HOME

"Global Change Award"-Sieger: Wie zwei Deutsche versuchen, die gesamte Modewelt nachhaltiger zu machen

In acht von zehn Fällen werden Kleidungsstücke entsorgt oder verbrannt, ohne wiederverwendet zu werden. Ina Budde und Mario Malzacher haben mit ihrem Unternehmen circular.fashion die Vision, genau das zu ändern.

Mario Malzacher und Ina Budde von circular.fashion

Mario Malzacher und Ina Budde, Gründer von circular.fashion

Ina Budde hat in Hamburg Modedesign studiert. Aber anders als viele ihrer Kommilitonen wollte die 30-Jährige nie in die klassische Modeindustrie. Also absolvierte sie noch ein Studium: "Sustainability (Nachhaltigkeit) in Fashion" in Berlin. Schon in ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich damit, wie die Modeindustrie kreislauffähig werden kann. Zusammen mit Produktentwickler Mario Malzacher, der sich auch in der Branche engagierte und bereits ein Start-up aufgebaut hatte, gründete sie später das Unternehmen circular.fashion und versucht seither die Modeindustrie nachhaltiger zu machen. Gerade erst haben sie mit dem Projekt den Global Change Award gewonnen. Dieser wird von H&M ausgerichtet und ehrt Ideen, die zur Nachhaltigkeit in der Mode beitragen. 

Und das ist bitter nötig. Denn: In acht von zehn Fällen werden Kleidungsstücke einfach entsorgt, ohne dass sie wiederverwendet oder recycelt werden. Kürzlich machte Burberry damit Schlagzeilen, dass Kleidung im Wert von über 30 Millionen Euro pro Jahr einfach vernichtet werde. Man wolle sie nicht günstig verkaufen, da sonst das Ansehen der Marke Schaden nehmen könne, hieß es. Ina Budde, Mario Malzacher und ihr Team wollen diese Ressourcenverschwendung herunterfahren und im besten Fall beenden.

circular.fashion möchte die Modeindustrie nachhaltiger machen

Ina Budde und Mario Malzacher gründeten daher vor zwei Jahren ihr Unternehmen, um die Kreislaufwirtschaft für Textilien zu beschleunigen. Die Sieger-Idee des circular.fashion-Systems basiert auf speziellen digitalen Designtools mit zentralen Informationen, die Unternehmen künftig nutzen können, um recyclingfähige Produkte zu entwickeln. Unternehmen können ihre Kleidung mit der sogenannten circularity.ID ausstatten und dafür sorgen, dass die Kleidung langlebiger wird und länger im Warenkreislauf bleibt. 

Mario Malzacher sagt dem stern dazu: "Heute werden weltweit über 100 Milliarden Kleidungsstücke jedes Jahr produziert. Von diesen Massen an verwendeten Ressourcen enden etwa 87 Prozent in Deponien oder werden verbrannt. Dagegen werden weniger als ein Prozent der verwendeten Materialien wieder für neue Kleider eingesetzt. Um diesen Anteil drastisch zu steigern, sehen wir den Bedarf drei Herausforderungen zu lösen." 

Mario Malzacher: "Wir müssen drei große Herausforderungen lösen"

Eine davon liegt darin, Modefirmen darauf aufmerksam zu machen, dass alle Bestandteile eines Kleidungsstücks auch von Recyclern verarbeitet werden können. "Dafür haben wir unsere Circular Design Software entwickelt. Diese Software macht es Modefirmen leicht kreislauffähige Kleider herzustellen. Beispielsweise finden sie in einer Materialdatenbank hunderte von Stoffen, Garne, Knöpfe, usw., die wir alle geprüft haben, ob sie von Recyclern verarbeitet werden können", erklärt Mario Malzacher.

Außerdem müsse man als Konsument wissen, was man mit dem Hemd nach Gebrauch machen könne. "Dafür integrieren wir eine sogenannte circularity.ID in das Kleidungsstück. Auf der damit verlinkten digitalen Produktseite zeigen wir dem Konsumenten, wie das Hemd durch verschiedene Strategien wie Reparatur oder Neufärbung wieder interessant gemacht und selbst oder von anderen noch weiter getragen werden kann", erklärt der 32-Jährige. Sollte dies nicht mehr möglich sein, könne man die nächsten Möglichkeiten zur Rückgabe, wie etwa den Weg zum nächsten Kleidercontainer, in Betracht ziehen.

Ina Budde und Mario Malzacher bekamen Unterstützung von Modefirmen

Wird dieses Hemd über einen Laden oder Kleidercontainer zurückgegeben, wird es in den meisten Fällen zu einem Sortierwerk gefahren. Dieses entscheidet, was als nächstes mit dem Kleidungsstück passiert. "Leider haben diese Sortierer heute praktisch keine Informationen darüber, was in dem Hemd eigentlich drin steckt. Entsprechend können sie auch nur eine sehr grobe Zuordnung machen, welches der richtige Recycler sein könnte. Neue innovative Recycler, die die Fasern in gleicher Qualität zurückgewinnen können, können sie so gar nicht bedienen. Deshalb entwickeln wir intelligente Sortierarbeitsplätze, an denen mit einem Scanner die circularity.ID im Kleidungsstück ausgelesen und dann automatisch berechnet wird, was die passenden Recycler für unser Hemd wären", erklärt Mario Malzacher die Idee. "Durch diese drei Schritte ermöglich wir, dass die Produkte von heute unsere Ressourcen von morgen sind."

Für die Entwicklung der entsprechenden Software habe das Unternehmen Unterstützung von Modefirmen bekommen, die diese immer wieder getestet und Feedback gegeben haben, sagt der Mitbegründer von circular.fashion weiter. "Für diesen Sommer planen wir eine etwas größere Pilotphase, für die sich interessierte Modemarken noch anmelden können. Für Ende dieses Jahres möchten wir die Software dann auf den Markt bringen."

circularity.ID

Die sogenannte circularity.ID soll Modefirmen und Konsumenten zu mehr Nachhaltigkeit anstoßen

Das haben die Gründer für die Zukunft geplant

"Für die Zukunft wünschen wir uns, dass es einen durchgängigen Informationsfluss über die Produkte vom Materialhersteller bis zum Recycler gibt. Damit diese Information zugänglich gemacht werden können, arbeiten wir mit Partnern an einem Standard, damit die nötigen Informationen für die betroffenen Partien zugänglich gemacht werden können", erklärt der Gründer die nächsten Ziele.

Der Gewinn des "Global Change Awards" sei ein guter Anfang, um mehr Aufmerksamkeit für die Vision von circular.fashion zu bekommen. Das ist aber erst der Anfang, sagt Mario Malzacher: "Wir haben schon viel geschafft, aber noch viel mehr vor. Deshalb läuft gerade eine Crowdfunding-Kampagne, die uns helfen soll, die Entwicklung zu beschleunigen. Über jede Unterstützung freuen wir uns."

Verwendete Quellen: "Creative City Berlin" / Fashion Week Berlin

https://www.instagram.com/heylilahey/


Themen in diesem Artikel