HOME

Outlets: Alles muss raus

Auch Designer haben ihre Resterampen: In großen Outlet-Dörfern bieten Mode-Label ihre Ware zu permanenten Schlussverkaufspreisen an.

Der zehnjährige Jannick hockt in der Fußgängerzone. Im Kinderwagen schläft sein Bruder Noah. Jannick wartet auf seine Mutter, seine Oma und seine große Schwester Marie. Die können sich einfach nicht von den Ständern mit den Kinder-T-Shirts losreißen. Beim Kauf von drei Oberteilen gibt's das dritte für einen Euro, wirbt ein Schild im Schaufenster der Kindermarke Petit Bateau. Jannicks Familie hat heute einen Ausflug ins Designer Outlets Zweibrücken unternommen. "Hier bekomme ich Qualitätsprodukte zu H & M-Preisen", sagt seine Mutter Patricia Soyez, 42. Nach drei Stunden hat sie etwas mehr als 130 Euro ausgegeben: für Baby-Bodys, T-Shirts von Diesel und Mango, Sporthosen von Nike, Flipflops von Strenesse und Duschgel vom Bodyshop.

Während der Einzelhandel über die mangelhafte Konsumlust der Deutschen klagt, florieren die so genannten Design Outlet Center. Ihr Geschäftsmodell: In eigens dafür errichteten Einkaufsdörfern werden Markenartikel aus der letzten Saison, Sonder- oder Musterkollektionen und zum Teil auch B-Ware zu um 30 bis 70 Prozent reduzierten Preisen angeboten. Es herrscht permanente Schlussverkaufsstimmung. Was in Deutschland neu scheint, ist in den USA längst Shopping-Alltag: Dort gibt es seit 26 Jahren Malls für Schnäppchenjäger. Auch in England und Frankreich hat sich diese Form des Einkaufens schon lange durchgesetzt. Nun soll Deutschland erschlossen werden: 14 Center sind derzeit geplant, vier große gibt es bereits. Eines davon steht seit dem Jahr 2001 nahe der westpfälzischen Stadt Zweibrücken, gebaut auf einem ehemaligen Militärflugplatz der Nato mit viel Glas und Stahl.

"Die Deutschen sind sehr marken- und modebewusst", sagt Hans Dobke vom Management des Zweibrücken-Centers. Und preisbewusst sind sie auch. So wie Lilli Hildmann. Die 28-Jährige fährt alle drei Monate nach Zweibrücken, um nach günstiger Mode zu schauen. "Marken sind mir sehr wichtig", sagt die Steuerfachangestellte. Diesmal erwirbt sie bei Versace zwei Geldbörsen aus Leder für je 69 Euro - Originalpreis 260 Euro. Dazu einen Bikini und ein Oberteil. Macht rund 300 Euro, die sie für die italienische Nobelware ausgibt.

Mit dem klassischen Fabrikverkauf,

bei dem sich Angebotsjäger durch die Restposten wühlen, haben die neuen Design Outlet Center nichts gemein. Die Kleiderstücke hängen ordentlich in hübsch eingerichteten Boutiquen, und die Center bieten außerdem Cafés, Modenschauen und Konzerte. Sie liegen gut erreichbar in Autobahnnähe und verfügen über ausreichend Parkplätze. An der A 3, zwischen Frankfurt und Nürnberg, locken bunte Fassaden mit Fachwerk, Giebeln und Türmchen die Kaufwilligen. Hier steht das Wertheim Village, das auf den ersten Blick an Disney World denken lässt. Der dunkelrote Steinfußboden zwischen Geschäften von Armani, Rosenthal, Bally, Mexx, Nike und Levi's ist sauber gefegt, der Buchsbaum in den Terrakottakübeln frisch getrimmt. "Den Vergleich mit Disney finden wir nicht schlimm", sagt Steven Cunningham von Value Retail, dem amerikanischen Betreiber. "Immerhin sind die doch sehr erfolgreich."

