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Sonnenbrillen: Könige des Schattens

Jede zweite Designer-Sonnenbrille kommt aus der Nähe von Venedig. Hier kämpfen Firmenbosse um Millionen-Lizenzen - das Geschäft mit den getönten Gläsern boomt.

Auf den ersten Blick ist Agordo ein kleines italienisches Alpendorf wie jedes andere, nur ohne Wintersport-Charme und Après-Ski-Bars. Eigentlich ein öder Flecken Erde: 4500 Einwohner, eine weiße Kirche und ein fast leerer Marktplatz mit alten grünen Plastikstühlen.

Niemand käme auf die Idee, dass hier, eine Autostunde von Venedig entfernt, der größte Brillenhersteller der Welt sitzt: Luxottica - mit fast 4,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr und den feinsten Marken unter Vertrag, etwa Chanel, Versace, Donna Karan, Dolce & Gabbana und Prada. Hier, in der Provinz Belluno, am Fuß der Dolomiten, werden die getönten Designergläser hergestellt, mit Bügeln aus Gold oder Titan, deren Logos in Aspen, St. Moritz oder Gstaad im Winter wieder so schön glitzern werden.

Erschwingliches Designer-Stück

Sonnenbrillen sind das Accessoire, das sich in der Luxusmode gerade am besten verkaufen lässt. Eine Designertasche für 1700 Euro kann sich nicht jeder leisten, eine Brille für 170 Euro ist für deutlich mehr Menschen erschwinglich. Nahezu alle großen Modehäuser besitzen heute eigene Brillenlinien. Bei Armani macht der Anteil der Sonnenbrillen inzwischen fast ein Viertel des Umsatzes aus. Kein Wunder, dass man bei Luxottica für 2006 mit 23 Prozent Umsatzsteigerung rechnet. Ein Designer erhält meist ein Zehntel des Umsatzes, nur bei sehr großen Namen werden Mindestmargen festgelegt.

Sonnige Zeiten für Brillenmacher also, wäre da nicht die lästige Konkurrenz, und die sitzt auch noch in allernächster Nähe: Jede zweite Designersonnenbrille kommt heute aus dem Veneto, der Region nördlich von Venedig. Fünf Firmen beherrschen den Markt: Luxottica, Safilo, Marcolin, De Rigo und Allison. Und weil es um gewaltige Gewinnspannen und millionenschwere Lizenzen geht, tobt in der sonst so ruhigen Provinz Belluno eine Schlacht um die trendigen Gläser.

Branchenführer Luxottica ist der gefräßigste der fünf Brillenmultis. Das Unternehmen kauft, was ihm in die Finger kommt, vor allem Optikerketten, gerade erst in China, Australien, Amerika. Fast 6000 Läden gehören ihm weltweit. Selbst Marc Lamy von der L'Amy-Gruppe, dem führenden Brillenhersteller Frankreichs mit 17 Designerlizenzen wie Rochas und Lagerfeld Gallery, startet nur mit zwei Brillenlinien: Chloé und Lanvin. "Die Riesen der Branche sollte man nie attackieren", erklärt Lamy. "In ihren Geschäften liegen schließlich auch unsere Brillen aus."

Jagd auf Kunden

Luxottica, das ist in der Branche bekannt, geht mit Mitbewerbern nicht zimperlich um. Den größten Konkurrenten im eigenen Land, Marcolin und Safilo, hat man inzwischen die kostbarsten Perlen abgejagt: Marcolin verlor Dolce & Gabbana, Safilo muss künftig auf Polo Ralph Lauren und Burberry verzichten. Für fünf Jahre Dolce & Gabbana soll Luxottica 60 Millionen Euro hingeblättert haben, für zehn Jahre Polo Ralph Lauren sogar 200 Millionen Euro. Luxottica ist der einzige der großen Brillenhersteller im Belluno, der Lizenzgebühren im Voraus zahlt.

Mancher Coup in der Luxuswelt der Mode gelingt jedoch nicht nur, weil das Geld stimmt, sondern auch die Kontakte: 40 Prozent von Marcolin etwa gehören Diego Della Valle, dem Eigentümer der italienischen Lederdynastie Tod's, und seinem Bruder Andrea. Della Valle war es, der das Unternehmen mit Tom Ford verkuppelte. Der Ex-Gucci-Designer suchte nach einem Partner, um im Frühjahr dieses Jahres seine erste Brillenlinie auf den Markt zu bringen. Hergestellt wurden sie natürlich in der Provinz Belluno, nur 45 Kilometer von den Luxottica-Fabriken in Agordo entfernt.

