HOME

#metoo-Debatte: "Ein mieses Werkzeug zur Machtausübung": Welche Rolle der Bademantel bei sexueller Gewalt spielt

In vielen Geschichten, die von mächtigen Männern und sexueller Belästigung handeln, taucht ein bestimmtes Requisit auf: der Bademantel. Aber was bedeutet das Kleidungsstück als Symbol? Der stern sprach darüber mit einem Diplom-Psychologen. 

Bademantel

"Der Bademantel ist in diesen Fällen schlichtweg ein Werkzeug zur Machtausübung. Und zwar ein ganz mieses", so der Diplom-Psychologe Markus Ernst gegenüber dem stern.

Er ist gemütlich, kuschelig, meist aus Frottee und im vergangenen Jahr als Fashion-Statement sogar auf dem roten Teppich getragen worden: der Bademantel. Allerdings hat das gemütliche Teil nach 2017 eine neue Konnotation erhalten, die Ekel erzeugt, denn er ist ein wiederkehrendes Symbol in der Debatte um sexuelle Gewalt.

Der Bademantel ist in diesen Fällen ein Symbol der Machtausübung 

Der stern wollte von Diplom-Psychologe Markus Ernst wissen, was es mit dem eigentlich so harmlos wirkenden Kleidungsstück auf sich hat. "Der Bademantel ist grundsätzlich ein Symbol für Privatheit, für Intimität. Den trägt man normalerweise zwischen Schlafzimmer und Badezimmer", erklärt Ernst. "In den geschilderten Vorfällen ist aber Folgendes passiert: Der Mann zwingt diese intime Atmosphäre einer anderen Person, in den meisten Fällen einer Frau, auf – und das ist letztlich eine Ausübung von Macht", so der Diplom-Psychologe. "Was Sie der Frau im Prinzip sagen, ist, 'ich muss nur den Gürtel öffnen und du bist der Situation und mir komplett ausgeliefert'. Denn es gibt ja fast keine textile Barriere mehr."

Ich erkenne da auch einen exhibitionistischen Aspekt. Die Reaktion der Frau ist erstmal Überraschung oder Entsetzen und es gibt durchaus viele Männer, die dadurch ihre Lust vergrößern können

Seit Oktober ist das Kleidungsstück also mehr: Es ist zum Warnsignal geworden. In vielen der Berichte um Harvey Weinstein und Co. wurde den Frauen, die der Filmproduzent sexuell belästigt, ja sogar vergewaltigt haben soll, erst dann das volle Ausmaß der Gefahr bewusst, als Weinstein ihnen im Bademantel gegenüber stand. Es ist ein Kleidungsstück, das in einer professionellen Situation – ein Vorstellungsgespräch, eine Konversation über einen anstehenden Film – als Grenzüberschreitung gesehen werden kann: jetzt wird eine Linie übertreten, jetzt geht es zu sehr ins Private.

Doch welche Rolle spielt die Hierarchie in der Debatte um Sexismus im beruflichen Umfeld? "In den meisten Fällen ging es um Frauen, die auf irgendeine Art und Weise beruflich abhängig und froh waren, wenn sie weiterhin mit dem mächtigen Produzenten zusammen arbeiten können." Doch der Psychologe sieht in dem Bademantel auch noch eine weitere Bedeutung: "Ich erkenne da auch einen exhibitionistischen Aspekt. Die Reaktion der Frau ist erstmal Überraschung oder Entsetzen, und es gibt durchaus viele Männer, die dadurch ihre Lust vergrößern können", erklärt Markus Ernst dem stern.  

Es war kein Zufall, dass die Beschuldigten den Opfern im Bademantel gegenüber traten

Was immer wieder in den Erklärungen der angeklagten Männer rauszuhören war, ist die Entschuldigung: Ich war gerade dabei, mich anzuziehen, ich bin gerade aus der Dusche gekommen, warte einen Moment. Waren es vielleicht nur Zufälle, dass viele der mutmaßlichen Täter ihrem Gegenüber im Morgenmantel entgegentraten? Wohl kaum, sagt der Psychologe: "Ich glaube schon, dass da ein bewusstes Handeln vorliegt. Und wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisberges. Ich möchte nicht wissen, wie viele Chefs ihren Sekretärinnen in schlechten Hotels so begegnen", sagt Ernst. "Ich glaube nicht, dass es sich da um einen Zufall handelt, weil besagter Mann es einfach noch nicht geschafft hat, sich den Anzug anzuziehen. Es ist schlichtweg ein Werkzeug zur Machtausübung. Und zwar ein ganz mieses."

Wenn also ein modischer Aspekt aus der wichtigen und andauernden Debatte über bleibt, dann dieser: Bademäntel gehören in den privaten Gebrauch, im beruflichen Umfeld sollten sie hingegen nie auftauchen. Eigentlich ist das keine Überraschung. Wer will mit seinem Outfit, und sei es noch so kuschelig gemütlich, schon an den widerlichen Weinstein in locker gebundener Hotelrobe erinnern? Wenn Kleider Leute machen, macht der Bademantel seit vergangenem Jahr Widerlinge. Schade um die Gemütlichkeit.