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Schiesser-Unterwäsche: Tote Hose am Bodensee

Mehr Sex-Appeal für Schiesser! Der griechische Designer Kostas Murkudis trat an, der Klassiker-Marke neues Leben einzuhauchen. Mit Designer-Stücken und exklusiven Shops. Nach Jahren der Imagearbeit blieb einer übrig: der gute alte Feinripp.

Von Bettina Weiguny

Kostas Murkudis ist kein Fan des Feinripp. Trotzdem gefiel dem griechischen Designer aus Berlin die Idee, der Marke Schiesser mehr Sex-Appeal zu verleihen. Das hatte Schiesser dringend nötig. Seit Jahren starb die Marke zäh vor sich. Die von Jacques Schiesser 1875 in Radolfzell gegründete Firma ist in Deutschland so bekannt wie Coca-Cola. Nur: Kennen und kaufen sind zwei verschiedene Dinge. Wer reimt schon Feinripp auf Erotik? Niemand. Dagegen suchte Schiesser verzweifelt ein Konzept.

Designer Murkudis sollte es richten. 2005 entwarf er ein paar Dutzend feine Stücke, die in 40 exklusiven Shops verkauft werden sollten. Doch der Ausflug in die Designwelt ist schon wieder zu Ende. "Es wird keine neue Kollektion geben", sagt der Berliner. Schiesser zieht die Notbremse. Das Ende der Designer-Linie ist nur eine der Schreckensnachrichten vom Bodensee.

Die Umsätze des Unterwäscheherstellers sind im Laufe der Zeit um mehr als ein Drittel geschrumpft, sie liegen inzwischen unter 200 Millionen Euro. Schiesser verkauft immer weniger, und das auch noch mit Verlust. Sechs Millionen Euro Miese sollen es 2006 gewesen sein, 2007 noch mehr. Niemand weiß, wann der Schweizer Eigentümerfamilie Bechtler das Geld ausgeht. Oder die Geduld. Immer häufiger kracht es zwischen Inhaber und Management, ständig wechseln die Vorstände - und die Konzepte.

Trends wurden verschlafen, Umsätze sanken

Als in den 80er, 90er Jahren die flotte Konkurrenz - Calvin Klein, Calida, Bruno Banani, H&M - die Kleiderschränke eroberte, hat man in Radolfzell geschlafen. Bis es fast zu spät war. Mitte der 90er Jahre trat der erste Sanierer an und verlagerte die Produktion nach Osteuropa. Von einst 3500 Angestellten blieben in Radolfzell nur 600 übrig. Kein einziges Schiesser-Hemd wird heute noch in Deutschland gefertigt.

Doch die Umsätze sanken weiter. Ein ehemaliger Reebok-Manager überzeugte die Schweizer Inhaber schließlich von seiner Vision: Lizenzprodukte. Die Maschinen waren da, die Kapazitäten auch, also nähte Schiesser für Puma, Mexx und Seidensticker, für Strellson, Tommy Hilfiger und Levi's. Kostas Murkudis sollte zugleich die eigene Marke stärken.

Dann aber passierte, was den Reebok-Mann vor einem halben Jahr den Job gekostet hat: Überhastet führte er ein neues Betriebssystem ein - und das Chaos brach aus. Lieferaufträge verschwanden, Stoffe blieben in Häfen hängen, Rechnungen wurde nicht bearbeitet. Der Handel wartete Wochen auf die erste Murkudis-Kollektion. Schiesser musste hohe Rabatte gewähren, damit die Läden ihre Flächen freihielten. Ein Teil der Kunden sprang ab, als auch die zweite Kollektion nicht pünktlich eintraf. Auch Puma, Strellson und Polo Ralph Lauren warteten vergeblich auf die georderte Ware. Ein Desaster.

"Wir können mit dem Geschäftsmodell nie Geld verdienen"

"Da ist ein Cocktail explodiert", sagt Rudolf Bündgen, seit Anfang des Jahres neuer Chef. Bündgen verabschiedete sich vom Lizenzgeschäft - und den dafür zuständigen 60 Mitarbeitern. Schiesser zahlte bei jedem gefertigten Hemd drauf. "Wir können mit dem Geschäftsmodell nie Geld verdienen", räumt Bündgen ein. "Die Gebühren sind viel zu hoch." Puma, Mexx und Levi's haben sich nach anderen Partnern umgesehen. Nur Strellson und Seidensticker bleiben. Im April dann erfuhr Kostas Murkudis, dass die Zusammenarbeit auf Eis gelegt werden soll. "Damit ist das Projekt tot", stöhnt der Designer.

Immerhin einen Erfolg hat Bündgen vorzuweisen: Die Lieferprobleme seien behoben. "Wir haben den Laden wieder im Griff." Was bleibt, ist das Kerngeschäft. Der neue Chef setzt auf den guten alten Feinripp - mit allen Tücken.