HOME

Athleisure-Trend: Der Trainingsanzug ist wieder schwer angesagt - allerdings nicht im Sport

Ob bei Gucci, Valentino oder Prada, überall erobern Luxus-Trainingsanzüge die Modewelt. Die dargestellte Sportlichkeit hat dabei aber nichts mit Körpereinsatz zu tun – höchstens vielleicht mit Gehirnjogging.

Von Julia Rau

Hauptsache bequem: Stars wie Madonna (l.) oder Rihanna lieben ihre Jogginghosen. Selbst Herzogin Catherine (r.) zeigte sich schon öffentlich im sportlichen Outfit.

Hauptsache bequem: Stars wie Madonna (l.) oder Rihanna lieben ihre Jogginghosen. Selbst Herzogin Catherine (r.) zeigte sich schon öffentlich im sportlichen Outfit.

Sie sind aufwendig bestickt, aus lilafarbenem Samt oder wecken Erinnerungen an die Achtziger: Trainingsanzüge erobern die Laufstege der Fashion Weeks. Und am Rand des Geschehens der Pariser Modewoche sitzt Carine Roitfeld, ehemalige Chefredakteurin der französischen "Vogue" und Ikone des Pariser Chics, in Adidas Sneakers designt von Rapper Kanye West. Ein ungewöhnliches Bild und gleichzeitig ein Zeichen. Der athletische Freizeitlook lässt die Grenzen zwischen Luxusboutique und Sportabteilung verschwimmen. Und er ist gekommen, um lange zu bleiben.

Mit Athleisure Wear lassen sich Milliarden verdienen

Athleisure – so heißt das Wort, das gerade erst erfunden wurde, um dem sportlichen Kleidungsstil einen Namen zu geben. Die Zusammensetzung aus Athletic und Leisure bringt die wichtigsten Elemente des Trends auf den Punkt: Funktionalität, Bequemlichkeit und stilvolles Design. Ein Rezept, das nicht nur aufgeht, sondern auch zukünftig sehr vielversprechend scheint. Die bequeme Sportbekleidung gehört zu den wachstumsstärksten Segmenten der Bekleidungsindustrie. Mit Athleisure lassen sich laut Untersuchung der US-Bank Morgan Stanley im Jahr 2020 weltweit rund 350 Milliarden US-Dollar verdienen - 17 Prozent mehr, als noch 2017.

View this post on Instagram

...

A post shared by Kendall (@kendalljenner) on

Wer nun aber denkt, dass diese Entwicklung für eine sportliche Menschheit steht, der irrt. Denn die wird bewegungstechnisch immer inaktiver: 50 Prozent der verkauften Sportbekleidung in den USA sieht Sportplätze und Fitnessstudios nur von außen. Und auch die Umfrage einer deutschen Krankenkasse im Jahr 2016 zeigt: 59 Prozent der Befragten treibt weniger als eine Stunde pro Woche oder gar keinen Sport. Wo und wann trägt man also so viel Athleisure, wenn kein Körpereinsatz gefragt ist?

Athleisure Wear ist die Kleidung fürs Home Office

Ein entscheidender Wandel in der Arbeitswelt könnte eine Antwort geben: Immer mehr Menschen erledigen ihren Job von zu Hause aus. Home Office ist in Deutschland gerade erst im Kommen. Im Jahr 2015 bat bereits jedes dritte Unternehmen seinen Mitarbeitern an, im eigenen Büro zu arbeiten. Eine Entwicklung, die noch lange nicht erschöpft ist: 43 Prozent der Firmen gehen davon aus, dass dieser Anteil in den nächsten fünf bis zehn Jahren steigt. "Home Office wird in vielen deutschen Unternehmen Alltag", so der Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. 

Ein Angebot, das von vielen Angestellten dankend angenommen wird. Denn Home Office bedeutet Freiheit. Freiheit von stressigen Großraumbüros, von ständig klingelnden Telefonen, nervenzehrendem (okay manchmal auch interessantem) Büro-Gossip, zeitraubenden Meetings und schlechtgelaunten Kollegen. Wer in bequemer Kleidung am Tisch oder auf dem Sofa sitzt, selbst über seine Zeit bestimmen kann und die Lautstärke über Fernbedienungen regelt, der hat die Kontrolle über sein Arbeitsleben zurück. Die Flucht ist geglückt, aus den steifen, vorgegebenen Mustern der Bürowelt. Sich aber in den vier Wänden schick machen, sich anziehen, als würde man zu einem Termin gehen und mindestens ein geschäftliches Kleidungsstück tragen – auf solche Businesstipps hören wohl nur die diszipliniertesten Home Worker. Alle anderen müssen da ein bisschen lachen.

Sich kleiden bedeutet Zeit. Allein die Auswahl jeden Morgen. Der Drang einem Klischee entsprechen zu müssen, Erwartungen zu erfüllen, einen Status zu verkörpern. Wer nicht gesehen wird, kann sich diese Gedanken und Energie sparen. Was nicht getragen wird, muss nicht gewaschen, gereinigt, gebügelt werden. Zeit, die sich gut in etwas Anderes investieren lässt. Die ersten E-Mails zum Beispiel.

