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Anstrich: Woher kommt das Weiß des Weißen Hauses?

In einem kleinen Ort bei Augsburg mischt eine Traditionsfirma die Farben zusammen, mit denen die Fassaden berühmter Bauwerke einen neuen Anstrich erhalten.

Von Christine Mortag

Wenn Barack Obama sich im August in seinen ersten Sommerurlaub als US-Präsident verabschiedet, rücken wieder die Maler an. Dann wird die Außenfassade des Weißen Hauses weitergestrichen. Die erste Überraschung dabei: Das Weiße Haus ist gar nicht reinweiß, sondern cremefarben. Und die zweite: Die Farbe kommt aus Deutschland. Von der Firma Keimfarben aus Diedorf bei Augsburg, aktuell 10.303 Einwohner.

"2001 haben wir mit dem Badehaus im Garten angefangen", sagt Hermann Schläffer, 57. Der gelernte Maschinenbauer ist seit 23 Jahren im Unternehmen und seit 2005 Geschäftsführer. "Dann kamen der Ost- und der Westflügel dazu, und jetzt ist das Haupthaus dran." Zehn Tonnen des Anstrichmaterials Soldalit im Farbton 812.285 stehen bereit.

Gute Referenzen

Doch das Weiße Haus in Washington ist nicht das einzige prominente Objekt, das von Keimfarben aufgefrischt wurde. Zur Referenzliste gehören das Bundeskanzleramt in Berlin, der Buckingham-Palast in London, der Palast des Scheichs von Brunei und - gerade in Arbeit - die Oper in Sydney.

Da stellt sich natürlich die Frage: Haben die in England und Australien keine Farbe? Was ist bloß so besonders an den Produkten aus Diedorf? Damit eine Farbe auf dem Untergrund haftet, braucht sie Bindemittel. Die werden üblicherweise aus Erdölprodukten hergestellt. Keimfarben dagegen verwendet mineralische Bindemittel wie Kaliumsilikat, flüssiges Wasserglas, das aus Quarzsand gewonnen wird. Der Vorteil: Während gängige Farben wie ein Film an der Wand kleben, gehen Silikatfarben eine unlösbare Verbindung mit dem Mauerwerk ein. "Unsere Farben sind wasserfest, sie bleichen nicht aus und halten doppelt so lange wie die üblichen Anstriche", behauptet Hermann Schläffer. Sie kosten auch doppelt so viel.

Individuelle Farben

Aus nur 14 Grundfarben werden die 220 Standardfarbtöne hergestellt. Doch individuell gemischt hat die Firma bisher gut 40.000 Wunschfarbtöne. Alle säuberlich nach Nummern in einem Dutzend verbeulter Stahlschränke archiviert. "Manche kommen mit einem Stückchen ihrer Krawatte als Farbvorlage", sagt der Chef.

Schon 1768 hatte Johann Wolfgang von Goethe mit flüssigem Wasserglas experimentiert, doch als Erfinder der Silikatfarbe gilt Adolf Wilhelm Keim. Zehn Jahre tüftelte und mischte der gelernte Töpfer in seiner Münchner Werkstatt und erhielt 1878 das kaiserliche Patent Nummer 4315 für die "Befestigung von Mineralfarben auf Wandputz zur Herstellung von Wandgemälden". 1913, mit 62 Jahren, beging der Firmengründer Selbstmord und hinterließ, außer einer unehelichen Tochter, keine Nachkommen.

Heute gehört Keimfarben zur Leonhard Moll AG, einer Münchner Firmengruppe. 25.000 Tonnen Anstrichmaterial liefern die Diedorfer pro Jahr in alle Welt. Die Hälfte vom 70-Millionen-Euro-Umsatz erwirtschaftet die Firma außerhalb Deutschlands, von den 400 Mitarbeitern arbeiten mittlerweile 150 in den elf ausländischen Tochtergesellschaften.

"131 Jahre Erfahrung"

Seine internationalen Großaufträge hat das Unternehmen vor allem den guten Empfehlungen bekannter Architekten wie Norman Foster und Zaha Hadid zu verdanken. Schon Walter Gropius und Mies van der Rohe ließen in den 20er Jahren ihre Bauhaus-Bauten mit Farben von Keim streichen. "Wir sind weltweit der einzige Hersteller, der ausschließlich Silikatfarben im Angebot hat", sagt Hermann Schläffer vollmundig. "Andere führen die zwar auch - neben vielen anderen Produkten. Denen fehlt aber die Erfahrung von 131 Jahren."

Nur einmal nützte auch dieses Know-how nichts. 2003 hatte Keimfarben den 100 000-Dollar-Auftrag für den Anstrich des Pentagons schon so gut wie in der Tasche. Bis sich der republikanische Kongressabgeordnete Steve LaTourette beschwerte. Das gehe ja wohl gar nicht, erst boykottierten die Deutschen den Irak-Krieg, und dann sollten ausgerechnet sie die militärische Schaltzentrale der USA streichen. "Der zuständige Ingenieur im Verteidigungsministerium", sagt Hermann Schläffer mit Genugtuung, "schimpft immer noch über die schlechte Qualität der amerikanischen Farbe." Das haben sie nun davon.

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