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Design: Deutsche auf der Überholspur

Was kann Deutschland richtig gut? Autos bauen, werden viele sagen, aber ganz bestimmt denkt niemand an Design. Dabei sind deutsche Designer international auf der Überholspur.

Ihre Mode hängt in Paris neben Gucci und Prada, ihre Grafiken zieren das Londoner Trend-Magazin "Wallpaper": Junge Designer aus Deutschland sind auf der Überholspur. Und anders als ihre großen deutschen Kollegen Karl Lagerfeld oder Wolfgang Joop agieren sie nicht von Paris oder New York aus, sondern aus der deutschen Hauptstadt Berlin. Und bis zum 16. Mai kann Berlin in einem Atemzug mit der Designermetropole Mailand genannt werden. Denn so lange präsentieren Nachwuchsdesigner aus aller Welt dort ihr Objekte beim internationalen Designfestival "Designmai". Im Mittelpunkt stehen die Ausstellungen "Jung+Deutsch" und "Youngsters", die vor allem den deutschen Nachwuchsdesignern gewidmet sind.

Mehr als 100 Ausstellungen, Festen und Gesprächsforen bieten Einblicke in die internationale Designszene der Gegenwart. Rund 500 Designer aus etwa 35 Ländern sind in diesem Jahr angereist. Das Zentrum des Geschehens ist ein aufwändig sanierter Gewerberaumkomplex in Mitte, die "Edison-Höfe". Noch schicker als die Räume selbst präsentieren sich die Ausstellungsstücke. In zwei großen Sälen sind sie in ein Geäst aus neongelben Gerüststangen montiert.

Befreiungsschlag der Deutschen

Und befragt man einen Designer vor Ort, so ist dort etwas von Aufbruchstimmung zu spüren. "Wir erleben zur Zeit einen echten Befreiungsschlag, einen Neuanfang", sagt Modedesignerin Zerlina von dem Bussche, die in "Jung+Deutsch" Teile der Sommerkollektion des Labels "Sisi Wasabi" zeigt, das sie zusammen mit ihrer Kollegin Carolin Sinemus kreiert hat. Die Kollektion ist eine Anspielung auf die österreichische Kaiserin Sisi und vermischt Trachten mit Streetwear- Elementen: Hotpants im Lederhosen-Schnitt, ein schwarzer Pulli mit Hirschgeweih. "Wir sind die erste Generation in Deutschland, die sagen kann, dass unsere Kultur Schlimmes, aber auch Schönes hervor gebracht hat", sagt die 25-jährige von dem Bussche. Zuvor sei es nicht möglich gewesen, Deutsches international zu vermarkten. Heute wird Mode von "Sisi Wasabi" in acht Ländern verkauft.

Unter den ausgestellten Kreativen finden sich viele, die noch vor wenigen Jahren an ihren Projekten bastelten, ohne dabei Geld zu verdienen. Heute sind die meisten von ihnen etabliert - so etwa die Architekten von Realities United, die nach ihrer Medienfassade für das Kunsthaus in Graz weitere Großaufträge erhielten: Ein Bürohaus am Potsdamer Platz statten sie derzeit mit einem gewaltigen Bildschirm aus – auch er wird eine kristalline Form haben. Doch auch diejenigen Gestalter, die heute noch Berlin-typisch ohne viel Geld aber mit viel Lust am Experiment und an der Utopie arbeiten, sind auf dem Designmai vertreten. In der am Treptower Spreeufer gelegenen Kunstfabrik dürfen die "Designmai Youngsters" ihre Entwürfe präsentieren. Es ist eine international zusammengewürfelte Gruppe, die in den ehemaligen Fabrikhallen zur Decke hochziehbare Betten und Altkleiderteppiche zeigt – und abends ausgelassen feiert. Hier herrscht jene Laborstimmung, wie man sie auch in den über die ganze Stadt verteilten Lädenwiederfindet, in die sich junge Gestalter eingemietet haben.

Kuratorin Britt Angelis sagt, die Formsprache junger deutscher Designer sei heute sehr stark vom Entwerfen am Computer geprägt, von neuen Materialien und innovativen Herstellungsprozessen. Noch vor zehn Jahren seien Designer stärker auf die Entwicklungsprozesse großer Firmen angewiesen gewesen, in deren Auftrag sie arbeiteten. Andererseits bilde die Auseinandersetzung mit der Frage nach der deutschen Identität ein Spannungsfeld, das den Erfolg und die Qualität des deutschen Design-Nachwuchses ausmache.

"Berlin ist sehr inspirierend"

Für Jung-Designerin von dem Bussche ist zudem der Standort Berlin entscheidend für den aktuellen Erfolg des deutschen Design-Nachwuchses: "Berlin ist sehr inspirierend und hat in der internationalen Modeszene einen guten Namen." Während beispielsweise London eine geradlinige und etablierte Stimmung präge, sei die deutsche Hauptstadt ein Begriff für Neues geworden.

Einen Erfolg können die Aussteller jedenfalls schon für sich verbuchen: Die Ausstellung wird zum Exportartikel, denn ab Oktober ist sie in Tokio zu sehen. Und wer weiß, vielleicht wird dort Berlin bald in einem Atemzug mit Mailand, Paris und New York genannt werden.

Jens Maier