VG-Wort Pixel

Berlin Fashion Week Einblicke in die deutsche Modeseele


Perfekt war diese erste deutsche Fashion Week noch lange nicht, dafür aber ein beherzter Versuch, Berlin in den Rang bedeutender Modemetropolen zu hieven. Am Ende waren es die Nachwuchsdesigner, die einen Hauch weiter Designwelt über den Catwalk wehen ließen.
Von Claudia Pientka

Beim ersten Mal drückt man gern noch ein Auge zu: fehlende Prominenz, teilweise drittklassige Designer, überfüllte oder - noch schlimmer - leergefegte Ränge. Nein, bei der ersten Ausgabe einer deutschen Modewoche, der Berlin Fashion Week, lief noch nicht alles rund. Nach einem fulminanten Auftakt schickten Auf und Abs das staunende Publikum durch ein Wechselbad der Gefühle. Die Hauptstadt samt Bürgermeister Klaus Wowereit hatte die Kreativen, Schaulustigen und Neugierigen ans Brandenburger Tor gebeten - doch nicht alle kamen. Wie wenig sich das Großereignis in der Hauptstadt herumgesprochen hatte, sah man an den Taxifahrern, die sich über das verhüllte Wahrzeichen wunderten: Ach? Modewoche in Berlin? Is' ja 'n Ding!

Vom Portal konnten die Hauptstadt-Touristen während der letzten vier Tage nicht viel sehen, denn der überdachte Laufsteg war so angelegt, dass die Models direkt durch das Wahrzeichen liefen. Schade war nur, dass vor lauter Zeltbahnen das Tor selbst auch innen nicht zur Geltung kam. Nur auf wenigen Plätzen konnten die Zuschauer die Besonderheit dieses Catwalks erahnen. Aber die meisten waren sowieso darauf konzentriert, das subtropische Klima wegzufächeln. Viele der Gäste schleppten die von L'Oreal verteilten Pappfächer tapfer von einer Schau zur nächsten, um sich wenigstens ein klitzekleines Bisschen Luft in den engen Reihen zuzuwedeln.

Das nächste Mal ein bisschen mehr Glamour

Die schwülstickige Luft quälte Promis wie gewöhnliches Publikum gleichermaßen, doch dafür durften die VIPs den Models wenigstens aus der ersten Reihe unter die Röcke linsen. Leider hielt sich der Glamour-Faktor jedoch in Grenzen: Bekannte Gesichter waren Veronica Ferres, Daniel Brühl, die hochschwangere Franziska Knuppe, Franziska van Almsick, Sabine Christiansen, Eva Padberg, die No Angels, die ehemalige Chefredakteurin der deutschen Vogue Angelika Blechschmidt, Promi-Fotograf Hubertus zu Hohenlohe. Ein bisschen Hollywood-Glanz strahlten Mischa Barton, Christina Ricci und Rupert Everett bei Boss ab, Michael Michalsky konnte immerhin mit Andie MacDowell aufwarten. Insgesamt war das Promi-Aufgebot aber recht dürftig - da wundert es nicht, dass sich die Fotografen immer wieder auf Verona Pooth stürzten, die mit wechselnden Turmfrisuren bei jeder Show zu sein schien - bei Michalsky sogar in Begleitung ihres Gatten Franjo.

Gar nicht zu sehen waren dagegen große Modekritikerinnen wie Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour, ihre französische Kollegin Carine Roitfeld und Suzy Menkes vom Herald Tribune. Sie blieben ebenso fern wie die deutschen Vorzeigedesigner Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop, und auch Vivienne Westwood, die immerhin ihre Zweitlinie Anglomania in Berlin präsentierte, ward nicht gesichtet. Das große Fehlen mag mehrere Gründe gehabt haben: Zum einen waren die angesetzten elf Schauen ein eher mageres Programm im Vergleich zum engen Stundenplan anderer Schauen.

