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Agyness Deyn: Einfach super, dieses Model!

Superblond, superfrech, supererfolgreich: Die 25-jährige Britin Agyness Deyn mischt die Modewelt auf und prägt mit ihrem eigenwilligen Stil eine ganze Generation. Auch wenn sie das selbst nicht wahrhaben will.

Das Supermodel verspätet sich um eine knappe Stunde. Gut so. Man wäre enttäuscht, wäre die Dame pünktlich aufgetaucht. Pünktlichkeit passt nicht zu einem Model mit diesem Namen. Es ist kurz vor vier am Nachmittag, als Agyness Deyn das enge, düstere Café Mud in der Neunten Straße von New York betritt. Eindringlich hatte sie auf diesen Ort als Treffpunkt bestanden. Er ist nämlich nur zwölf Schritte von ihrer Haustür entfernt.

Da steht sie im Eingang, superschlank und superblond und superunspektakulär: Es ist tatsächlich die Agyness Deyn! In England so berühmt wie die Queen, im East Village bloß ein weiteres hübsches Mädchen. Na ja, nicht ganz.

Auch hier stellen englische Paparazzi ihr nach. Sie nennt diese Leute "Paps". Agyness aus Manchester gelang der doppelte Clou: Sie löste Kate Moss als offiziell bestangezogene Person des Königreichs ab (so legte es die Rangliste des Magazins "Tatler" fest) und ebenso als Hauptdarstellerin der Klatschspalten.

An diesem Tag in New York trägt sie Hosen mit schwarz-weißem Karomuster. Das T-Shirt in ausgewaschenem Gelb ziert ein psychedelisches Led-Zeppelin-Logo, die weinroten Budapester Schuhe hat sie in einem Secondhandladen in Manchester gefunden, wie sie erklärt. Der asymmetrische Kurzhaarschnitt sitzt, vielleicht hat sie mit der Rasur im Nacken etwas übertrieben. Das Gesicht wirkt verblüffend klein und lieb. Meistens lacht sie und spricht in einem lustigen mittelenglischen Akzent. Mit Agyness Deyn würde man jederzeit eine ausgedehnte Fahrradtour machen - doch leider hat sie für solche Unternehmungen längst keine Zeit mehr.

Ein Stück Kuchen?

Danke, nein.

Vielleicht einen griechischen Salat?

Nee, habe schon gegessen. Pizza.

Fragen Sie sich eigentlich manchmal: Wie bin ich bloß in diese absurde Existenz als Supermodel reingerutscht?

Immer wenn ich aufwache. Meistens in einem anderen Hotelzimmer. Das Telefon klingelt, ein Agent will etwas von mir: ein Fotoshoot in Äthiopien, ein Interview in Seoul. Finden Sie etwa, dass ich aussehe wie ein Supermodel? Es grenzt an ein Wunder, dass ich diese Karriere erlebe.

Sie sehen nicht gerade hässlich aus.

Millionen Mädchen sind im klassischen Sinne schöner als ich.

Was haben Sie, was die nicht haben?

Man sagt mir, ich besäße eine besondere Ausstrahlung. Woraus die genau bestehen soll, kann ich allerdings nur erahnen.

Und sonst?

Zunächst mal bin ich von Natur aus zu jedem Menschen freundlich. Es hilft, wenn die Leute gern mit dir arbeiten und nicht denken: Oh Gott, jetzt kommt die Ziege schon wieder.

Aber Freundlichkeit allein erklärt nicht, warum etwa das Londoner Magazin "ID" eine Agyness-Extraausgabe druckte. Mit sechs unterschiedlichen Titelblättern und Texten, die fast ausschließlich von Ihnen handelten. Diese Ehre wurde nicht einmal Kate Moss oder Naomi Campbell zuteil.

Ich war auch erstaunt, wie viel es über mich zu berichten gibt.

Ist der seltsame Name schuld an Ihrem Erfolg?

Er hat sicher nicht geschadet.

Ihre Mutter hat ihn sich ausgedacht.

Geboren wurde ich als Laura Hollins. Meine Agenten und ich fanden den Namen Agnes Dean besser. Doch Mutter ist esoterisch veranlagt und glaubt an die Macht der Numerologie. Eine komplizierte Berechnung hat ergeben, dass die Buchstabenkombination Agyness Deyn perfekt für mich funktioniert - offenbar hat Mutter richtig gerechnet.

Als Laura Hollins hätten Sie keine Millionen verdient.

Mag sein. Aber am wichtigsten ist die Einstellung. Mutter sagt: Solange du dir den Erfolg zutraust, wirst du alles schaffen.

So einfach ist das?

Gerade in meinem Beruf ist es oft gar nicht so einfach, selbstbewusst zu bleiben. Ein Model wird ja ständig aufs Brutalste beurteilt. Und es kann schnell vorbei sein mit der Karriere.

Arbeiten Sie deswegen in diesem atemraubenden Tempo: aus Angst vor dem frühen Ende?

