HOME

Jack Wolfskin: Der Wolfsmensch

Er mag Che Guevara und die Wildnis, doch er hat auch nichts gegen Finanzheuschrecken und Managergehalt: Auf unorthodoxe Weise hat Manfred Hell das Outdoor-Unternehmen Jack Wolfskin an Europas Spitze geführt.

Von Christine Mortag

Früher, so um 1980, sah Manfred Hell aus wie Che Guevara: Rauschebart, rabenschwarze lange Haare, Rebellion im Blick. Er wurde sogar mal verhaftet, als er sechs Monate quer durch Amerika trampte und auf der Straße schlief. Oder im Zelt. Oder irgendwo. Heute ist der Bart ab, die halblangen Haare sind mittlerweile silbergrau, und auf seinem Schreibtisch im hessischen Idstein steht die kubanische Flagge. Daneben ein Schild mit der Aufschrift "El Comandante". Hells Outfit: Wanderschuhe, Jeans, schwarze Fleecejacke. Am Handgelenk ein paar olle Lederarmbänder, um den Hals baumelt eine Silberkette mit Anhängern.

Die Zahlen stimmen

So läuft der 52-Jährige immer herum. Auch bei wichtigen Gesprächen mit Anzugträgern. Die halten ihn deswegen schon mal für den Hausmeister. "Da kriege ich dann zu hören: Der ist ja'n Betriebsunfall, der Typ!", sagt Manfred Hell. Er kann es sich leisten, in Kleidungsfragen keine Kompromisse einzugehen: Hell ist der Chef von Jack Wolfskin und hat aus dem ehemals kleinen Bergsportausrüster den Marktführer in Europa für Outdoor-Bekleidung gemacht.

Passend zum Produktprogramm marschiert das Unternehmen steil nach oben: In den vergangenen vier Jahren haben sich die Umsätze verdoppelt, 2007 lagen sie bei 156 Millionen Euro. "In diesem Jahr werden wir wohl 200 Millionen Euro schaffen", sagt Hell.

Der Weg in die Führungsetage eines Unternehmens war kein gerader. Eigentlich wollte der Sohn eines Arbeiters und Enkel eines Eifelbauern Literaturprofessor werden. Noch lieber studierte er ferne Länder. "Lesen und Reisen. Zwei Leidenschaften, denschaften, die sich wunderbar verbinden lassen", sagt Hell.

Verschiedenste Interessen

Prinzipiell ja, in seinem Fall eher nicht. So ließ er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent in England sausen, als er einen dreiwöchigen Trip auf fünf Monate verlängerte. Daraufhin ließ ihn seine damalige Freundin sausen. Erschwerend für die Beziehung war Hells dritte Leidenschaft hinzugekommen: der 1. FC Köln. "Auf die Barrikaden gehen, ab und zu mal ein Uni-Tor zunageln und gleichzeitig im Fußballstadion grölen, das ging ideologisch gar nicht", sagt er. Doch er war schon immer gut darin, unpassende Dinge miteinander zu verbinden. Heute sitzt er im Aufsichtsrat des Vereins und ist mit einer fußballbegeisterten Halbitalienerin verheiratet.

Die Wanderlust trieb ihn zu Jack Wolfskin. Der Langzeitstudent jobbte in einem Bergsportladen in Bonn. Der gehörte Ulrich Dausien, der 1981 das Unternehmen mit der Wolfstatze im Logo gegründet hatte. Weil Hell die Produkte besser kannte als jeder Verkäufer, holte Dausien ihn 1988 in die Firmenzentrale nach Frankfurt und beförderte ihn von der Aushilfskraft zum Export-Direktor. "Das hörte sich besser an, als es war", sagt Manfred Hell. Einen Export gab es da noch gar nicht.

1991 übergab Dausien - "eher Gründertyp als Unternehmer" - die Geschäftsführung an Manfred Hell. Neben ihm sind heute zwei Private-Equity-Investoren an Jack Wolfskin beteiligt. Hell ist zwar eine rheinische Plaudertasche mit akademischer Allgemeinbildung. Doch wie hoch sein eigener Anteil an der Firma ist, darüber schweigt er lieber. Vielleicht auch, weil ein ordentliches Managergehalt plus Gewinnbeteiligung nicht ganz so kompatibel mit dem Image eines Altlinken wären.

Zusatzfunktionen als Verkaufsargument

Stattdessen sprudeln andere Zahlen aus ihm heraus: Passte das Warenangebot früher auf eine Handvoll Katalogseiten, hat Jack Wolfskin heute pro Saison rund 1500 Artikel im Sortiment, die in der Türkei, in China, Vietnam oder Südkorea gefertigt werden. Von der Mütze bis zu den Schuhen - Sachen, die in der Wildnis oder auf 3000 Meter Höhe funktionieren. Getragen aber werden sie überwiegend im zivilisierten Flachland.

