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FKK-Lifestyle: Die neuen Nackten

Nacktsein ist nicht ohne: Neben Sonnenbrand und Erkältung droht sogar eine Freiheitsstrafe - zumindest wenn man es in der Öffentlichkeit betreibt. Dennoch boomen Nacktsportangebote. Ein neuer Lifestyletrend breitet sich aus - und Deutschland macht begeistert mit.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Stell dir vor, du bist nackt, und keiner schaut hin. Das wäre natürlich blöd für solche, die sich extra die Klamotten vom Leib reißen, weil sie aller Welt sagen wollen: "Leute hört mal her, wir sind dagegen." Nacktproteste sind immer wieder mal dran, sei es gegen Atommüll, gegen Umweltverschmutzung oder Globalisierung. Die erhoffte Aufmerksamkeit ist garantiert. Für einen Skandal reicht es natürlich längst nicht mehr. Auch sonst ist praktiziertes Nacktsein nicht das, was es mal war. Die Ideologien, mit denen einst die Naturisten an den Start gingen, spielen immer weniger eine Rolle - den FKK-Vereinen rennen die Mitglieder davon. Stattdessen boomen Nacktsportangebote und Nacktreisen. Ein neuer Lifestyletrend, der begeistert. Rund 800.000 Menschen machen in Deutschland mit.

Nachfrage nach Nacktheit

Thomas Luhmann beispielsweise bietet erfolgreich Nacktyoga-Seminare an. Der Trainer ist amit deutschlandweit ein Pionier. In den USA ist Nacktyoga längst keine Neuheit mehr, Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow sind begeisterte Anhängerinnen. "Es gibt eine größere Nachfrage nach Nacktheit", sagt Luhmann. "Bei allen Nacktsportangeboten handelt es sich allerdings um Lifestyle und nicht um eine Gegenbewegung." Beispiel DDR: "Dort war Freikörperkultur eine Gegenbewegung des Privatlebens gegenüber einer massiven Staatlichkeit. Das ist heute nicht mehr der Fall." Die meisten, die sich zu den Nacktyogaseminaren anmelden würden, hätten keine FKK-Erfahrung. "Nacktyoga hat vor allem etwas damit zu tun, dass man sich und seinen Körper annimmt. Und zwar mit all seinen Unvollkommenheiten", erklärt Luhmann. "Falten und Kilos sind egal."

Hüllenlose Sportler schießen auch anderswo wie Unkraut aus dem Boden. Über Nachwuchs muss man sich also momentan ebenso wenig sorgen wie Angelina Jolie und Brad Pitt. Nächstes Beispiel: Nacktradeln. Raus aus den Textilien und rauf auf den Fahrradsattel - mit nichts weiter auf dem Leib als Sportschuhen und Kopfbedeckung geht es los. Seit 2005 organisiert beispielsweise der 53-jährige Alex Nackt-Radtouren entlang der Isar. "Die Nachfrage ist unbedingt da", sagt Alex. Und beschreibt die Teilnehmer so: "Es handelt sich um freie Menschen, die ihren Körper nicht mit Kleidung drangsalieren, sondern uneingeschränkte Freuden in der freien Natur erleben wollen." Eine Bewegung zurück zu den Wurzeln: "Wie die alten Griechen eben auch." Auch Nacktrudern und Nacktkegeln gehören inzwischen zum Angebot.

Freiheitsstrafe für Freikörperkultur

Doch bei aller Liebe zur Nacktheit und Spaß am neuen Trend: wer sich im Adamskostüm durch die Öffentlichkeit bewegt, ist gut beraten, wenn er nicht gerade Hauptstraßen und Wohnsiedlungen passiert. Auch Alex achtet bei der Auswahl seiner Routen strikt darauf. Denn Nacktsein auf öffentlichen Straßen und Plätzen ist laut Paragraph 138 eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe geahndet wird. Allerdings nur "auf Antrag", also dann, wenn sich einer von den Nackedeis gestört fühlen sollte. Offiziell ist Nacktradeln in Deutschland selbst am Weltnacktradeltag (World Naked Bike Ride, WNBR) im Juni wegen "Belästigung der Allgemeinheit" nicht erlaubt.

Auch Nacktwanderer können deshalb ihrer Lust nicht frei nach Laune frönen. Sie nutzen zur Ausübung ihrer textilfreien Sportleidenschaft wenig begangene Strecken, wie beispielsweise entlegene Wald- und Feldwege. Doch nicht jeder hält sich so zurück. Ein hartnäckiger Nacktwanderer aus dem Fränkischen Seenland sitzt derzeit in Nürnberg im Knast. Er wurde hüllenlos beim Klettern in der Sächsischen Schweiz ertappt. Die zehntägige Beugehaft verbringt er übrigens, und da lässt er sich beirren, nackt. Nacktwandern ist nicht neu auf dem Markt der Nacktsportarten. Es kam mit der Freikörperkultur im frühen 20. Jahrhundert auf. Naturistische Wanderungen finden seit einigen Jahren vor allem in der Eifel, im Spessart, im Rothaargebirge, im Umland von Berlin und München, in Kärnten und in den Schweizer Alpen statt.