1,5 Millionen Besucher strömen pro Jahr ins Wertheim Village, bis 2008 sollen es drei Millionen sein. Experten schätzen, dass ein Outlet Center 3000 bis 5000 Euro Umsatz pro Quadratmeter und Jahr macht. "Wir liegen in der Mitte", sagt John Quinn, Deutschlandchef von Value Retail. Gerade hat die amerikanische Immobilienfirma ein Center in Ingolstadt mit über 30 Läden aufgemacht. Auch das Wertheim Village soll weiter wachsen.

Der Einzelhandel in der Wertheimer Altstadt zeigt sich davon nicht begeistert. Zehn bis 15 Prozent weniger Umsatz macht Andrea Schöffer in ihrem Laden Sportivo. "Denn die Ware im Outlet stammt nicht immer aus der Vorsaison", behauptet sie. Auf einer Messe habe sie von einem Nike-Mitarbeiter erfahren, dass die neuen Modelle teilweise bereits nach drei Monaten in die Schnäppchenmärkte gelangten. Kein Wunder, dass bei solchen Kampfpreisen der Einzelhandel in Wertheim irgendwann schlappmacht. Der Geschäftsführer eines Modehauses, das bald schließen muss, klagt: "Der Kunde sieht nur die durchgestrichenen Preise. Aber er kann nicht kontrollieren, ob der Originalpreis auch stimmt." Und ob es sich bei der Ware nicht um Extra-Anfertigungen fürs Outlet handelt.

Den "Smart Shoppern"

ist dies egal, sie wollen nur eines: Markenklamotten zu niedrigen Preisen. Dafür nehmen sie eine Anfahrt von einer Stunde und mehr in Kauf, so das Ergebnis einer Studie von Value Retail. Darüber, wie viel die Leute ausgeben, redet man in der Branche nicht gern - um den Einzelhandel nicht zu reizen. Nur Hans Dobke, der Manager des Outlet Centers Zweibrücken, lässt sich ins Zahlenwerk blicken: Für 2005 erwartet er einen Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro. Im Wertheim Village dagegen bleiben alle Zahlen unter Verschluss. Damit niemand auf die Idee kommt, unerlaubt Fotos zu machen, streifen Aufpasser in dunklen Windjacken durch die Einkaufspassagen.

Über Geld reden auch die Marken-hersteller nicht gern. Auf die Frage, wie viel er an dem Resteverkauf verdiene, antwortet ein Sprecher des italienischen Taschenherstellers Mandarina Duck: "Die Outlet Stores sind nicht dazu da, Profit zu machen, sondern die Kosten der Produkte zu decken, die nicht verkauft werden konnten." Das Ziel sei es, die Lager frei zu bekommen. Außerdem können die Modefirmen im Ausverkauf-Center weiterhin Preis und Image steuern. "Das Outlet Village muss kontrolliert werden, damit es nicht billig wirkt", sagt John Quinn von Value Retail. Einmal die Woche prüfen die Manager die Geschäfte, an deren Umsatz sie mit 12,5 Prozent beteiligt sind.

Nach der ersten

Gründungswelle vor fünf Jahren folgt nun die zweite. Britische Unternehmen wie Outlet Centres International (OCI) versuchen in Deutschland, Fuß zu fassen, geplant sind neue Shopping-Malls in Wolfsburg (Eröffnung 2007) und in Montabaur (2008). Aber nicht überall sind die Center willkommen: Gegen die Pläne der niedersächsische Stadt Soltau, ein 20 000 Quadratmeter großes Einkaufsdorf zu ermöglichen, wehrten sich die benachbarten Gemeinden von Lüneburg, Rotenburg und Verden - mit Erfolg.

Der europaweit erfolgreichste Outlet-Betreiber McArthur Glen aus Großbritannien umging Streitereien mit deutschen Behörden sowie Verbänden und eröffnete ein Schnäppchen-Center im grenznahen holländischen Roermond. Weiterer Vorteil hier: In den Niederlanden haben die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet.

Jannicks Mutter Patricia Soyez überlegt schon, wann sie das nächste Mal ins Center nach Zweibrücken fährt, das bald noch erweitert werden soll. Ihr Sohn zeigt sich wenig begeistert, er möchte lieber ins Schwimmbad gehen. Er ist kein Smart-Shopper. Noch nicht.

Catrin Boldebuck / print