Der Markt hat sich geändert. Waren Outdoor-Klamotten früher nur was für Abenteuerfreaks, trägt sie heute jeder. Leute, die gern draußen sind, ohne das gleich als Extremsportart zu begreifen. Männer, die Mode nur dann akzeptieren, wenn sie auch noch einen praktischen Zusatznutzen bietet. Jacken zum Beispiel, die bei Regen wirklich dicht halten. Doch auch taillierte Jacken für Frauen sowie kinderfreundliche Entwürfe gehören heute ins Repertoire der Marke. Der Chef sieht das recht trocken: "Modische Produkte können andere Hersteller ganz klar besser. Bei uns steht die Funktionalität im Vordergrund. Trotzdem gibt es keinen Grund, warum im Jahre 2008 Outdoor-Bekleidung scheiße aussehen sollte."

Die Ladenlokale von Jack Wolfskin - 227 sind es weltweit, 149 davon in Deutschland - finden sich bevorzugt in den besten Lagen. Wo die Mieten nicht gerade billig sind. Was dazu führt, dass man für eine Wanderjacke schon mal volksferne 300 Euro zahlt. Hell begründet die hohen Preise so: Bei Kleidung aus Funktionsstoffen müsse das Material eben viel aufwendiger getestet und erforscht werden als bei schlichter Baumwolle.

Bei Jack Wolfskin gilt das Prinzip: Hier kocht der Chef selbst. Auch beim Marketing übernimmt Hell die Regie. "Nicht strategisch, sondern aus dem Bauch raus." Klar, dass er auch die Texte in den Katalogen verfasst. In denen sieht man nie durchgestylte Models, aber immer: Manfred Hell, der als Leitwolf vorneweg marschiert. Mindestens einmal im Monat verlässt der Chef seinen Sessel und geht auf Tour. Mal in die kanadischen Rocky Mountains zum Schneeschuhwandern, mal zum Trekking ins Atlasgebirge in Marokko, mal zum Skifahren nach Vorarlberg. Hell nennt seine Reisen "Produkttest".

Eine andere Welt

Unter Selbstverwirklichung fallen auch die Trips mit seinem Kumpel, dem BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. Zuletzt waren die beiden in Patagonien. Ohne Frauen, ohne Handy, aber mit Gitarre. "Wolfgang wollte mal sehen, in was für einer Welt ich lebe", sagt Manfred Hell.

In seinem Büro hängen Bilder von Niedecken, der seine Künstlerkarriere einst als Maler begann. Auf dem Boden steht eine lebensgroße Gipsplastik von Hennes, dem Geißbock, Maskottchen des 1. FC Köln. Manfred Hell - ein Wanderer zwischen den Welten, bei dem Wunsch und Wirklichkeit ganz gut zur Deckung gekommen sind.

Manchmal gerät der Gutmensch in Gewissenskonflikte. "Würde der junge Hell, der mal die Welt verbessern wollte, noch mit dem klarkommen, was ich heute mache?", hat er sich neulich gefragt. Antwort: wahrscheinlich nicht immer. Nun hat ausgerechnet der Naturfreak Hell einige Umweltschützer gegen sich aufgebracht: Südlich von Hamburg, im Moor zwischen Buxtehude und Neu Wulmstorf, errichtet die Firma ein Logistikzentrum, 30.000 Quadratmeter groß. Es berührt ein Naturschutzgebiet, in dem die Wachtelkönige brüten. Ob der junge Hell damit klargekommen wäre?

Als Reminiszenz an alte Zeiten lebt Manfred Hell die Woche über in Idstein in einer Männer-WG. Zusammen mit Christian Springer, einem Ex-Profifußballer vom 1. FC Köln, der seit zwei Jahren bei Jack Wolfskin den Betriebssport leitet. Beim Fußball, Basketball, Yoga oder Bauch-Beine-Po sollen sich die 300 Mitarbeiter austoben. Auf ausdrücklichen Wunsch während der Arbeitszeit. Damit das Wir-Gefühl nicht verloren geht. "Man kann nicht immer nur fordern, man muss auch was zurückgeben", sagt Hell. Wenn er schon Chef ist, dann will er wenigstens ein guter sein.

Kann es da überhaupt noch Träume geben? "Ja", sagt Manfred Hell. "Ein Piratensender, das wär's." Alles klar, El Comandante.

print