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Sommerknigge: "Kurze Ärmel sind für Spießer"

Sobald die Temperaturen in schwitzige Höhen klettern, steht auch so mancher Arbeitnehmer vor einem Problem: Was anziehen ins Büro? stern.de hat nachgefragt, wo die Grenze der Entblößung liegt.

Von Claudia Pientka

Sommerzeit ist Schwitzzeit. Denn was die Ausstattung von Bussen, Bahnen und Büros mit Klimaanlagen betrifft, befindet sich Deutschland leider noch im Entwicklungsstadium. Auch wenn es nicht ganz so dramatisch ist wie in Italien, wo das italienische Gesundheitsministerium die Unternehmen des Landes aufgerufen hat, angesichts der anhaltenden Hitzewelle auf den Krawattenzwang zu verzichten. Dennoch: Wer dieser Tage versucht, schweißlos von Haus- zu Bürotür zu gelangen, kennt das Problem. Doch was fast noch schlimmer ist als das allgemeine Schwitzen, ist die allgemeine Blöße, zu der sich Arbeitnehmer derzeit hinreißen lassen. Klar ist die Verlockung groß, sich morgens ein ärmelloses T-Shirt statt Hemd und Krawatte überzuziehen. Doch auch im Hochsommer gelten die Regeln des guten Geschmacks.

"Es kommt zwar sehr auf die Gepflogenheiten des jeweiligen Arbeitsplatzes an, aber man zollt seinen Kollegen Respekt, wenn man gut angezogen ist. Jeans und Polo-Hemd mit Kragen können an vielen Arbeitsplätzen angemessen sein, von einem T-Shirt würde ich jedem Mann abraten - damit sieht man nie richtig angezogen aus", sagt der Leiter des "Instituts für Stil und Etikette Hildegard von Heyne", Uwe Fenner.

Kurzärmlige Hemden sind tabu

Natürlich kommt es immer auf den Arbeitgeber an, wie viel Haut in Freizeitkleidung gezeigt werden darf. Entscheidend ist auch, ob man als Angestellter Kundenkontakt hat und damit das Unternehmen nach außen repräsentiert. Bei Anzug-Anstalten wie Unternehmensberatungen, Kanzleien, Banken gilt: "Wer keine Klimaanlage hat, darf selbstverständlich seine Jacke aus- und den Schlips abziehen und die Ärmel raufkrempeln." Aber Vorsicht, kurzärmelige Hemden sind tabu. "Die gelten in unseren Breiten eher als spießig, der feine, aber lässige Herr krempelt seine Ärmel rauf", sagt Fenner. Und wer von Berufs wegen einen Anzug tragen müsse, könne den wollenen durch einen leichten Baumwollanzug ersetzen, so Fenner.

Wer will schon die Füße seiner Kollegen sehen?

Wer will schon die Füße seiner Kollegen sehen?

Überhaupt liege der ganzen Idee eines Dresscodes ja eigentlich gegenseitiger Respekt zugrunde, erklärt der Stilberater. "Indem man ordentlich angezogen ist, respektiert man ja auch seine Kollegen. Man sollte seine Mitmenschen nicht dadurch ärgern, dass man sich nachlässig kleidet." Schließlich entblößen nicht alle Spaghetti-Träger ein schönes Dekolletee, gibt jede Shorts den Blick frei auf glattrasierte Beine und so manches T-Shirt bedeckt den Bauchnabel nur dürftig. Da gilt auch das heiße Wetter nicht als Entschuldigung: "Es ist eben die Frage, inwieweit ich meine eigene Bequemlichkeit der Rücksichtnahme gegenüber anderen vorziehe. Das muss jeder selbst entscheiden: Manchen ist es eben egal, ob die anderen ihre Füße riechen oder den eigentlich etwas zu dick geratenen Bauch halb entblößt sehen. Andere nehmen lieber Rücksicht auf den Stil des Hauses, den Kunden, den Gesprächspartner", sagt Fenner.

Flipflops gehören ausschließlich an den Strand

Auch das beliebteste Schuhwerk des Sommers fällt beim Experten in Ungnade: "Ich weiß gar nicht, wohin diese Menschen, die in Flipflops in der U-Bahn sitzen, zur Arbeit fahren - oder ob sie überhaupt zur Arbeit gehen", sagt Fenner. "Schließlich ist es nicht nur eine Frage der Ästhetik, ob ich Flipflops trage, sondern auch eine hygienische Frage: Wer will schon die dreckigen Füße seiner Kollegen sehen? Das ist eine Frechheit gegenüber den anderen Menschen." Flipflops seien nicht nur fürs Büro das unpassende Schuhwerk, sondern ganz allgemein eine unangemessene Bekleidung - es sei denn am Strand.

Und welcher Bürohengst sich ob seiner schönen Beine schon immer einmal gefragt hat, ob er sie nicht wenigstens jetzt in Bermuda-Shorts zur Schau stellen darf, muss mit einer Absage leben: "Shorts? Nur am Strand!", sagt Fenner.

Aber wie kommt man denn nun möglichst schweißfrei durch den Sommer? Als grundsätzliche Regel hilft: Weniger ist nicht immer luftiger. Knappe oder enge Kleider sind nicht zwangsläufiger angenehmer zu tragen, wenn es heiß ist; unter weiter Kleidung kann die Haut besser atmen, und nicht jeder Schweißfleck zeichnet sich gleich ab. Bei der Wahl von Material und Farben sollte man laut Fenner daran denken, dass helle Farben die Sonne eher reflektieren, während die dunklen sie durchlassen. "Helle Farben sind geboten, Baumwollstoffe sind die richtigen Stoffe für hohe Temperaturen und alle Kunststoffe sind zu vermeiden." Und wenn ein Kundentermin ansteht, kann man zur Not auch ein Zweithemd mitnehmen.

  • Claudia Pientka