Nicht alles Qualität, was glänzt

Nicht alle glamourösen Gläser aber halten, was sie versprechen, sagt Heinz Jürgen Höninger, Herausgeber der Zeitschrift "Optic + Vision". Er rät, beim Kauf einer Brille die Scharniere zu prüfen und das Gestell auf scharfe und überstehende Kanten zu untersuchen. "Steht eine Marke für Mode, wertet sie die mieseste Fassung auf", sagt er. Das gelte auch für manches Design. "Ich kenne Geschichten, da wurden plötzlich aus der Schublade alte Fassungen gezogen, ein Markenlogo draufgepappt - und fertig war die teure Designerbrille." Italiens Brillenmultis bestreiten dies natürlich vehement.

"Die ganzen Sonnenbrillen, ob Gucci oder Prada, unterscheiden sich doch kaum im Design", bestätigt auch Beate Obersteiner von Cazal, einem Münchner Brillenlabel. Zurzeit sei sehr dünnrandiges Acetat angesagt. "Im Grunde ähneln sich alle Fassungen. Aber solange der Kunde so markenhörig ist, funktioniert das System der Modelabel-Sonnenbrillen."

Der Mann, der am meisten vom Boom der teuren Brillen profitiert, heißt Leonardo Del Vecchio, der Mächtigste im "distretto degli occhiali", dem Brillendistrikt. Laut Wirtschaftsmagazin "Forbes" ist der 71-jährige Brillenkönig der zweitreichste Mann Italiens - nach Silvio Berlusconi. In einer Garage in Agordo gründete der Feinmechaniker 1961 Luxottica. 1988 stellte er die erste Sonnenbrillenlinie für Mailands Modezar Armani her, ging 1990 an die Wallstreet, schluckte neun Jahre später die Optikerketten Sunglass Hut und Cole National in den USA und kaufte die kriselnde Brillenfirma Bausch & Lomb samt deren Kultmarke Ray-Ban - eine Bilderbuchkarriere. Nur einer versetzte ihm einen empfindlichen Schlag: Vittorio Tabacchi von Safilo, der Nummer zwei der Brillengiganten mit Lizenzen für Gucci, Dior, Valentino, Stella McCartney und Bottega Veneta.

Kampf um Designer-Marken

Seit "Padrone" Tabacchi, ein ehemaliger Rennfahrer, die Geschäfte bei Safilo führt, hat er die österreichische Marke Carrera geschluckt und Del Vecchio 2002 Armani abgejagt. Das führte bei Luxottica zu Umsatzeinbußen von 7,2 Prozent und das zur ersten Gewinnwarnung des Unternehmens. Del Vecchio rächte sich, indem er sich im vergangenen Winter Polo Ralph Lauren und Burberry einverleibte; beide gehörten bis dahin zu Safilo. Das schmerzt vor allem, weil Ralph Lauren bei Safilo für ein Zehntel des Umsatzes sorgte. Den Verlust sollen bei Safilo nun neue Marken wie Hugo Boss und Marc by Marc Jacobs ausgleichen.

Die Könige der getönten Brillen sind vorsichtiger geworden: Keiner stützt sich mehr auf eine einzelne Marke, jeder versucht, Top-Designer so lange wie möglich zu binden. Boss etwa hat bei Safilo bis 2013 unterschrieben. Doch der Kampf der Brillenkönige geht weiter, härter als zuvor, glaubt Maurizio Marcolin. "Der Markt ändert sich, er ist sehr dynamisch. Es wird mehr Konzentration geben, mehr Lizenzen und weniger Leute, die sie besitzen", sagt er. "Ich werde vorsichtig sein." Luxottica-Gründer Del Vecchio dagegen versichert: "Bis 2008 bleiben wir ruhig, wir werden keine neuen Lizenzen kaufen, aber 300 neue Läden in China eröffnen." Das sei der Markt der Zukunft. China beherrscht zwar das Geschäft der Billigsonnenbrillen, nicht aber das der Luxusbrillen. Da zählt: "Made in Italy". Und da ist noch viel zu holen.

Viola Keeve Mitarbeit: Dirk van Versendaal / print