das Selbstbewusstsein von Arbeitsemigranten gestärkt und bei manchen Deutschen dazu geführt, auf Ausländer zuzugehen.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Ausländer?

Vielschichtiger als oft dargestellt. Eine ganze Generation gehört heute dazu. Unsere Eliten essen zu neunzig Prozent beim Italiener, Griechen und Chinesen. Mode, Architektur und Musik sind multikulturell. Wir leben schon lange in einer Mischkultur. Aber Konservative, dazu zähle ich auch manche in der SPD, machen weiter gegen Ausländer Stimmung.

Was halten Sie von Innenminister Schily?

Wenn Schily sagt, das Boot sei voll, hetzt er in einem Katastrophen-Jargon, der Untergang assoziiert. Stoiber, der drohende Kanzlerkandidat, hat sich aus der Gemeinschaft der Demokraten verabschiedet. Sein Wort von der unzulässigen »Durchrassung« ist reinstes Nazi-Vokabular.

Was soll die Regierung gegen Neonazis tun?

Klar sagen, dass wir ohne Zuwanderung ein vergreisendes, kinderfeindliches und nicht lebensfähiges Land sind. Wir sind weit mehr auf Ausländer angewiesen als sie auf uns.

»Bild« schreibt gegen Rot-Grün an, manipuliert Fotos von Umweltminister Trittin. Lügt »Bild« wieder?

Ich habe meinem Verlag vorgeschlagen, neu für meine »Bild«-Bücher zu werben, mit jenem Zitat aus dem BGH-Urteil, das die Zensur meines Buches »Der Aufmacher« aufhob: »Bild ist eine Fehlentwicklung im deutschen Journalismus«. Heute sind sie etwas vorsichtiger und milder, werden aber immer wieder rückfällig. Seit der Medienmogul Kirch einen Machtwechsel bei den Chefredakteuren vollzogen hat, betreibt Springer verstärkt politische Hetze.

Alles wie früher?

Nein. Die Kampagne wurde durchschaut, angeprangert und scheiterte. Eine wachsame Öffentlichkeit kann der Bewährungshelfer für »Bild« sein.

Arbeiten Sie an neuen Projekten?

Zum Beispiel hatte ich Kontakt zu dem im Iran wegen einer unterstellten Liebesbeziehung zum Tode verurteilten Helmut Hofer. Mir war danach, mit einem Transparent in Teheran zu demonstrieren: »Liebende aller Länder, vereinigt Euch. Auch ich hatte Liebesbeziehungen zu Musliminnen«. Später dann bereitete ich vor, durch Verkleidung und Rollentausch an seiner Statt ins Gefängnis zu kommen. Gleichzeitig machte ich Druck auf Regierungsmitglieder. Vor allem Bodo Hombach ist zu danken, dass Hofer freikam.

Sie tauchten in Dutzende Rollen ein. Wissen Sie noch, wer Sie sind?

Als ich vor 30 Jahren als Kriegsdienstverweigerer in der Bundeswehr zehn Monate kein Gewehr in die Hand nahm, steckte man mich in die Bundeswehr-Psychiatrie und bescheinigte mir eine »abnorme Persönlichkeit, für Frieden und Krieg untauglich«. Das war in gewissem Sinne eine Ehrenbezeichnung. Wer sich mit der Normalität nicht abfindet, wird schnell zum Störenfried abgestempelt. So gesehen bin ich gerne ein Verunsicherer und Störer.

Interview: Matthias Schepp


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