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Designer Gadgets: Labels fürs Leben

Eine Angel von Chanel, ein Adapter von Prada oder lieber gleich einen einen Helikopter von Hermès? Immer mehr Designer gehen fremd und entwerfen neben Mode und Accessoires auch gebrandete Lifestyle-Produkte. Aber was soll die artfremde Designwut?

Von Kerstin Teuber

Prêt-à-porter, Zweitlinie, Herrenkollektion, Parfums, Accessoires - es gibt kaum ein modisches Feld, das Roberto Cavalli nicht beackert. Zeit in andere Bereiche zu expandieren, muss sich der Designer gedacht haben und ist unter die Winzer gegangen. Cavalli kann man sich nun nicht nur in den Schrank hängen, sondern als Cavalli Selection auch seinen Gästen servieren. Der Rotwein ist auf 3000 Flaschen limitiert und wird inklusive Kristallgläsern und Korkenzieher geliefert. Der Preis des Wohlfühlpakets? Satte 700 Euro.

Traubensaft von Cavalli

Signor Cavalli ist aber längst nicht der Einzige, der das Potenzial von Lifestyle Produkten entdeckt hat. Etliche Designer vertreiben neuerdings gebrandete Gebrauchsgegenstände, vom Anglerset bis zum Kontaktlinsendöschen. Was allen Gimmicks gemein ist: Der markenaffine Kunde bezahlt ein Vermögen für sie. Dabei gehört Cavallis hochkarätiger Traubensaft noch zu den gewöhnlicheren Lifestyle-Produkten. Immerhin wartet Hermès mit einer Gartenausrüstung auf, Prada verkauft Multifunktionsadapter und Reise-Golfsets, Chanel hat für die nächste Saison eine Gitarre nebst abgesteppter Tasche im Programm.

Will man den französischen Modehäusern Chanel, Louis Vuitton und Hermès Glauben schenken, dann haben sich die Designer nur ein wenig von der eigenen Firmengeschichte inspirieren lassen. So war Coco Chanel eine passionierte Anglerin und soll binnen zweier Monate 50 Lachse an Land gezogen haben. So jedenfalls schrieb es Winston Churchhill, verblüffter Angelpartner von Mademoiselle Chanel, in einem Brief. Niemand geringerer als der Duke of Westminster soll die Modemacherin damals für den Fischfang begeistert haben. Nun hat sich auch Karl Lagerfeld, aktueller Chefdesigner im Hause Chanel, des liebsten Hobbys seiner Vorgängerin erinnert und als Hommage an sie eine Angel für die Herbst/Winter-Kollektion 2009 entworfen. Eigentlich sogar ein ganzes Angelset mit Rute, Spule, Haken und kleinen Fliegen-Ködern. Wie viele Chanel-Kundinnen auch leidenschaftliche Anglerinnen sind. ist ebenso wenig überliefert wie die Anzahl der verkauften Stücke. Immerhin kostet das Jagdgerät 11000 Euro. Was Lagerfeld zur Gitarre, Chanels Lifestyle Piece für den Sommer 2009, inspiriert, ist noch nicht überliefert.

Zurück zu den Wurzeln

Auch die Konkurrenz bei Hermès besinnt sich auf ihre Wurzeln: Die "Arte de Vivre"-Kollektion gibt es bereits seit der Gründung des Hauses im Jahre 1837. Und da die Hermès Kundin der Belle Epoque Gärtnern, Jagen und Wandern zu ihren liebsten Hobbys zählte - und es auch noch keine Kelly oder Birkin Bags gab, mit denen sie sich hätte profilieren können - spielte die Wahl der richtigen Ausstattung eine wesentliche Rolle für ihre Stellung auf dem gesellschaftlichen Parkett. Das Haus Hermès fühlt sich dieser Tradition verpflichtet und entwirft deshalb bis heute Pilzkörbchen, Gartenschaufeln und Schürzen. Der Hermes Kunde des 21. Jahrhunderts indes zählt wohl Fliegen zu seinen liebsten Freizeitaktivitäten. Warum sonst sollte Hermès auch einen Hubschrauber im Sortiment haben?

Bei Louis Vuitton dagegen hat man sich auf kleine Spielereien spezialisiert. Ob Crocket, Mah Jong oder Federball, dem gehobenen Zeitvertrieb sind kaum Grenzen gesetzt. Ab 2011 kann der geneigte Louis-Vuitton-Kunde sogar in zu einer eigenen Pilgerstätte reisen: ein Vuitton Museum, entworfen von Star Architekt Frank Gehry.

Die Preise für diese Lebenskunst erhält man meist nur auf Anfrage. Andere Zahlen, beispielsweise die produzierte Stückzahl mancher Utensilien, erhält man gar nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass außer Karl Lagerfeld und den geladenen Gästen seiner Herbst/Winter Show jemals ein Mensch die Angel von Chanel gesehen, geschweige denn gekauft hat, ist dementsprechend gering. Warum also der ganze Kult um den noblen Kitsch? Weil es eine wirkungsvolle Art ist, den eigenen Namen im Gespräch zu halten. Bei wachsender Konkurrenz und fallenden Kursen bleibt eine Angel länger im Gedächtnis als eine hübsche Tasche. Subtiles Marketing, mindestens so effizient wie Werbung in Hochglanzmagazinen.

Understatement? Fehlanzeige

Sicherlich werden einige dieser Gadgets auch an Kunden verkauft: Ein Universaladapter von Prada wirkt bei einem vielreisenden Vorstandsvorsitzenden zweifelsohne repräsentativer als der für fünf Euro aus dem Baumarkt. Vermutlich war es auch ein arabischer Ölscheich, der sich einen der vier jährlich maßgefertigten Helikopter von Hermès gesichert hat. Und die ein oder andere Vorstandsgattin gärtnert bestimmt mit Handschuhen und Schäufelchen von Hermès. Warum? Sie möchte auffallen. Ihre Nachbarn sollen sehen, dass sie sich ein Gartenset von Hermès gekauft hat. Understatement ist hier Fehlanzeige.

Und Signor Cavalli? Der scheint einen anderen Beweggrund für sein Engagement außerhalb der Modewelt zu haben. Denn für die Herstellung des Weines ist sein Sohn Tommaso verantwortlich. Und damit hat Cavalli Senior auch eine Möglichkeit gefunden, den Nachwuchs ins Unternehmen einzubinden. Nur eines ließ der Meister sich nicht nehmen: das Design der Flasche. Der edle Tropfen kommt, wie sollte es anders sein, in einer Seidenbox mit Leopardenmuster.