FKK ohne Klassenunterschiede?

Die häufigste Form des Nacktsports ist das Schwimmen. Übrigens, selbst in den USA wird Nacktbaden mehr toleriert, als man üblicherweise denkt. Es gibt Strände, an denen hüllenloses Baden ausdrücklich erlaubt ist, so genannte "clothing optional beaches". Unter Nakedeis besonders beliebt sind auch Strandsportarten wie Beach Volleyball, Softball, Frisbee und Badminton. Auch Reiten und Golfen wird für Nacktsportler angeboten. Die besonders Robusten, die nicht gleich bei jedem kleinen Luftzug einen Husten kriegen, können sich im Skigebiet Dachstein/Krippenstein austoben. Dort wird auf 1740 Metern Höhe eine vier Kilometer lange FKK-Loipe angeboten. Allerdings nur von Mitte März bis Ende April, damit die Angelegenheit nicht ganz so frostig ist.

Wer auch im Urlaub keine Lust hat auf schweißnasse Hemden und Klamotten, die drücken, der findet bei seinem Reiseveranstalter garantiert entsprechende Angebote. Beispielsweise textilfreie Safaris, Segeltörns und Kreuzfahrten. "Nackt unter der Sonne Afrikas Zebras streicheln", heißen die Versprechen. Oder: "Dem Nudismus in der Karibik frönen." Einzige Einschränkung bei Kreuzfahrten: beim Gala-Cocktail-Empfang des Kapitäns muss Kleidung getragen werden. Weltweit warten hunderte FKK-Hotels auf ihre hüllenlosen Gäste, die Ziele werden immer exotischer. Ob Reisen, ob Sport, wer sich in der Freizeit entblößt, ist kein seltsamer Einzelgänger. "Es gibt einen wieder erstarkten Trend zum Nudismus", bestätigt auch der Freizeitforscher Peter Zellmann. Zurück zur Natur - nicht nur bei der Ernährung. Auch ein Aspekt: "Im Nacktsein gibt es keine Klassenunterschiede." Wenngleich übrigens manche Nacktabenteuer wohl doch zu gewagt sind. Der ostdeutsche Unternehmer Enrico Heß sagte seinen für Juli geplanten FKK-Flug von Erfurt zur Insel Usedom ab. Die Nacktreise war sofort ausverkauft, die Fluggesellschaft meldete dann aber doch moralische Bedenken an.

Schwere Zeiten für FKK-Vereine

Kein Wunder, findet Michaela Toepper, Vizepräsidentin des Deutschen Verbandes für Freikörperkultur (DFK). "Nacktflüge sind Blödsinn", sagt die überzeugte Naturistin. "Da steckt keine Philosophie dahinter. Es geht nur darum, auf sich aufmerksam zu machen." Von derlei Aktivitäten würde sich der DFK distanzieren, da es dem Image der Naturisten schaden würde. "Nacktheit ist keine Provokation. Die Mehrzahl der Naturisten mag es diskret", sagt Toepper. "Mit dem Ablegen der Kleidung tragen wir Verantwortung." FKK-Vereine würden den geschützten Rahmen bieten, den sich viele wünschen, wenn sie ihre Hüllen fallen lassen. 1898 gründeten deutsche Freikörper-Fans deshalb in Essen ihren ersten Verein. Weltweit gibt es 250.000 organisierte Nudisten, davon in Deutschland 40.000, zuzüglich der eigenständigen Jugend, die 10.000 Mitglieder zählt.

Es waren allerdings schon einmal mehr. Der Mitgliederschwund setzte Anfang der 70er Jahre ein. Neuzugänge sind schwer zu finden. "Das geht doch jedem Verein so, das liegt nicht an FKK", sagt Toepper. Michael Scheuch, der über die Kulturgeschichte des Nacktseins ein Buch geschrieben hat, begründet das anders: "Die FKK Vereine waren eine abgeschlossene Welt, in die man nur mit Ausweis kam. Nacktsein beschränkte sich auf das Vereinsgelände, außerhalb kam sofort die Polizei." Dadurch, dass die Gesellschaft toleranter geworden sei, könne Nacktheit auch außerhalb von Vereinen stattfinden. "Das raubt den FKK-Vereinen ihre Bedeutung."

Inzwischen gibt es neue Schwerpunkte. Seit 1970 begann die organisierte Freikörperkultur ihre Struktur in Richtung FKK Sportverein und -verband zu verändern. Immer noch gilt zwar die Philosophie der FKK-ler: "Naturismus ist eine Lebensart in Harmonie mit der Natur. Sie kommt zum Ausdruck in der gemeinschaftlichen Nacktheit, verbunden mit Selbstachtung sowie Respektierung der Andersdenkenden und der Umwelt." Doch Sport steht auch hier im Fokus: Ringtennis, Schwimmen oder Volleyball. Eine Entwicklung, die die Naturisten allerdings in zwei Lager spaltet. "Einige Vereine sagen nein zur sportlichen Ausrichtung", sagt Michaela Toepper. Scheint, als wäre Nacktsein noch nie so schwierig wie heute.

  • Sylvie-Sophie Schindler