John Galliano Romantiker in Spektakel-Laune


John Galliano steht für englische Exzentrik, die romantische Femininität einhüllt. Er treibt sein Publikum in Sphären ungehemmten Kults. Aber seine schärfsten Kritiker sind erbarmungslos.

Bei Dienstantritt lief er nur unter "junger Wilder". Ein Aufschrei ging durch die französische Presse, als John Galliano 1996 zum Kreativchef des Modehauses Dior berufen wurde. Dior gilt als Kronjuwel der französischen Couture, und wenige konnten verstehen, dass Bernard Arnault ausgerechnet einem exzentrischen Engländer das kostbare Erbe von Frankreichs Modelegende Christian Dior in die Hände legte. Ein Jahr zuvor hatte er Galliano die kreative Leitung von Givenchy übertragen, nun "beförderte" er den begabten Designer noch. Arnault, der als Chef des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) über diverse Mode-Labels gebietet, steht heute als der Kluge da. John Galliano zählt zu den einflussreichsten Couturiers der Welt. Dank seiner Schneiderkunst ist Dior zu einem Zugpferd von LVMH avanciert.

Statt distanziertem Respekt vor dem Namen, tobt nun ein ungehemmter Kult um die vier Buchstaben. Die klimpern an hochbegehrten Taschen herum, schmücken verführerische Schuhe und adeln sexy Roben, die die schönsten Schauspielerinnen der Welt tragen. Aktuelle Dior-Entwürfe von Galliano erscheinen allerdings nicht so provokant wie das ägyptische Kettengewand, das Milla Jovovichs makellosen Körper 1997 bei einer Filmpremiere in Cannes mehr ent- als bekleidete. Es entstammte Gallianos eigener Kollektion für Herbst/Winter 1997. Wie viele andere bewies diese die Fähigkeit des Modemachers, historische Quellen neu zu interpretieren und traditionelle Schnitt-Techniken seinem kühnen Stil anzuverwandeln.

Feminines und schräges Spektakel ist Kult

Das feminine Schönheitsideal Diors vermischt sich bei Galliano mit Schrägem. Die Inspirationen reichen von Indianern und afrikanischen Stämmen über Kokotten und Stummfilmstars bis hin zu Mumien. Auch die Defilees - ob die von Dior oder von Gallianos eigener Marke - offenbaren die überbordende Fantasie des Modemachers. Der 44-Jährige denkt sich für seine Schauen ganze Geschichten aus wie etwa die Reise einer englischen Pensionats-Schülerin von Ägypten nach Hollywood.

"Spektakel", das ist das Wort, das ihm seine Kritiker immer wieder entgegenschleudern. Gallianos Erscheinung speist diese Beschimpfung, denn der in Gibraltar geborene und in London aufgewachsene Designer setzt sich selbst gerne mit auffallenden Kostümierungen in Szene. Anfang der 90er Jahre trat er als Pirat auf mit Ohrring und langen Locken, dann erschien er plötzlich als Dandy, als schriller Schotte und durchgestylter Indianer. Letzteres mit nacktem Oberkörper, so dass alle seinen sportlich gestählten Körper bewundern konnten. Und als er im vergangenen Januar nach der Schau seiner Galliano- Herrenkollektion als Napoleon auf den Laufsteg trat, galt er vollends als übergeschnappt.

Den Spaß am Verkleiden befriedigen

Doch im Grunde befriedigt Galliano nur seinen Spaß am Verkleiden, den er in der Londoner Clubszene der 80er Jahre mit vielen seiner Mitstudenten an der renommierten Mode- und Kunstschule St. Martin's teilte. Neben dem Studium arbeitete er als Ankleidehilfe am Theater, wodurch seine Begeisterung für die Bühne noch wuchs. Schon seine geniale Abschlusskollektion 1984, bei der er sich von einer Modebewegung der französischen Revolutionszeit inspirieren ließ, machte John Galliano über Englands Grenzen hinaus bekannt.

Dass heute ohne diesen unverbesserlichen Romantiker die Modelandschaft sehr viel karger wäre, bewies kürzlich seine Haute-Couture-Kollektion für Herbst/Winter 2005/6. Da zeigte er märchenhafte Entwürfe in morbider Kulisse mit dunklen Wolken, wilden Hecken und schwarzen Kutschen. Aus so einer stieg er am Ende selbst, wie immer mit selbstbewusster Geste. Dior-Chef Sidney Toledano behauptet allerdings über seinen kreativen Kopf: "Galliano ist eigentlich schüchtern."

Stefanie Schütte/DPA DPA

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