Design Wo entstehen die Klassiker von morgen?


Deutschland hatte Bauhaus und die Ulmer Schule. Und jetzt? Haben wir Konstantin Grcic, der von einem Münchner Innenhof aus die Designwelt verändert.

Sieht so ein Designstar aus? Seine Brille ist ein englisches Kassengestell und hat ein Pfund gekostet. Seine Kleidung: was Dunkles, das halt gerade sauber war. Und selbst sein Name ist so spartanisch, als hätte er alle Buchstaben weggeschmissen, die nicht un-bedingt nötig waren. Konstantin Grcic (gesprochen: Grtschitsch) gilt als der zurzeit erfolgreichste deutsche Designer - mit Auftraggebern von Italien bis Japan und einem Portfolio vom Waffeleisen bis zum Sofa. In seinem fast mönchischen Auftreten kann er kaum weiter entfernt sein von Klamauk-Koryphäen wie Philippe Starck und Karim Rashid. Wenn man den 41-Jährigen in seinem Hinterhofatelier unweit des Münchner Hauptbahnhofs beobachtet, denkt man: Der ist wie seine Entwürfe - knochig und konzentriert, klug und völlig unvorhersehbar.

In diesem Hof hat sich eine Kaderschmiede des deutschen Designs gebildet: Seit 15 Jahren betreibt Grcic schon seine Firma KGID (Konstantin Grcic Industrial Design), und sowohl die Anzahl der Jungdesigner, die von hier aus ihre Karriere starteten, wie auch die Reihe der Produkte, die hier entstanden sind, wirken beeindruckend.

Etwa das Sofa "Chaos": auf den ersten Blick eine Zumutung. Keine tiefergelegten Kissen zum Abschlaffen, sondern eine prismatische Abstraktion mit ungewohnt knapper Sitzfläche. Oder Grcics Bestseller, die Leuchte "Mayday": Inspiriert von funktionalen Werkstattlampen, die man dahin trägt, wo man gerade Licht braucht. Ein Lichtkegel am Griff, ein Haken zum Aufhängen, ein fünf Meter langes Kabel, der Schirm gleichzeitig Standfuß, das Ganze für 50 Euro. So praktisch und schön, dass sie in die ständige Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen wurde, der Ritterschlag für jedes Designprodukt. Paola Antonelli, Kuratorin am MoMA, schickt noch ein paar lobende Worte hinterher: "Konstantin Grcic ist ein wirklich sonderbarer Designer. Seine Entwürfe wirken oft einfach, aber sie sind nie banal, nie einseitig. Mir gefällt, dass er die vielen Leben eines Gegenstands wie in einem Stillleben konzentriert."

Wenn Grcic einen Stil hat, dann besteht dieser vor allem in seiner hartnäckigen Weigerung, so etwas wie einen Wiedererkennungswert zu produzieren, der jedes Produkt als "typisch Grcic" vermarktbar machen würde. Eben noch schien er tief in seiner kantigen Phase zu stecken, zurzeit faszinieren ihn weiche Formen. Gerade hat er für den italienischen Hersteller Magis einen doppelwandigen Kunststoffstuhl entwickelt, der mit der gleichen Technik geblasen wird wie PET-Flaschen.

Gemeinsam ist seinen Entwürfen, dass in allen detailbesessene Geduldsarbeit steckt und die Lust, ein Material bis zum Letzten auszureizen. An seinem skelettartigen Stuhl "Chair_One", bei dem erstmals die Aluminiumdruckgusstechnik der Autoindustrie genutzt wurde, hat er drei Jahre gearbeitet. Denn was Grcic interessiert, ist vor allem die technische Umsetzbarkeit. Ein Stuhl kann noch so schön sein - wenn der Herstellungsprozess nicht mindestens genauso schön ist, taugt er für ihn nichts. Grcic designt die Mach- und Finanzierbarkeit immer gleich mit, er arbeitet "verantwortungsbewusst", wie er sagt. Klassische deutsche Ingenieurstugend? "Danke", sagt er lächelnd, "das betrachte ich als Kompliment." Und deshalb frickelt er an einem Edelstahl-Kuli für Lamy mindestens so lange herum wie an einem Sofa für Classicon.

Wie uneitel Grcic mit seiner Arbeit umgeht, zeigt auch der Umstand, dass er am liebsten in der Wir-Form spricht: "Es gibt immer die Ungewissheit: Haben wir eine Idee oder nicht? Das ist trotz unserer Erfahrung nie kalkulierbar." In seinem Büro schaffen vier Assistenten und eine Praktikantin, eine Art United Nations von Jungdesignern aus Kanada, Israel, Tunesien, Frankreich und Deutschland. Für jedes Projekt - das Büro arbeitet gleichzeitig immer an 10 bis 20 Aufträgen in unterschiedlichen Stadien - wählt sich Grcic einen anderen Sparringspartner, wie er das nennt, einen Kollaborateur, der einen Entwurf von der ersten Idee bis zur Präsentation beim Kunden gemeinsam mit ihm durchläuft. Für den Nachwuchs ist das eine unschätzbare Erfahrung: "Man lernt von ihm, jede Idee einem gnadenlosen Test zu unterziehen und sich der Lösung langsam anzunähern. Eine Idee ist nie heilig", sagt sein ehemaliger Mitarbeiter Clemens Weisshaar, der sich ebenso wie Stefan Diez inzwischen mit einem eigenen Büro selbstständig gemacht hat.

Weisshaar und Diez gelten als die derzeit meistbeachteten Jungstars der Branche; ein weiterer Grcic-Schüler, Ascan Mergenthaler, ist Partner im Architekturbüro Herzog & de Meuron. Nachdem das deutsche Design früher traditionell stets institutionalisiert war, ob im Bauhaus oder der Ulmer Hochschule, entstehen Einflusslinien und Denkschulen heute eher informell während der Lehr- und Wanderjahre der Jungdesigner. Und das Atelier von Grcic hat sich in Deutschland als eine der ganz wichtigen Stationen etabliert.

Aufnahmebedingung für seine Schüler ist das, was Grcic "Haltung" nennt, große Disziplin und eine gewisse Demut, die auch aus einer Handwerkslehre resultiert. Grcic selbst sagt, dass ihn seine Schreinerlehre in England vor einer zu verkopften deutschen Herangehensweise an Design gerettet hat. "Die Engländer sind Bastler und Erfinder", dort hat er gelernt, mit den Händen zu denken. Bis heute misstraut er dem Computer und baut lieber Modelle.

Konstantin Grcic ist kein Selbstverwirklicher. Er liebt die Beschränkungen, die ihm ein Auftrag auferlegt, das Pingpongspiel mit den Herstellern, "das brauche ich dringend für meine Kreativität". Derzeit arbeitet er an einem Holzstuhl für industrielle Massenproduktion, eine weitere Premiere für ihn. "Man muss sich immer wieder irgendwohin wagen, wo man sich nicht auskennt." Wie weit ist er? Er zuckt die Achseln. "Man weiß nicht, wo man mit einer Idee landet." Die Museen sollten ruhig schon mal einen Platz freiräumen.

Meike Winnemuth print

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