Verwahrlosung ist okay, aber bitte mit Stil

Gerade erst hat die ehemalige Chefredakteurin der britischen "Vogue" Alexandra Shulman, von dem häufigsten Rat erzählt, den man ihr seit Verlassen der Redaktion im letzten Jahr erteilt: Sie solle doch endlich ihre Pyjamas ausziehen, die sie nun Tag für Tag trägt. Nach 36 Jahren Büroleben bleibe sie nun in ihren Schlafanzügen so lange sie will, entgegnet Shulman. Und eine Nutzerin kommentiert unter diesem Zitat bei Instagram: "So lange es Designer-Pyjamas gibt." Und genau das ist der Punkt. Denn wer von zu Hause arbeitetet, der ist sich - hart gesagt - der Verwahrlosung bewusst. Verwahrlosung ist also okay. Aber bitte mit Stil. Und was garantiert und rechtfertigt Stil besser, als ein Designername?

Die aktuelle Mode, die sich sowieso schon lange von der Frage "Wie komme ich möglichst bequem von A nach B?" inspirieren lässt, wird um den Gedanken "Wie bleibe ich möglichst bequem bei A?" erweitert. Athleisure steht nicht für körperliche Aktivität, sondern verkauft Bequemlichkeit, verbunden mit dem Gefühl gut angezogen zu sein. Dass das so ist, haben die Sportriesen wie Adidas schon lange erkannt und launchen neben Lifestyle-Marken auch regelmäßige Designer-Kooperationen. Die Liste ist lang: Rick Owens, Stella McCartney, Raf Simons, Yohj Yamamoto, Alexander Wang, Jeremy Scott, Neu-Designer Kanye West. Nur um eine Auswahl zu nennen.

Und noch ein Trend kommt zurück und spielt der neuen Bequemlichkeit in die Karten: Social Coocooning. Nach Jahren geprägt von Selbstinszenierung über Social Media, dem Warten auf Resonanz der Selbstdarstellung und der Angst des Verpassens, ist laut Zukunftsinstitut jetzt "The Joy Of Missing Out" angesagt. Man gibt es auf, Resonanz in einer inszenierten Freizeitkultur zu finden und tritt den Rückzug an. In die eigenen vier Wände. Lieferservice und Online Shopping sorgen dafür, dass sich der Gang vor die Tür immer weiter herauszögern lässt. Gleichzeitig entsteht eine Sehnsucht nach Austausch und Verbindung. Freizeit verbringt man also nun zurückgezogen und auch Home Office trägt natürlich nicht unbedingt dazu bei, in Gesellschaft zu sein. Was passiert also, mit denen, die sich Tag für Tag zu Hause einhüllen?

Zieh dich für den Job an, den du haben möchtest

Ein Entwurf aus der aktuellen Sommer-Kollektion von Gucci

Ein Entwurf aus der aktuellen Sommer-Kollektion von Gucci

AFP

Das lässt sich an der Berufsgruppe beobachten, für die diese Freiheit schon lange Alltag ist: Immer mehr Selbstständige, die ihre Arbeitszeit meist nur mit ihrem Laptop verbringen, fällt die Decke auf den Kopf. Nicht nur die Sofadecke, sondern gleich die ganze Raumdecke. Die Nachfrage, nach Co-Working-Büros wächst rapide. Waren es 2007 noch 14 mietbare Büros geht man 2020 von 26.000 aus. Im Jahr 2017 haben sich bereits 1,2 Millionen Menschen weltweit einen Schreibtisch gemietet. Nach langer Zeit in Stille und Einsamkeit gibt es wohl doch einen Moment, in dem man nach Austausch, Netzwerk und vielleicht auch nach einem Grund sucht, sich morgens anzuziehen. Und einen entspannten Vorteil haben auch Co-Working-Büros: Losgelöst von Kollegen und Unternehmenskultur muss man hier in Sachen Kleidungsstil keinen Zwängen entsprechen.

Arbeiten ist Gesellschaft. Mode auch. Und letztere hat sogar Einfluss auf den beruflichen Erfolg. Viele Studien beweisen, dass ein Zusammenhang besteht, zwischen dem eigenen Auftreten und dem was man trägt. So geht die psychologische Forschung davon aus, dass Kleidung Gefühle wie Selbst- und Kompetenzbewusstsein beeinflussen, die sich sowohl auf die Stimme als auch auf die Art Entscheidungen zu treffen, übertragen. Während sich formell gekleidete Menschen in Kostüm und Anzug oft stark fühlen, definieren sich solche in Alltagskleidung häufig als freundlich und gelassen. Wer Business-Kleidung trägt, traut sich also mehr zu und wirkt erfolgreicher. Und so ist das Sprichwort: "Zieh dich nicht für den Job an, den du hast, sondern den du haben möchtest" doch nicht ganz unwahr. Wer seine Karriere also pushen will, der trägt künftig besser mindestens eine Krawatte zur Trainingsjacke und die Seidenbluse zum Jogger.

Kendall Jenner Promis Urlaub