Zum anderen wirkte auch die Mischung der Designer kurios. Dem professionellen Auftakt von Hugo für Boss folgte ein Tag mit grandiosen Höhen und peinlichen Tiefen. Zeigte Sisi Wasabi am Freitag noch eine recht inspirierte Schau, folgten danach mit Prototype Schumacher und Smeilinener zwei Defileen, die einfach nur deplatziert wirkten. Models mit Arschgeweihen trugen bügelfreies Polyester über den Catwalk und boten Einblicke in die deutsche Modeseele, die besser verborgen geblieben wären. Man sah Zauberer und Harlekins und fragte sich, wie sich der Kreis zur Perfektionistin Gabriele Strehle, die ihre Kleider am Abend zeigte, schließen sollte.

Mode ist keine Selbstverständlichkeit

Größer konnten die Kontraste zwischen den Schauen des Nachmittags und Abends kaum sein. Strenesse und Vivienne Westwoods Anglomania überzeugten nicht nur mit treffsicheren Entwürfen in ihrem je sehr eigenen Stil, hier stimmte einfach alles: Mode, Models, Musik. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, hatten die Zuschauer ja schmerzlich am Nachmittag lernen müssen.

Auch am dritten Schauentag erstaunte die Mischung der geladenen Designer. Am Morgen zeigte Designerin Anett Röstel feenartige Fantasiekleider, dafür hatte sie sich werbeklug zwei von Germany's Next Topmodels, Barbara Meier und Lena Gercke, geholt. Am Nachmittag gab es als Kontrastprogramm die Streetwear-Kollektion von Puma, die mit Liveband eine durchaus unterhaltende Show boten, während am Abend Michael Michalsky das Niveau dann wieder deutlich anhob.

Es geht doch, hätte man rufen wollen, es gibt doch deutsche Designer mit eigenem, speziellem Stil - und die begeistern auch internationale Stars wie Andie MacDowell, die in der ersten Reihe fleißig fotografierte. Die Michalsky-Schau bot alles, was man sich in der Manege des Modezirkus' wünscht: Seidenroben in knalligem Gelb und Türkis, winzige Lederleibchen, die wie die Sado-Maso-Variante eines Sommerkleides aussahen, und perfekt sitzende Bleistifthosen. Die Plätze am Laufsteg waren genauso heiß begehrt wie der Champagner auf der After-Show-Party, der dann leider auch gegen 1 Uhr nachts versiegte. Aber dafür hatte Michalsky es krachen lassen.

Kombinierte Gegensätze

Umso erstaunlicher war dann, dass die Ränge zur Abschlusspräsentation der Fashion Week am Sonntagmorgen doch reichlich gefüllt waren. Die Kaufhaus-Kette Karstadt hatte zur Verleihung des New Generation Awards eingeladen, einem Preis, der Berliner Nachwuchsdesigner fördern soll. Und was die vier nominierten Label Talkingmeanstrouble, Macqua, Lala Berlin und Kaviar Gauche zeigten, stellte nicht nur viele der etablierten Designer der Vortage in den Schatten, sondern zeigte auch den Stil der Stadt Berlin: schick, aber nicht aufgebrezelt. Originell, aber nicht übertrieben. Hochwertig, aber nicht langweilig. Wollte man aus diesen vier Kollektionen Trends rauslesen, so wären es sicher die Kombinationen aus gedeckten Farben wie Grau, Beige und Nude mit knalligen Akzenten in pink, orange, gelb und aquamarin. Die Röcke - und immer wieder Shorts - waren superkurz, die Kleider meist bodenlang - dazwischen endete kein Saum.

Den Preis gewonnen hat schließlich das Designduo Kaviar Gauche. Nun dürfen Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler eine Kollektion entwerfen, die in ausgewählten Karstadt-Filialen vertrieben wird. Eine gute Chance bekannter zu werden - wenn auch die Paarung von Berliner In-Marke mit Karstadt noch gewöhnungsbedürftig erscheint. Aber wie sagte Wowereit dann so schön am Ende der Schauen: "Berlin ist nicht Mailand, Paris oder London. Aber wir fangen ja grade erst an - und das ist auch gut so!"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker