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Strenesse: Elf Models sollt ihr sein

Kleiderwechsel in der Nationalmannschaft: Die deutschen Kicker tragen neuerdings Strenesse. Gerd Strehle erklärt, wie es dazu kam.

Herr Strehle, Sie sind vor kurzem 65 Jahre alt geworden. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, befänden Sie sich jetzt im Ruhestand.

Deswegen habe ich vor fünf Jahren angefangen, einen Nachfolger aufzubauen. Leider bin ich in die falsche Richtung gelaufen.

Am 17. November 2005 entließ der Aufsichtsrat den frisch ernannten Vorstandschef Peter Kappler. Was war passiert?

Als ich im Juli 2005 an Kappler übergab, sah zunächst alles nach dem von mir vorbereiteten Wechsel aus. Doch die Marke Strenesse ist sehr stark an Personen gebunden, und diese Personen sind Gabriele und ich. Es ist undenkbar, dass Strenesse von einem Tag auf den anderen ohne uns existieren könnte. Als man feststellte, dass die Marke verändert werden sollte, und zwar auf eine ganz radikale Weise, sahen wir das Unternehmen in Gefahr.

Wie radikal ging Kappler vor?

Er nahm die Firma nicht wahr als das, was wir sind, sondern als das, was er gern hätte - und zwar ohne die Markenträger.

Auch ohne die Chefdesignerin?

Am Ende auch ohne Gabriele Strehle, ja.

Stimmt es, dass Ihr ehemaliger Modemanager Peter Kappler für Strenesse das Geschäft abschloss, das heute als Sensation gehandelt wird? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trägt ab sofort Kleidung aus Nördlingen.

Wenn der Eindruck so ist, dann muss ich es ganz klar sagen: Die gesamte Verbindung habe ich zustande gebracht, auch das Einfädeln. Kappler hatte erst in zweiter Linie mit dem Deal zu tun. Wir haben dann gemeinsam verhandelt.

Wie haben Sie sich denn eingefädelt beim Deutschen Fußball-Bund?

Unter Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff entstand der Wunsch, sich neu darzustellen, eine neue Mannschaft aufzubauen und ihr wohl auch eine neue Umgebung zu schaffen. Mit der Konsequenz, alle Verbindungen zur Vergangenheit zu überprüfen. Bei einem privaten Treffen bin ich mit Bierhoff ins Gespräch gekommen. Da merkte ich: Wir können bieten, was der DFB sucht. Wir mussten dann vor dem DFB-Präsidium unser Konzept vorstellen.

Womit konnten Sie die Herrenriege des DFB überzeugen?

Gepunktet haben wir durch die Tatsache, dass wir nicht irgendeine Kollektion aus dem Schrank gezogen haben, wie es bei größeren Modeunternehmen oft der Fall ist. Wir haben gesagt: Wir schneidern euch ein Konzept, sowohl für den öffentlichen Auftritt als auch für die Kleidung. Wir behandeln die deutschen Fußballer nicht als eine von vielen anderen Sponsoringaktivitäten.

Wie passt Ihre eher leise, von Understatement geprägte Mode zu dem eher lauten Sport Fußball?

Die Fans mögen laut sein, die modernen Fußballer sind es nicht mehr: Die stehen nicht so auf einen modischen Feuerwerkseffekt. Denen gefällt, dass wir Kleidung herstellen, die auf den Körper geschnitten ist, die nah an den Körper rangeht. Unsere Stücke sind wie RecaroSitze: Wenn man drin sitzt, spürt man die Schale. Man fühlt in jeder Kurve seinen Körper. Nichts liegt uns ferner als Sicherheitskleidung, Anzüge also, in denen ein Mann aussieht wie jeder andere auch.

Was halten die Nationalspieler von ihrem neuen Einkleider? Wie äußern sich Michael Ballack und Oliver Kahn?

Ballack kannte unsere Kleidung schon vorher. Kahn noch nicht, er zeigte sich anfangs zurückhaltend. Inzwischen hat er sogar für ein anderes Fotoshooting bei uns Outfits angefragt. Andere Spieler rufen bei mir an und sagen: "Ich komme in Ihren Laden und möchte, dass Ihre Frau mich berät."

Sie sind momentan schwer zu bremsen: Neben der WM-Modekollektion erscheinen unter Ihrer Aufsicht auch ein Buch sowie eine Zeitschrift zur Weltmeisterschaft.

Der amerikanische Fotograf Jesse Frohman hat so viele fantastische Bilder von den Fußballjungs in Strenesse gemacht, dass wir gesagt haben: Wir müssen das unter die Leute bringen. In dem Heft schreiben namhafte Journalisten über unsere WM-Stars, jeder hat mehrere Seiten, tolles Layout, das wird eine Bombensache! In dem Buch wird sich alles um die Fotografien drehen. Ich bewege mich gern auch mal in unbekanntes Terrain.

2004 starteten Sie ein Werbekampagne mit Boris Becker und Claudia Schiffer, provokant inszeniert von Jürgen Teller. Was hat diese Aktion Strenesse gebracht?

Ich fand die Kombination einmalig. In meiner Begeisterung aber hatte ich übersehen, dass Becker und Schiffer so stark in ihrem Ausdruck waren, dass man die Aussage der Marke Strenesse am Ende fast vergessen hat. Aber so bin ich halt: Ich springe gern über den Jordan, um zu schauen, was drüben so los ist. Wenn ich merke: Drüben ist es kalt, springe ich zurück.

Der DFB-Deal scheint zur rechten Zeit zu kommen. Die Umsatzzahlen der vergangenen Jahre waren für Strenesse unerfreulich: 2001 setzten Sie noch mehr als 100 Millionen Euro um, 2005 waren es gerade noch 81 Millionen. Reicht das, um solide zu wirtschaften?

Wir sind leider derzeit leicht rot.

Wie viele Jahre mit leicht roten Zahlen kann sich Ihr Familienbetrieb noch leisten?

Jetzt sollten keine mehr kommen. Doch der Umsatzschwund ist aufgehalten, wie die Bestellungen für 2006 zeigen.

Wer hat Schuld an Ihrer Krise?

Schuld hat das allgemeine Konsumdilemma, das durch den 11. September 2001 noch verstärkt wurde. Zwei Umstände erschwerten uns die Lage: Von 2000 an haben wir alle Lizenzen zurückgeholt, haben die Sparte "Düfte" geschlossen und die Sparte "Schuhe und Taschen" intern neu aufgebaut. So was kostet Zeit und Umsätze. Außerdem haben wir 2002 die Männerlinie auf den Markt gebracht - dieses Kind wurde in eine Zeit geboren, die verdammt schwierig war.

Als letztes eigenständiges Luxusunternehmen in Deutschland müssen Sie besonders durch den Faktor Qualität überzeugen. Hat die Qualität bei Strenesse immer gestimmt?

Leider sind wir in unserer Branche von Unwägbarkeiten abhängig. Wir wissen nie genau, was wir für Stoffe bekommen. Unsere Mode lebt unter anderem vom Schnitt und der Raffiniertheit des Materials. Und da müssen wir, um stets den Erwartungen einer trendsetzenden Marke zu entsprechen, teilweise ein Grenzgängertum wagen. Da kann es in Ausnahmefällen passieren, dass einzelne Teile sich irgendwann nicht mehr ganz so anfühlen wie beim Kauf.

Sie haben gerade zum zweiten Mal in New York Ihre Kollektion vorgestellt. Wie sehr hat Amerika Ihre Marke verändert?

Seit wir unsere Shows in Amerika machen, sind wir klarer in der Aussage. New York ist für uns derzeit reizvoller als Mailand. Dort zeigen wir nun nach über zehn Jahren nicht mehr. In Italien herrscht zurzeit eine eher triste Stimmung, die Amerikaner sind viel beweglicher und optimistischer. Durch den Schritt nach Übersee bringen wir eine neue Dynamik in den Laden, auch modisch: Wir sind nicht mehr so einseitig wie früher, meine Frau setzt ihrem Minimalismus jetzt Romantik entgegen. Da sind Kontraste drin, Farben, viel Feminines, gepaart mit geraden Linien.

Ihre älteste Tochter Viktoria leitet die Strenesse-Läden. Ihr Sohn Luca arbeitet bei Daimler-Chrysler. Haben Ihre Kinder das Zeug, eines Tages die Firma zu führen?

Noch sind sie zu jung dafür und müssen eigene Erfahrungen sammeln. Für mich gilt: Der Beste muss rein. Jeder, der sich nun bewirbt, soll wissen: Das Ego eines Managers in einem Familienunternehmen muss kleiner sein als das Ziel, das das Unternehmen vorgibt.

Tragen Sie selbst eigentlich noch Kleidung jenseits von Strenesse?

Alles, was Sie sehen, stammt von Strenesse. Und alles, was Sie nicht sehen, ist nicht Strenesse.

Interview: Oliver Creutz, Mareile Grimm

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