Die Mädchen meiner Generation haben nicht mehr wie früher Cindy Crawford oder Linda Evangelista 15, 18 Jahre Zeit, um viel Geld zu verdienen. Wir müssen uns beeilen.

Mit Ihrem Namen wird in der Mode stets der überstrapazierte Begriff "Punkästhetik" in Verbindung gebracht. Agyness, der Modepunk - das ist doch inzwischen die denkbar peinlichste Assoziation, oder?

Den Leuten fällt wohl kein anderer Begriff ein für ein Mädchen mit kurzen Haaren. Sie nennen mich also Punk - was immer dieses Wort auch bedeuten soll.

Seit Jahren sind Sie in Magazinen allgegenwärtig, traten in Kampagnen für Burberry, Armani, Gaultier, Galliano und viele andere auf und laufen auf Dutzenden Modenschauen. Erinnern Sie sich, welche Städte Sie in den vergangenen Wochen besuchten?

Das waren zu viele. Mal sehen. Ich kam gestern aus London, davor zwei Tage Los Angeles, ein Tag New York, drei Tage Paris, Moskau, Tokio, Manchester. Vollkommen sinnlos, die Städte aufzuzählen.

Fliegen Sie gern?

Sehr sogar. Da klingelt mein Telefon nicht. Wenn ich das Handy nach der Landung anschalte, klingelt und piepst es minutenlang, weil in der Zwischenzeit Hunderte Anrufe und SMS eingegangen sind.

Kommt manchmal das Gefühl auf, dass Sie das Tempo nicht mehr halten können?

Absolut. Ich habe ja nie Pause. Keine Minute Zeit, um mal darüber nachzudenken, was ich eigentlich erlebt habe.

Schlafen Sie gut?

Da gibt es keine Probleme.

Was sagt Ihre Mutter?

Fast täglich spreche ich mit ihr. Sie macht sich keine Sorgen.

Erstaunlich.

Mir geht es ja nicht schlecht. Es fehlt bloß die Zeit, ab und zu normale Dinge zu tun.

Es war schwierig, mit Ihnen einen Termin abzumachen, weil Sie von vier Agenten vertreten werden. Jeder hat seine eigene Sicht der Dinge.

Alle wollen was anderes, oder?

Man könnte auch vermuten: Alle wollen dasselbe. Nämlich einen Anteil an Ihrem Erfolg. Haben Sie sich schon mal ausgenutzt gefühlt von den vielen Beratern?

Wie sollen die mich ausnutzen? Ich mache nur, was ich will. Und ohne Agenten geht es nicht. Seit dem Tag, an dem ich vor drei Jahren in London auf der Straße entdeckt wurde, treffe allein ich die Entscheidungen. Das war der Rat meines ersten Agenten in New York: Ich solle keine Kompromisse machen, um anderen zu gefallen, sondern meine Ziele verfolgen.

Wie lautet denn Ihr Ziel?

Das beste Model der Welt zu werden. In allem, was ich bislang gemacht habe, wollte ich die Beste sein - wenn das nicht klappte, habe ich es sein gelassen. In der Schule habe ich meistens Einser geschrieben, und beim Musikstudium strengte ich mich enorm an. Dann begann ich mit dem Modeln - was bislang gar nicht so schlecht läuft.

Mario Testino, der die Burberry-Kampagne fotografierte, hat Sie für die aktuelle Saison nicht gebucht. Mit der Begründung, er könne mit einem Superstar nichts anfangen.

Mir hat er das anders erklärt. Ich habe auch so mehr als genug zu tun. Allerdings stimmt es, dass ich viele Schauen nicht mehr laufen kann, weil ich zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Meine Bekanntheit ist bei Schauen eher ein Nachteil, während bei Anzeigenkampagnen das Gegenteil der Fall ist.

Macht es Spaß, der Mittelpunkt des Londoner Nachtlebens zu sein?

Es gibt nur noch wenige Partys, die ich genießen kann. Am Anfang fand ich es lustig, als Fotos von mir am nächsten Tag in der Zeitung erschienen. Inzwischen hat es derart unangenehme Ausmaße angenommen, dass ich oft lieber zu Hause bleibe, als mich dem Stress auszusetzen.

Drogen nehmen Sie ja ohnehin nicht, richtig?

Ich habe vor Monaten sogar mit dem Trinken aufgehört. Ich nehme keinen Schluck Alkohol zu mir, weil ich festgestellt habe, dass ich mit einem klaren Verstand die anstrengenden Arbeitstage schwereloser überstehe.

Was gibt es in diesem Beruf noch zu erreichen für Sie?

Vor Kurzem habe ich einen Vertrag mit einer japanischen Kosmetikfirma unterschrieben. Ich bin das erste weiße Mädchen, das in Japan für diese Firma wirbt. Eine kleine Sensation. Darauf bin ich stolz.

Haben Sie heute noch Termine?

Fahre jetzt zu meiner Wahrsagerin nach Harlem. Sie liest die Sterne und wird mir hoffentlich ein paar Fragen beantworten können zu den nächsten wichtigen Ereignissen in meinem Leben.

Interview: Lars Jensen / print